High Tech, Low Life – Die wahr gewordene Zukunft der Cyberpunks

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Die Presse tat sich mit dem Netz besonders schwer. Die Washington Post verwendete das Wort »Internet« zum Beispiel erst am 26. September 1988  zum ersten Mal. Es tauchte plötzlich in ihrem Wirtschaftsteil auf. Die Air Force hatte einem kleinen Unternehmen aus McLean den Auftrag erteilt, ein internes Datennetzwerk für die amerikanische Luftwaffe zu errichten. Der Deal war der Washington Post eine Meldung auf Seite 30 wert. Die ungeheuren Kräfte, die in diesem Wort auf ihre Entfesselung warteten, die das Leben auf dem Planeten Erde für immer verändern sollten – sie blieben unerkannt.

High Tech, Low Life – Die wahr gewordene Zukunft der Cyberpunks

Nicht einmal jene, die direkt an der Entwicklung des Internets beteiligt waren, erkannten sein Potential zu dieser Zeit. Der Informatiker Marc Andreessen schraubte 1992 zusammen mit einigen Studenten der Universität Illinois an einem Programm, das es seinem Nutzer ermöglichen sollte, mit Hilfe einer grafischen Benutzeroberfläche zwischen räumlich getrennten Datenbanken hin und her zu wechseln. Als eine erste Version dieses Programms fertiggestellt war, wurde sie von Andreessen an Freunde verschenkt oder zur Weiterentwicklung an Kollegen übergeben. Der Mann hatte den ersten Webbrowser „Mosaic“ entwickelt und es sollte noch weitere zwei Jahre dauern, bis ihm jemand das Potential dieses Programms erklärte.

Was das alles mit Cyberpunk zu tun hat? Nun, die Geschichte des Internets macht deutlich: Wissenschaftlern und Journalisten fehlt es oft an Vorstellungskraft. Wer nach einem unverstellten Blick in die Zukunft sucht, der sollte sich immer zuerst in der Kunst umsehen. Was weder Medien noch Wissenschaft zu Beginn der 90er Jahre erkannten, war seit über einem Jahrzehnt längst Realität geworden – und zwar in den Köpfen der Cyberpunk-Autoren.

Fantastische Realität

Es ist das freie Spiel mit dem Möglichen, das die Vertreter der Science-Fiction immer wieder zu wahren Propheten macht. Jules Verne entsendete seine Zeitgenossen ein Jahrhundert vor der bemannten Raumfahrt zum Mond. Arthur C. Clarke erdachte in den 40er Jahren unser heutiges Satelliten- und GPS-System.

Die Gabe der Vorstellungskraft kann dabei aber genauso schnell zum Fluch werden. Cleve Cartmill schrieb 1944 zum Beispiel in einer Kurzgeschichte über ein Regierungsprojekt, bei dem unter strengster Geheimhaltung an einer Super-Atomwaffe gearbeitet wurde. Wenig später klingelte das FBI an seiner Tür und forderte ihn auf, seinen Spitzel im Manhattan Projekt zu enttarnen. Eine rege Fantasie kann gefährlich sein.

Den Cyberpunks gebührt in dieser Tradition der fiktionalen Vorhersehung eine besondere Rolle. Autoren wie William Gibson, Bruce Sterling, Lew Shiner, Pat Cadigan, John Shirley oder Greg Bear standen wenigen für eine klassische Erforschung des Fantastischen. Ihre Agenda war eine andere. Dem Cyberpunk ging es um das Erkennen des Fantastischen in der realen Welt.

Cyberpunk was right!

Internet, Hacker, Cyberspionage, virtuelle Wirtschaft, Implantate, Gehirnsteuerung, Denationalisierung, Grosskonzermacht, Medienmanipulation, Videospielsucht, Gated Communities, Wiki Leak, Globalisierung, Söldnerkriege und High Tech-Soldaten – die Trefferliste des Cyberpunk ist so beängstigend lang, weil sie die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen ihrer Zeit radikal zu Ende dachten.

So gesehen war dieses Genre auch nie ein literarischer Stil, sondern vielmehr eine kollektive Suchbewegung nach realistischen Zukunftsszenarien. Dass die Autoren des Cyberpunk bei ihrer Suche nach dem Möglichen vor allem postindustrielle Dystopien fanden, hat dabei viel mit der Mentalität der 80 Jahre zu tun.

Es war ein Jahrzehnt, in dem aus bösen Vorahnungen eine tief verwurzelte Angst vor dem Ende der Welt wurde. Tschernobyl, der Falklandkrieg, die Chemiekatastrophe in Bhopal, die ständige Bedrohung der atomaren Vernichtung und massiver Sozialabbau – der Pessimismus des Cyberpunk kam nicht gerade von ungefähr.

An William Gibsons Werk wird das besonders gut deutlich. Mit „Johnny Mnemonic“, „Neuromancer“, „Biochips“, „Mona Lisa Overdrive“ schuf Gibson zwischen 1981 und 1988 ein Genre, in dessen Mittelpunkt das Versagen von Demokratie und die endgültige Kommerzialisierung menschlichen Lebens durch skrupellose Konzerne steht. Gibson schrieb seine Romane und Kurzgeschichten, als Ronald Reagan und Margret Thatcher zur historischen Höchstform aufliefen. Gibson war nicht der Einzige, dem die Predigt vom Turbokapitalismus ernsthafte Zukunftsängste bereitete. In seinen Geschichten ließ er diese Ängste Wirklichkeit werden.

Cyberpunk – High Tech, Low Life

Die klassischen Science-Fiction-Elemente des Cyberpunk – High-Tech, das Hacking, der Posthumanismus – sind deshalb auch nie fiktiver Selbstzweck, sonder immer auch Ausdruck politischer Dystopien: High Tech, Low Life – das Kernthema des Genres ist der Widerspruch.

Die Keyboard-Cowboys der Cyberpunk-Literatur ermächtigen sich der Technologie nur, weil sie das einzige Mittel ist, mit dem sie überleben und zurückschlagen können. In den von Armut und Umweltverschmutzung geprägten Megacities führen sie einen aussichtslosen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner. Die Herrschaft der Konzerne ist total.

Macht, Wohlstand und die freie Verfügung über Information sind das Privileg einer alles überwachenden Elite. Die Cyberpunks bekämpfen den globalen Goliath deshalb da, wo sie es können: im virtuellen Raum. Das Ziel ihrer Hackerangriffe ist die Befreiung der Informationen. Die Cyberpunks sehen Informationen als Machtinstrumente und diese Macht muss wieder gerecht verteilt werden.

Anders als die Science-Fiction-Helden vor ihnen sind die Cyberpunks somit immer auch politische Akteure. Vielleicht sind sie sich selbst dieser Tatsache nicht immer bewusst, doch am Ende stehen sie für einen radikalen Individualismus und gegen ein System totaler Kontrolle. Sie setzten High-Tech-Fähigkeiten gegen all jene ein, die versuchen, Technologie zu kontrollieren und für die Beschränkung der Freiheitsrechte einzusetzen. Sie beobachten die Beobachter, sie verraten die Geheimnisse der Mächtigen, sie verteilen, was zusammengerafft wurde – sie sind die Robin Hoods des Informationszeitalters.

Ist Cyberpunk noch aktuell?

Es ist diese politische Natur, die dem Cyberpunk bis heute seine Bedeutung schenkt. So beeindruckend die Vorhersagen zum World Wide Web, zur Virtual Reality, zu Designerdrogen, Anonymous oder moderner Medizintechnik auch sein mögen – das Erkennen zukünftiger Gesellschaftskonflikte war die mit Abstand größte Leistung des Cyberpunks. Ohne das Wort »Internet« verwenden zu können, schrieben Gibson & Co. vor 30 Jahren über das größte Dilemma der Gegenwart. In einer global vernetzen Welt, in der die Technologie allen Menschen alle Mittel zur freien und gleichen Teilhabe an der Zukunft ermöglichen könnte, erleben wir die bisher schwersten Krisen der Demokratie. Die Zukunft des Cyberpunks ist wahr geworden.

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