Verschiedene Synthesizer eignen sich unterschiedlich gut für bestimmte Aufgaben und An­wender. Absynth von Native Instruments hat bislang den Ruf eines abgefahrenen, aber komplizierten Sounddesign-Synthesizers. Version 5 soll das ändern.

Was den Synthesizer im Alien-Look von der Masse der Klangerzeuger seit jeher abhebt, sind die Multisegment-Hüllkurven. Diese lassen sich jedem beliebigen Synth-Parameter zuweisen und mit zusätzlichen Loops versehen. Sie fungieren so als eine Art zielgerichteter LFO. In Verbindung mit den Oszil­lator-Optionen wie Granular- und Sample-Player, fraktale Brechung des Oszillators, FM-Synthese oder Audio-in lassen sich aufregende Sounddesign-Experimente realisieren.
Grundlage für die Klangerzeugung sind drei Oszillatorstränge (zwei Effekte oder Filter je Strang sowie eine Filter-, Effekt- und Waveshaper-Abteilung im Masterkanal), die man mit verschiedenen Modulen zur Klangerzeugung bestückt. Absynth beherrscht Optionen wie das Morphing zwischen zwei verschiedenen Wellenformen, die als Grundlage für einen LFO oder Oszillator taugen. Die Macro-Controller sind frei zuweisbar und steuern mehrere Parameter gleichzeitig für einen schnellen Zugriff auf das grundlegende Klangbild. Natürlich sind mit Absynth auch reguläre Aufgaben wie Bass-, Chord- oder Lead-Sounds kein Problem.

 

Zufälle und Verwandlungen

Ein Manko war bislang, dass Absynth sehr viel Einarbeitungszeit beansprucht. Ohne Handbuch und umfassende Synthesekenntnisse war man hier schnell mit seinem Latein am Ende.
Viele Nutzer bedienten sich daher häufig lediglich der Presets. Die Klangmutation – eine der neuen Hauptfunktionen – soll dieses Problem beheben. Mit ihr lassen sich auf Knopfdruck von einem bestehenden Preset mehr oder weniger ähnliche Derivate erzeugen. Die Funktion setzt nicht auf eine reine Zufallssteuerung. Mit Hilfe der Attribute, die im Preset-Browser die Sound-Auswahl verfeinern, werden bestimmte Klangmerkmale festgelegt, in die sich die Mutation verwandeln soll. So lassen sich recht gezielt bestimmte Sound-Häfen ansteuern. Die einzelnen Ergebnisse bleiben in einer Art Undo-Liste erhalten, so dass man gefahrlos diverse Mutationen ausprobieren kann. Auf Wunsch lässt sich auch ein Zufallsgenerator bei der Mutation aktivieren, um sich so weiter von den Vorgaben zu entfernen.
Die Mutationsfunktion macht Spaß, denn im Gegensatz zu vielen Zufallsfunktionen anderer Synthesizer bekommt man hier oft stimmige Resultate. So ergeben sich schnell unerwartete, neue Klangdimensionen, die man sonst gar nicht entdeckt hätte. Gerade Nutzer, die sich bislang nicht tief an die Klangprogrammierung von Absynth herangetraut haben, werden hier neue Inspirationen und Ausgangspunkte für weitere Patches und Sounds finden.
Die Mutationsfunktion hat acht dedizierte Regler, die bestimmte Hauptcharakteristika des Klangs steuern. Hier lassen sich Lautstärke, Höhen- und Bassanteil sowie Resonanz, Distortion, Effekt- und Modulationstiefe und die Modulationsgeschwindigkeit justieren. Allein mit diesen Reglern erschließt man sich schnell und komfortabel neue Soundwelten. Auch für den Live-Einsatz bietet das neue Möglichkeiten, da man so ad hoc den Klang vollkommen umkrempeln kann. Eine MIDI-Steuerung der Regler ist aber nicht möglich.

Ätherische Klangöle

In Bezug auf die Klangbearbeitung hat sich ebenfalls einiges unter der Haube getan. Auffälligste Neuerung sind der Master-Effekt Aetherizer und der Cloud-Filter, der auf dem Aetherizer basiert. Grundlage ist hier ein Graincloud-Effekt. Der Eingangsklang wird in wenige Millisekunden lange Segmente unterteilt, die als Loop abgespielt werden. Auf diese Weise lassen sich Tonhöhe und Abspielgeschwindigkeit entkoppeln. Je nachdem, wie lang die einzelnen Segmente sind und wie weit entfernt sie sich voneinander befinden, entstehen entweder pointillistische Sound-Tupfer oder dichte Klangwolken. Beide Effekte bieten spannende und vielseitige Ergebnisse, die von dichten Flächen bis zu zerbröselnden Effekt-Sounds reichen. Die Bedienung geht schnell von der Hand. Gerade im Zusammenspiel mit dem Sample- oder Granularoszillator lassen sich so sehr individuelle Sounds basteln, die oft schon eine solide Grundlage für ganze Ambient-Tracks bieten.

Mehr Lärm

Filter wie die Low- und Allpass-Varianten oder der Supercomb verfügen in Version 5 über einen zusätzlichen Feedback-Weg, der mit einem Waveshaper, Frequenz-Schieber oder Ringmodulator versehen werden kann. Als Ergebnis lassen sich so schreiende Leads oder fies ätzende Effekt-Sounds zügig in den
Sequencer zirkeln. Schön wäre hier der Feedback-Weg für alle Filter gewesen. Das Supercomb-Modul erweitert Absynth um die Möglichkeiten der Physical-Modeling-Synthese. Damit sind aufwendige Klangoperationen machbar. Gepaart mit der internen Feedback-Schleife des Moduls werden leicht tänzelnde und fies beißende Kammfilterklänge möglich.
Alles in allem bieten die neuen Filtermodule genügend Material, um Absynth auch weiter in eine schmutzige Richtung zu entwickeln. Diese neue, noch größere Vielseitigkeit steht dem Synthesizer gut zu Gesicht.

Fazit

Die neuen Features bügeln alte Schwächen aus und erweitern die klanglichen Möglichkeiten. Am Bedienkonzept hat sich nicht viel geändert. Die neuen Mutationsmöglichkeiten machen Absynth 5 aber nicht nur für ausgebuffte Synthese-Füchse, sondern auch für weniger versierte Klangbastler interessant.    Nils Quak/huq

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