Kommentar: Warum Google Wave scheitern musste

google wave: tot
Google hat gestern angekündigt, Wave nicht mehr weiterentwickeln zu wollen. Der Dienst werde bis Ende des Jahres weiter angeboten, danach soll er offensichtlich weitgehend der Open Source-Gemeinde übergeben werden. Grund: Der mangelnde Erfolg des Dienstes. Das Abschalten von Wave zeugt einerseits von der positiv zu wertenden Fähigkeit Googles, Fehlschläge einzugestehen, ist aber dennoch schade. Ein Kommentar.

Google Wave ist tot. In einem Blogeintrag von gestern Abend schreibt Urs Hölzle, Senior Vice President von Google, dass der Dienst zwar loyale Fans, nicht aber die Übernahmebereitschaft von Nutzern in der breiten Masse gewonnen habe, die man sich gewünscht habe.

Als Google Wave im Mai 2009 auf der Konferenz Google I/O angekündigt wurde, war die Zuhörerschaft begeistert. Von der Fortentwicklung der E-Mail war die Rede, mit integriertem Chat, Forum, der Anbindung von Multimedia-Inhalten sollte das in die Jahre gekommene Medium E-Mail ins Altersheim geschickt werden. Die schillernde Geschichte um eine Arbeitsgruppe, die vorher Google Maps erarbeitet habe, und isoliert über mehrere Jahre hinweg an Wave arbeitete tat ihr übriges.

Nach der euphorischen Begrüßung des neuen Dienstes folgte jedoch schnell die Ernüchterung. In der ersten geschlossenen Betaphase waren die “Invites”, also Einladungen zum Test von Google Wave, rar gesät. Das hatte zur Folge, dass diejenigen Nutzer, die einen der begehrten Wave-Benutzerkonten ergattern konnten und als Early Adopter wohl am ehesten bereit gewesen wären, sich auf diese neue Technik einzulassen, niemanden zum kollaborativen Arbeiten an einer Wave finden konnten. Wer Lust hatte, ein Projekt mit Wave zu planen, scheiterte an der Tatsache, dass prinzipiell nie alle Beteiligten ein Wave-Benutzerkonto hatten. Viele Nutzer drangen somit nie zum ersten großen Aha-Erlebnis durch, live zu sehen, wie ein anderer Wave-Teilnehmer einen Eintrag bearbeitet, ein Foto hochlädt oder einen eigenen Kommunikationsstrang beantwortet. Das Invite-System zum Wecken von Neugier und Verlangen mag bei Google Mail gut funktioniert haben – bei Wave war es jedoch nötig, dass die “Gegenstellen” ebenfalls Google Wave verwendeten. Die Entscheidung, Wave zunächst nur einem beschränkten Benutzerkreis zugänglich zu machen, war der erste große Fehler von Google.

Google Wave: Und nun

Ein weiterer Punkt, warum Wave die hohen Erwartungen, die im Vorfeld geweckt wurden, nicht erfüllen konnte war, dass Google den Einstieg in das komplexe System von Wave zu schwierig gestaltete. So fand man sich zunächst in einer Inbox wieder, die lediglich mit einer nicht editierbaren Erklärungs-Wave gefüllt war. Anstatt den Nutzer bei der Hand zu nehmen und ihm zu zeigen, was mit Wave alles möglich war, stand er vor seiner Wave-Inbox wie der Ochs vorm Berg. Ein Produkt, welches sich dem Nutzer nicht innerhalb der ersten 5 Minuten erschließt, ist ein totes Produkt. Dieser Satz birgt eine gewisse Grausamkeit in sich, trifft aber leider zu. Dem Nutzer den Einstieg in Wave nicht so leicht wie möglich zu machen, war der zweite große Fehler von Google.

Mit beiden vorher genannten Aspekten steht der dritte Grund für das Scheitern von Wave im direkten Zusammenhang: der Hype. Jeder wollte Wave testen, Invites für Wave wurden auf eBay gehandelt, der Dienst mit Vorschusslorbeeren überhäuft, die er (noch) nicht erfüllen konnte. Insbesondere in der Anfangsphase lief Wave instabil und die möglichen Einsatzzwecke waren unbekannt. Selbst Webgrößen wie Robert Scoble bescheinigten dem Dienst, dass er eher das schlechteste aus Instant Messaging und E-Mail vereine und die Entwicklung moderner Kommunikationsformen und -Techniken wie Twitter oder RSS ignoriere. Damit einher gehe eine Verringerung der Produktivität.

Das ist, nüchtern betrachtet, Quatsch. Wave hat legitime Einsatzzwecke, so etwa kollaboratives Brainstorming und Projektplanung, die jedoch zu erkennen und zu nutzen einige Zeit und initialen Aufwand zum Erlernen des Mediums in Anspruch nimmt. Dieser steht jedoch im Gegensatz zu der Art und Weise, wie Wave am Anfang genutzt wurde: Jeder neue Teilnehmer war froh, überhaupt andere Wave-Nutzer in der Kontaktliste zu haben, die auch ein Konto besaßen und erstellte ziellos Waves ohne Sinn und Zweck.

Wave steht jedoch in keiner Konkurrenz zu Diensten wie Twitter oder Techniken wie RSS, hat genau genommen nicht einmal mit E-Mail allzuviel zu tun. Wave ist ein Tool für Planung, Brainstorming und Dokumentation. Aie Annahme, die Google weckte, war jedoch, die nächste große Wundertechnologie für alles und jeden entwickelt zu haben. Die Enttäuschung der Geek-Szene durch die Konfrontation mit der nüchternen Realität wurde kumuliert durch die hohen Erwartungen und falsche Vorannahmen. Ein großes Problem, das zum großen Teil auch Google anzurechnen ist. Hätte Google von Anfang an kleinere Brötchen gebacken und Google Wave nicht als die Kommunikationstechnologie für das neue Jahrtausend präsentiert, wesentlich mehr Nutzer hätten Wave wohl nicht gleich nach den ersten Gehversuchen aufgegeben.

Google Wave

Ach so geht das! – Google Wave im Produktiveinsatz

Bei aller Kritik ist es schade, dass Google Wave verschwinden wird. In einigen Anwendungsbereichen war und ist Wave ein äußerst praktisches Tool. So etwa für Projektplanung und Aufgabenverteilung. In den Winload News, für die ich auch schreibe, erstellen wir unsere Tagesplanung per Google Wave – es hat sich als ein hervorragendes Tool zur Aufgabenfindung und -verteilung erwiesen. Beeindruckend war auch, wie das US-Blog Lifehacker seine Live-Berichterstattung zur diesjährigen Google I/O-Keynote über eine auf der Seite eingebettete Google Wave realisierte. Den Redakteuren live beim Eintippen der Neuigkeiten nebst Ad-Hoc-Kommentaren zuzusehen gab mir als Rezipienten ein Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl.

Immerhin: Wave ist nicht ganz tot. Google hat angekündigt, dass die Technologie in andere Dienste inkorporiert wird. Google Docs zum Beispiel profitiert bereits jetzt erheblich von der Live-Kollaborations-Technolgie, die Mitte April eingeführt wurde. Google plant also offentlich auch, die Wave-Technik an die Open Source-Gemeinde zu übergeben, so wie sie es auch mit Etherpad oder Gears getan haben. Sollte man sich zukünftig also einen eigenen Wave-Server aufsetzen können, dessen Software von fähigen Programmieren gepflegt und erweitert wird, wäre der Verlust von Google Wave für den versprengten Haufen Menschen wie mich, der Wave intensiv genutzt hat, weniger schmerzlich.

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