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re:publica 2010: Notizen zur Social-Media-Konferenz

Frank Ritter
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republica 2010 logo
Auch wenn die re:publica 2010 in Berlin noch nicht beendet ist, möchten wir die Gelegenheit nutzen, ein erstes Fazit zu ziehen. Für alle, denen jetzt ein großes Fragezeichen über dem Kopf schwebt: Die re:publica ist eine jährlich in Berlin stattfindende Konferenz, auf der sich die bekanntesten Blogger, Twitterer und Social Media-Experten die Klinke in die Hand drücken. Dabei richtet sich die Konferenz nicht nur an ein deutschsprachiges, sondern auch an ein internationales Publikum. Der thematische Überbau ist stets ein (netz-)politisches Thema, in diesem vierten Jahr war der nicht allzu bedeutungsschwangere Slogan “nowhere“.

Neben Diskussionspanels, Vorträgen und Präsentationen zu allen Aspekten der Netzkultur ist ein weiterer wichtiger Aspekt stets “Socializing“, die re:publica gilt als Klassentreffen der Netzaffinen in Deutschland. Ohne jetzt meinen partikularen Eindruck als in irgendeiner Form objektiv aufzublasen, trifft der im Vorfeld von der FAZ geäußerte Vorwurf der Selbstreferentialität innerhalb der deutschen Blogs durchaus etwas zu. Wenn man auf dem Konferenzgelände herummäandert, fühlt man sich stellenweise als Fremdkörper inmitten eines elitären Grüppchens, das sich gut kennt, aber auch abschirmt. Wie gesagt, das ist ein persönlicher Eindruck.

Inhaltlich hatte die re:publica einiges zu bieten. Es ist bei einem Programm mit bis zu fünf parallelen Veranstaltungen selbstverständlich unmöglich, an allem teilzunehmen. Aber der Großteil der Veranstaltungen, die wir gesehen haben, war interessant. Hier eine unvollständige Übersicht.

Jeff Jarvis
Der amerikanische Blog-Star Jeff Jarvis hielt gleich am ersten Tag unter dem Namen “The German Paradox“, ein Titel, der sich auf den Widerspruch zwischen deutscher Freikörperkultur und dem hohen Stellenwert von Datenschutz und Privatsphäre hierzulande bezog, einen mitreißendes Plädoyer für die Offenheit von persönlichen Daten. Als Beispiel nannte er seine Prostatakrebs-Erkrankung, über die er ohne Scham in seinem Blog berichtete. Die daraufhin erhaltenen Kommentare und E-Mail von anderen Betroffenen hätten ihm einen Einblick in die Krankheit gegeben, die er aus keiner anderen Quelle erhalten hätte. Jarvis betonte, dass sein Blogartikel und die Kommentare auch zukünftig über Google aufgefunden werden könnten und anderen Erkrankten helfen könnten. Die Thesen von Jarvis waren provokant, aber durchaus bedenkenswert. Simon Columbus hat bei Spreeblick eine ausführlichere Zusammenfassung des Vortrags geschrieben.

Jurist Udo Vetter vom Lawblog gab später eine gute Einführung in die wichtigsten rechtlichen Aspekte beim Bloggen. Meinung äußern: gut. Verleumden und Beschimpfen: nicht gut. Zitieren: Gut. Content stehlen: Nicht gut. Diesen Votrag hält Vetter zwar auf jeder re:publica, aber die Wichtigkeit, einen Workshop zu diesem Thema zu halten, wird dadurch nicht geschmälert, wie die zahlreichen Abmahnungen zeigen, die Blogger immer noch erhalten.

Ausführlicher und ebenfalls sehr erhellend war der Workshop von Thorsten Feldmann und Henning Krieg mit dem Titel Bloggen und Recht. Ich konnte nach drei Stunden nicht mehr, offenbar ging es noch zwei Stunden weiter; die stichpunktartige Präsentation steht auf dem Feldblog zum Nachlesen. Unterhaltsam und mit vielen praktischen Beispielen gespickt drehte sich die Veranstaltung um die rechtlichen Pflichten von Blogs (eindeutig z.B.: Impressum mit Name, Adresse, Name des Verantwortlichen sowie Datenschutzerklärung, beides erreichbar in 1-2 Klicks von jeder Seite), um Streit- und Spezialfälle (eigentlich bräuchte man auch bei Twitter ein Impressum…) – und brachte etwas Licht in die komplexe Materie.

Sascha Pallenberg von netbooknews erzählte davon, wie man mit Blogs Geld machen könne. Ein spannendes Thema, da es im Gegensatz zu den USA in Deutschland nur sehr wenige Weblogs gibt, mit denen tatsächlich Geld erwirtschaftet werden kann. In Kurzform: Man müsse Leidenschaft für das Thema aufbringen, alle Kraft in das Projekt investieren, eine Community aufbauen und ein Netzwerk mit wichtigen Personen aus der eigenen Nische bilden. Den meisten Gewinn erziele er aus Amazon-Affiliate-Links, auch tlefonische Anfragen bei Hardware-Herstellern hinsichtlich Direktmarketing hätten ihre Erfolge gezeigt. Die Erkenntnisse aus dem Vortrag waren insgesamt recht mau, zudem nervte Pallenberg mit der aufdringlichen Attitüde eines “Motivational Speakers“. Ein sachlicheres Auftreten des Redners hätte dem Thema gutgetan.

Sascha Lobo

Am Abend des ersten Konferenztags gab Netz-Streitfigur Sascha Lobo unter dem Titel “How to survive a shitstorm“ Einblick in die Art und Weise, wie er von Trollen aus dem Netz angegangen wurde – von wüsten Beleidigungen über Sabotageversuche in seinem Blog bis hin zu nächtlichen “Klingelstreichen“ betrunkener Postpubertierender. Es handelte sich um einen sehr amüsanten und eloquent gehaltenen Vortrag im “Riesenmaschine“-Stil. Unter dem vorher angekündigten massiven Überziehen der Redezeit litt die anschließende Twitterlesung. Diese war stellenweise hochkomisch, litt aber unter einem für das Medium typischen Problem: Unter der geballten Wirkung von ca. 200 Pointen in kurzer Zeit kommt der einzelne Tweet nicht zur Geltung, der nächste Witz folgt schließlich auf dem Fuße. Dennoch verkam die Veranstaltung nicht zur Fips Asmussen-Gagparade. War schon lustig, das.

Am Donnerstag gab Daniel Schmitt von Wikileaks einen Einblick in Arbeit und Funktionsweise der Whistleblower-Seite. Bei Wikileaks können politisch und gesellschaftlich brisante Dokumente anonym eingestellt werden, Wikileaks kümmert sich um die Sichtung, Strukturierun und Verfügbarmachung/-Erhaltung dieser Dokumente. Auf diese Weise sind bereits diverse weltweite Schlagzeilen ausgelöst worden wie etwa jüngst beim “Collateral Murder“-Video, welches die zynischen Kommentare der Besatzung eines Kampfhubschraubers beim Kampfeinsatz im Irak zeigt, bei dem neben Zivilisten auch ein Reuters-Journalist getötet wurden. Der Großteil dieser Arbeit wird ehrenamtlich getan, weswegen Wikileaks auf Unterstützung angewiesen ist. Der Vortrag wurde souverän gehalten, im Anschluss gab es zum Teil Standing Ovations. Wem die Wichtigkeit eines unzensierten Internets vorher egal war, musste spätestens jetzt überzeugt sein.

//Weitere Notizen von Peer:

Freitag früh stellte Jens Trapp von Google in einem sponsored Talk einige Projekte der Google-Welt vor, die noch nicht so recht ins Bewusstsein gedrungen sind: My Maps, womit man Landkarten mit Notizen speichern kann und an Leute verschicken, Google Sites für die eigene Website in wenigen Sekunden, wo dann alle möglichen Vorlagen/Dokumente/Formulare eingebunden werden können, der Einsatz von Scripts bei Spreadsheets, Google Code… eine ganze Palette von Diensten, die das Leben in der Cloud vereinfachen können, aber eben so eine Art Parallelstruktur zum normalen Web aufbauen. Gute Erkenntnis: Unter dataliberation.org steht geschrieben, wie man die eigenen Daten aus Google-Diensten wieder herausbekommt (nein, die Suche ist nicht dabei).

Das eher wenig kontroverse Panel über feministische Netzkultur am Donnerstag hielt inhaltlich zwei Punkte parat: Dass das Thema mitnichten erledigt ist und sich in der Vernetzung etwas getan hat. Wie nötig die Ansprache des Themas ist, zeigte dann auch die Veranstaltung am Folgetag über Sexismus im Internet. Oder vielmehr die Kommentare zum Livestream. Wer da noch behauptet, es gäbe überall Trolle und das hätte mit Geschlecht nichts zu tun, sieht nicht sehr genau hin. Auch zum Thema: Medienelite, Antje Schrupp. Es läuft wohl darauf hinaus, dass das Internet eben genauso emanzipatorisch oder sexistisch ist wie die Gesellschaft drumherum, dass Foren, Blogs, Chats usw. “nur” weitere Orte der Auseinandersetzung sind.

In diesem Sinne führte auch Felix Schwenzel von wirres.net seine Argumentation, warum das Internet scheiße ist. Antwort: Weil die Welt scheiße ist. Ein unterhaltsamer Vortrag mit einigen Dingen, die am Internet nerven (“Dieses Video ist leider nicht verfügbar”, Kommentare, “der Blog”, Leute die Leute korrigieren, wenn sie “der Blog” sagen…), rückgeführt darauf, dass die uns auch im realen Leben nerven (Internet=Fulda). Und er stellte auch die Frage, ob die “Internetcommunity” mit Anti-Zensur-Geschrei eigentlich eher einer neoliberalen Agenda das Wort redete.

In dem Zusammenhang überraschte mich die Darstellung vom Netzkritik-Wissenschaftler Geert Lovink, dass das Konzept einer “Free Culture” (mitsamt Creative Commons) eine Idee von neoliberalen Thinktanks gewesen sei. Seine Argumentationskette ging dahin, dass man Wege finden muss, die Kreativen wirklich für ihre Arbeit zu vergüten (und nicht T-Shirts als Geschäftsmodell zu preisen). Habe zu der Position einen älteren Artikel von ihm gefunden. Ebenfalls erhellend: Was Nutzerzahlen im Web 2.0 angeht, hat Asien bereits Europa und USA zusammen überholt. Noch ist Englisch die meistgeschriebene Web-Sprache, wird aber in Kürze von Chinesisch abgelöst, Spanisch und Arabisch könnten folgen.

Am Freitag hielt noch Götz Werner, Chef der DM-Drogeriekette, einen Vortrag über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Mit der grundsätzlichen Idee konnte er sicher offene Türen einrennen. In etwas väterlich-bundesrepublikanischer Art sprach er davon, dass Arbeit für einen selbst Sinn ergeben sollte und gab zu bedenken: Jeder Mensch hat zwei Menschenbilder – ein humanistisches über sich selbst und ein materiell orientiertes über die anderen. Einige Denkanstöße.

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Ein Lob gebührt den Organisatoren von Spreeblick und Netzpolitik.org. Ich war zwar noch nicht auf vielen Konferenzen, aber diese war besser organisiert als die andere. WLAN gab's hier und da, und Platz genug war auch meistens. So muss das sein. Danke, Leute!

Für den Überblick und weitere Berichte gibt es auf der re:publica-Seite einen Blog-/Pressespiegel.

Bild “Sacha Lobo” und “Jeff Jarvis”: Andy Macht (cc)

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