niiu: Erste personalisierte Tageszeitung veröffentlicht

von

niiu Logo
Vor kurzem haben wir über niiu berichtet, die erste personalisierte Tageszeitung der Welt. Personalisiert heißt: frei wählbare Inhalte aus diversen Tageszeitungen und aktuelle Berichte aus Blogs und Online-Magazinen, die man sich über eine Website selbst zusammenstellen kann, etwa den Meinungsteil der FAZ, Politik aus dem Tagesspiegel und den Wirtschaftsteil aus dem Handelsblatt — und das dann gedruckt nach Hause geliefert bekommen. Garnieren lässt sich diese Mischung mit einem frei wählbaren Namen sowie diversen Widgets, etwa Wettervorhersagen und Sudokus. Eine Tageszeitung, ausschließlich gefüllt mit den Inhalten, die mich interessieren? Klingt gut! Zumal niiu bereits eine ansehnliche Zahl an Medienpartnern für die Idee gewinnen konnte. Das LoadBlog wirft einen Blick auf den niiu-Launch, zeigt, was gut ist, und was die Redaktion noch besser machen könnte.

niiu: Ausgabe 1

niiu – der erste Eindruck

Heute morgen kam die erste niiu-Ausgabe an, die man sich als Bürger der Hauptstadt kostenlos zum Testen ins Haus kommen lassen durfte. Als ich das Blatt aus dem Briefkasten fische, ist mein erster Gedanke: Hossa, das sieht ja professioneller aus, als ich gedacht habe. Der gute erste Eindruck wird beim Durchblättern aber etwas geschmälert: Die niiu ist gefühlt etwas kleiner als eine “normale” Tageszeitung, mit 335 × 475 mm etwa so groß wie das “Neue Deutschland”. Das ist ein gar nicht so unwichtiges Detail, denn die Wahl dieses Formates bedeutet, dass relativ viele der Zeitungen, die man in niiu “einfüllen” kann, verkleinert werden müssen. Seiten aus der New York Times etwa, die ein Format von 305 × 585 mm besitzen, sind bereits recht schwierig zu lesen – was aber auch daran liegt, dass bei allen NYT-Seiten ein unnötiger Rand gelassen wird. Das Druckbild ist nicht optimal, aber ausreichend. Schriften und Fotos wirken insgesamt zu blass.

niiu: New York Times und Hamburger Abendblatt

Zur Seitenbefüllung: Leider befanden sich in meiner ersten niiu-Ausgabe bei weitem nicht die Ressorts, die ich vorher im — durchaus komfortabel zu bedienenden Interface — angegeben hatte. So erhielt ich statt des Politikteils der New York Times die Lokalnachrichten der Nordwest-Zeitung, ziemlich viel Material aus dem Axel Springer-Verlag und sogar eine komplett leere Seite. Die Vorder- und Rückseite war komplett bedruckt mit Neuigkeiten aus der Videospiele-Szene von Gamona.de (die aber recht interessant waren). Anderen erging es genauso.

Schuld an diesen falschen Seiten ist anscheinend ein Softwarefehler, wie niiu im eigenen Blog schreibt, dieser soll aber sehr bald behoben sein. Und ganz ehrlich – so ein Lapsus gerade zu Beginn mag zwar ärgerlich sein, ist aber ein typischer Fall von Kinderkrankheit. In zwei Wochen denkt daran kein Mensch mehr. Was mir persönlich wirklich ausgesprochen gut an niiu gefallen hat, ist etwas, was man wohl am besten mit “Besitzerstolz” umschreiben kann. Mit der niiu halte ich zum ersten Mal wirklich “meine” Zeitung in der Hand. Oben auf dem Titel steht “Franks Zeitung”, und die Menschen in der U-Bahn blicken neugierig auf diese ihnen noch völlig unbekannte Zeitung.

Die Darstellung der Feeds aus Blogs und Onlinemedien kann noch verbessert werden, davon ab hat sich meine Befürchtung, dass Internetquellen irrelevant für eine Tageszeitung sein könnten, nicht bestätigt. Ein Artikel von gamona.de wurde von mir dank “Totholz” aufmerksamer gelesen, als ich es am Bildschirm je getan hätte, ich bin allgemein gegenüber längeren Texten toleranter, wenn sie sich auf Papier befinden. So lange die Quelle meinen Anspruch an Qualität erfüllt, ist diese Art, Onlinemedien zu lesen, eine echte Bereicherung.

Als Schlussfazit möchte ich fünf Dinge anbringen, die ich an niiu toll fand und fünf weitere Dinge, an denen niiu als nächstes arbeiten sollte.

5 Punkte, warum niiu eine Bereicherung ist bzw. sein kann

  • niiu ist meine Tageszeitung, mit ausschließlich den Inhalten, die ich ausgewählt habe. Nie wieder Sportteil!
  • niiu hat Potential. Und das steigt proportional zur Beteiligung von Medienpartnern. Wenn die Anpassbarkeit an die eigenen Wünsche noch auf die Werbung im Blatt ausgedehnt wird (und damit meine ich nicht die BMW-Anzeige mit meinem Namen auf der letzten Seite), kann die niiu meines Erachtens ökonomisch nichts mehr stoppen.
  • niiu integriert Internetquellen, die qualitativ bereichern, aber in anderen etablierten Medien höchstens am Rand wahrgenommen werden. Gaming-News beim Morgenkaffee? Mit niiu geht’s.
  • niiu besitzt durch die Personalisierung einen (mittelfristig leider vergänglichen) Hipness-Faktor. Gleich morgen ändere ich den Titel meiner Zeitung in “Mord & Totschlag”, um die Omas in der U-Bahn zu erschrecken.
  • niiu hat Bedeutung als Brückenschlag. Achtung, Klischee: auf der einen Seite des Flusses der glaubwürdige, aber krisengeschüttelte Printjournalismus, auf der anderen Seite die spontanen, kreativen, aber amateurhaften Weblogs. niiu schafft es, zwei Welten zu verbinden, die viel zu oft als unvereinbar dargestellt werden.

5 Punkte, an denen niiu jetzt arbeiten sollte

  • Die Softwareprobleme, die für die falschen Seiten verantwortlich sind, müssen beseitigt werden. So schnell wie möglich.
  • Die Seiten aus Zeitungen sollten besser skalieren, also mehr Platz auf den niiu-Seiten nutzen. Das erhöht die Lesbarkeit erheblich. Auch die Druckqualität kann noch verbessert werden.
  • Die Darstellung von Web-Inhalten sollte verbessert werden. Bilder sind wahrscheinlich ein drucktechnisches und lizenzrechtliches Problem, zumindest letzteres lönnte sich aber mithilfe von Creative Commons-Fotos oder Bildern aus anderen Quellen kompensieren lassen. Weblinks sind ein weiteres Thema. Ein Arbeitskollege fand in seiner niiu-Ausgabe einen 15-zeiligen Feedburner-Link abgedruckt — nicht schön! Links müssen definitiv anders dargestellt werden – entweder über tinyURLs oder ein Quicklink-System wie in vielen technikaffinen Zeitschriften.
  • niiu braucht mehr Content-Partner. Gerade Blogs aus Themennischen böten sich an. Wer Schach spielt, freut sich ganz bestimmt über die Möglichkeit, täglich News aus einem Schachblog lesen zu können, und so weiter.
  • Eine Zeitung ist Statement, ein Baustein von Identität: die Studentin mit ihrer SZ, der FAZ lesende Intellektuelle, die Birkenstock-TAZ-Leserin — die Zeitung, die ein Mensch in der Öffentlichkeit liest, hat Signalwirkung. niiu braucht noch mehr Möglichkeiten zur persönlichen Anpassung, um das “meine Zeitung”-Gefühl zu intensivieren. Soll heißen: Mehr Widgets, mehr Anpassungsmöglichkeiten für das Layout (“Skins”?). Eine Idee wären auch, verschiedene Formate anzubieten – von “Welt Kompakt”-Tabloid bis “FAZ”-Tapete. Dafür muss das Konzept natürlich erst einmal erfolgreich sein.

Mein Fazit: niiu steckt noch in den Kinderschuhen und hat entsprechende Probleme. Wenn die Redaktion diese Probleme zielgerichtet angeht, kann daraus aber durchaus ein sehr erfolgreiches Blatt werden, denn in dem Konzept steckt viel Potential. Ich freue mich auf die nächsten Ausgaben und drücke die Daumen.

Hinweis: Einen anderen Bericht zu niiu gibt’s auf dem Blog ViaJura.

Download-Pfeil
niiu: die personalisierte Tageszeitung
Im Testbetrieb in Berlin, kostenlose Probe-Ausgabe bestellbar

Wie gefällt euch die Idee einer personalisierten Tageszeitung? Werdet/Würdet Ihr euch niiu bestellen? Oder ist Print doch schon tot und zuckt nur noch ein bisschen? Lasst uns eure Meinung hören — in den Kommentaren.


Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA SOFTWARE

Anzeige
GIGA Marktplatz