Notizen von der re:publica 11: OpenLeaks-Konzept, Flattr für Tweets, Digitale Gesellschaft

Peer Göbel

republica 11
Im Berliner Friedrichstadtpalast dreht sich derzeit wieder alles um Netzpolitik, Technik/Kultur und Blogosphäre. Die dreitägige Blogger-Konferenz re:publica 11 läuft noch bis zum morgigen Freitag, wer möchte, kann die Veranstaltungen auch teilweise im Livestream auf der re:publica-Seite verfolgen (und auch nachträglich als Aufzeichnung). Hier schon mal meine Notizen zu den ersten beiden Tagen.

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Einige Räume sind leider zu klein - da gab's kein Hineinkommen

In acht unterschiedlichen Räumen (vom großen Friedrichstadtpalast bis zu den kleinen Seminar-Zimmern in der Kalkscheune) läuft bei der re:publica von 10 bis 21 Uhr ein bunter Strauß von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und praxisorientierten Workshops. Da kann man natürlich nicht alles mitnehmen, und am ersten Tag kam ich in einige der kleineren Räume auch gar nicht mehr rein. Ansonsten ist die re:publica auch ein kleines Meet- and Greet-Szenetreffen, für “die Blogosphäre”, die sich natürlich auch in viele Einzelöffentlichkeiten zersplittert. Die Stimmung war so weit gut, auch wenn das W-Lan nicht immer lief und der Regen das Herumstehen im Freien etwas torpedierte. Hier jedenfalls einige Eindrücke:

OpenLeaks – die Alternative zu Wikileaks

Daniel Domscheit-Berg, der Wikileaks-Aussteiger und Quasi-Gegenspieler von Julian Assange, stellte seine alternative Whistleblowing-Plattform Openleaks genauer vor. Neben diversen Seitenhieben auf Assange (“power corrupts”, Betonung von Fokussierung auf Verlässlichkeit, nicht Hype oder Berühmtheit) wurden auch die konzeptionellen Unterschiede zu Wikileaks deutlicher. Openleaks wird mit ca. 100 Partnern zusammenarbeiten (Medien und NGOs), die dann jeder auf ihrer eigenen Seite eine Annahmestelle für geheime Dokumente anbieten können. Openleaks stellt dafür die sichere “Babyklappen”-Infrastruktur zur Verfügung. Bei der Abgabe können die anonymen Quellen dann selbst bestimmen, ob ihre eingereichten Dateien zunächst nur für den speziellen (Medien-)Partner oder gleich für das gesamte Openleaks-Netzwerk freigegeben werden sollen. Zusätzlich zu den Partnern sollen auch Blogger oder Bürgerjournalisten Zugang zu den geleakten Dokumenten erhalten – warum die Dokumente nicht im zweiten Schritt einfach frei für alle zugänglich sein sollten, wurde mir allerdings immer noch nicht klar. Domscheit-Berg kündigte an, dass es einen Alpha-Test mit 6 Partnerseiten geben würde – offenbar ist das Projekt aber bei weitem noch nicht fertig programmiert.

Openleaks wird zwar nicht von den Partnern finanziert, diese sollen aber Ressourcen wie Serverplatz etc. zur Verfügung stellen. Außerdem kann man spenden – wie Domscheit-Berg verriet, kamen über den Flattr-Button schon über 600 Euro zusammen – und leitete somit elegant zum nächsten Sprecher über.

Flattr auf Deutsch und für jeden beliebigen Inhalt

Peter Sunde zog nach einem Jahr des Mikro-Spenden-Systems Flattr eine Zwischenbilanz und kündigte einige neue Features an. Der Pirate-Bay-Gründer trat Barfuß auf und zeigte in seinem wie immer unterhaltsamen Vortrag ein recht witziges Youtube-Video, auf dem ein Nutzer versucht, Flattr zu erklären, aber offenbar überhaupt nicht verstanden hat, was Flattr ist – nur, dass es total “cool” und “awesome” ist. Hier nochmal in ganzer Länge:

Sunde bestätigte, dass Flattr vor allem in Deutschland genutzt werde, und stellte gleichzeitig ein paar neue (durchaus einschneidende) Features vor: Zum einen gibt es die Flattr-Seite jetzt auch auf Deutsch, Spanisch und Französisch. Zum anderen kann man über Flattr nun auch direkt Geldbeträge spenden, was nach der Sperrung aller Wikileaks-Finanzierungswege die Seite rettete. Und vielleicht am wichtigsten: Ab dem 1.5. soll es möglich sein, auch Dateien/Seiten/Artikel zu flattrn, die keinen Flattr-Button neben sich stehen haben. Flattr wendet sich dann mit einer Mail an den Urheber und berichtet darüber, dass Geld für ihn bereitsteht (was natürlich auch ein gutes Marketing-Tool für Flattr ist). So wird es auch möglich sein, einzelne Tweets mit Spenden zu besehen.

(Wer nochmal mehr über Flattr erfahren will, findet hier noch ein Interview, das wir vergangenes Jahr mit dem Flattr-Team geführt haben (und hier auf englisch).)

Digitale Gesellschaft – Lobbyismus für die Netizens

Markus Beckedahl von Netzpolitik.org stellte am Donnerstag seine NGO namens “Digitale Gesellschaft” vor. Als eine Art Greenpeace oder BUND fürs Netz will der Verein a) internetpolitische Themen für eine breite Öffentlichkeit verständlich aufarbeiten, b) als Schnittstelle und Plattform für Kampagnen fungieren und c) als Interessenvertretung Lobbyarbeit im Sinne einer freien Netzkultur betreiben. Besonders der letzte Punkt sei wichtig, so Beckedahl, da bei Anhörungen z.B. zur Urheberrechts-Gesetzgebung die Industrie mit zahlreichen Lobbyisten vertreten ist, die Stimme der Netizens aber nur selten gehört wird. Die Seite der Digitalen Gesellschaft ist seit Mittwoch online, das scheint eine sinnvolle Sache zu werden.

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Am Donnerstag Nachmittag wurde ich noch von Jörn Schultz zum Thema “Media and Democratization in Africa” ins kalte Wasser geschmissen, als ich die Session im Livechat für vier äthiopische Blogger zusammenfasste und Fragen übertrug. Auch spannend, wie die Entwicklung dort weitergeht (hier hatten wir ja schon mal ein Interview zum ersten Barcamp Äthiopiens), im Panel mit Geraldine de Bastion berichtete Adam Thomas davon, wie das afrikanische Hauptmedium Radio durch neue Medien unterstützt werden kann und wie ein Netzwerk von kommunalen Stationen in Westafrika zusammenarbeitet.

Eine ähnliche Perspektive tat am Vortag Solana LarsensVorstellung von globalvoicesonline.org auf. In Afrika weitaus bekannter als in Europa, kann man vor der nächsten Reise ruhig mal reingucken, wie die Blogger/Bürgerjournalisten vor Ort die Situation in einem Land sehen.

Durchaus unpraktisch war, dass es kein vernünftiges gedrucktes Programm gab. Im Papier-Zeitplan stehen lediglich Titel der Veranstaltung und die Namen der Referenten, in der Online-Übersicht dagegen nur die Titel mit Unterzeile – was aber auch nicht gerade bequem abzurufen ist, wenn das mobile W-Lan zeitweise nicht geht. Wer ohne Laptop unterwegs ist, ist also etwas aufgeschmissen.

So, jetzt ziehe ich nochmal los zu “What’s happening? Love”. Morgen mehr.

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