Simon the Sorcerer vs. Monkey Island -- das iPhone als Retro-Game-Konsole

Peer Göbel

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Ein echtes Point-and-Click-Adventure-Revival rollt durch die iPhone-Welt. Nach Monkey Island ist nun auch der Adventure-Klassiker Simon the Sorcerer im AppStore erhältlich. Man könnte sagen, das iPhone wird nun also die Zweitverwertungsplattform der Software-Branche, wie die CD nach der Schallplatte für die Musikindustrie. Oder: die Zeit ist wieder reif für Games mit echten Geschichten — parallel dazu, wie Fernsehserien mit komplexen Erzählsträngen boomen (Lost, 24, Sopranos, Heroes, you name it). So werden nun auch Computerspiele in Kapiteln verkauft — etwa das aktuelle Penny Arcade Adventures von Monkey-Island-Macher Ron Gilbert. Mir egal: Gestern ist Simon the Sorcerer fürs iPhone erschienen — ich habe es mir gleich runtergeladen und spiele es nun parallel zu Monkey Island. Ein Vergleich.

Spiele-Klassiker in der Westentasche

Der Erfolg der Retro-Games auf dem iPhone hängt auch damit zusammen, dass dessen Nutzer bei den etwas älteren Semestern zu suchen sind — die mit diesen Spielen ihre Computer-Sozialisation vor 15 Jahren verbinden. Und der Coup, den Apple mit dem iPhone gelandet hat, liegt auch darin, dass eine arbeitende und lebenskünstlerische Zielgruppe erreicht wird, die dann eben ein paar Euro für eine vielversprechende App ausgeben — wenn es einfach funktioniert und wenig Mühe kostet. Das ist leichter, als im Netz nach den Wegen zu Kamellen und Perlen zu suchen. Und: Beim iPhone hat man die Software immer in der Tasche.

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Da will ich mich gar nicht ausschließen, und das heißt in meinem Fall, dass ich auch sechs Euro für den tragbaren Monkey-Island-Spaß ausgebe (der im übrigen länger andauert als so manches neue Game), und mir gestern auch Simon the Sorcerer für vier Euro runtergeladen habe — eine 1:1-Umsetzung eines Spiels von 1993. Das muss man sich mal vorstellen.

Point-and-Click: Von drei Disketten auf 75 MB

Also: Simon the Sorcerer. Ich glaube, ich habe es damals gar nicht gespielt, im Gegensatz zu Monkey Island, an das ich noch einige flüchtige Erinnerungen habe. Die iPhone-Version von Simon sieht tatsächlich nach einer einfachen Adaption des alten MS-DOS-Games aus, lediglich die Musik wurde etwas aufgehübscht, ansonsten läuft es über die Open Source  ScummVM-Engine (die diverse Point-and-Click-Adventures auf verschiedenen Plattformen zum Laufen bringt) und ist bislang nur auf englisch erhältlich (mit etwas Geduld: eine deutsche Version ist angekündigt). Damals drei 3,5”-Floppy-Disks, ist Simon heute 75 MB groß (während Monkey Island sagenhafte 400 MB einnimmt).

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Das Game galt damals schon als Mehr-als-ein-Monkey-Island-Rip-Off, dank eigenem Charakter und Witz. Der britische Produzent Adventure Soft hatte zwar in den 80ern unter dem Namen Adventure International gelinden Erfolg mit “Gremlins” und Text-Adventures wie “The Hulk”, aber so richtig kam weder vor noch nach der Simon-the-Sorcerer-Serie noch etwas. Da kann LucasFilm-Games einiges mehr vorweisen.

Simon the Sorcerer kann in punkto exquisitem Humor – man könnte fast sagen, britischem Humor – durchaus mit den LucasArts-Adventures mithalten. Die Steuerung ist nicht unbedingt umständlicher als bei der aufs iPhone angepassten Monkey-Island-Version (bei der man sich anstrengend durch die Gegenstände und Optionen klickt), bei Gesprächen ist es etwas tricky, den gewünschten Satz zu drücken. Dafür funktioniert das Herumlaufen intuitiver. Gute Englisch-Kenntnisse sollte man allerdings bei Simon mitbringen. So sieht’s aus:

Ein wenig Harry-Potter-mäßig ist die Vorgeschichte: Ein Junge entdeckt durch seinen Hund Chippy ein Zauberbuch auf dem Dachboden und gelangt in eine andere Welt, in der er den bösen Zauberer besiegen muss.

Grafik und Sound reloaded

Beide Spiele haben unterhaltsame (englische) Sprachausgabe, die Musik klingt bei Simon allerdings sehr Midi-mäßig künstlich. Bei der Grafik hat Monkey Island die Nase vorn — kein Wunder, wurde das Spiel doch nochmal überarbeitet, während Simon the Sorcerer mit der alten Grafik aufwartet. Das Zwei-Finger-Streichen zum Wechseln in den alten Grafik-Modus fällt bei Simon also weg.

Im Vergleich Monkey Island auf dem iPhone:

Das Schütteln des iPhones, das einem bei Monkey Island direkte Tipps zum Weiterkommen bietet, führt bei Simon zur holprigen Anleitung. Für konkrete Tipps und Walkthroughs muss man im Netz suchen, z.B. hier.

Fazit: Müsste ich wählen, würde ich Monkey Island nehmen, das  deutlich filmischer ist und mit schöneren Zwischensequenzen aufwartet. Außerdem gibt es den eingebauten Cheat-Modus, weniger nervige Musik und die liebevollerer Umsetzung aufs iPhone. Simon the Sorcerer scheint dagegen ein Schnellschuss der Umsetzungsfirma iPhSoft zu sein – nur auf englisch erhältlich, keine echten Zusatzfeatures für die neue Version, schlampige deutsche Menüs. Allein die Klasse des Spiels selbst lässt darüber hinwegsehen.

Etwas haklig ist bei beiden Games die Steuerung auf dem Touchscreen, aber man gewöhnt sich dran. Und  zum Glück muss ich ja nicht wählen. Seitenhiebe auf Piraten-Mythologie und Scheibenwelt-mäßige Fantasy-Comedy sind Geschmackssache – aber sehr nach meinem Geschmack. Lohnt sich.

für 3,99
Der britische Adventure-Klassiker

für 5,99
LucasArts’ Point-and-Click-Adventure deluxe

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