Die Tonhöhe von Audiomaterial zu verändern ist ein alter Hut. In mehrspurige Aufnahmen eingreifen und ausgewählte Noten abwandeln – das klingt schon eher nach einer Idee aus einer Krimiserie wie CSI. Mit Celemonys DNA-Technologie soll dies nun möglich werden.

Die Ankündigung von Celemonys Direct Note Access – kurz DNA – hat in der Audiowelt große Wellen geschlagen. Von einer technischen Revolution war die Rede; von vollkommen neuen Möglichkeiten, die sich nun in der Audiobearbeitung auftun würden. Bislang besaß die Technik ein entscheidendes Manko. Was bei einzelnen Stimmen oder einstimmigem Material problemlos funktionierte, scheiterte bisher, wenn es darum ging, mehrstimmiges Material wie etwa Akkorde einwandfrei in die einzelnen Noten zu zerlegen.

Divide et impera

Melodyne Editor verfügt sowohl über einen Standalone-Editor als auch über eine Plug-in-Variante im AU-, VST- und RTAS-Format. Das Arbeiten mit beiden Systemen läuft identisch ab. Zuerst wird das Material analysiert. Dies geschieht im Editor über den üblichen Öffnen-Befehl in der Menüleiste oder per Drag and Drop. Der Import im Plug-in erfolgt über eine Aufnahmefunktion. Zur Analyse stehen drei verschiedene Algorithmen zur Verfügung: die DNA-Variante für mehrstimmiges Material sowie jeweils eine Version für einfache perkussive oder melodische Klänge. Einmal analysiert, steht das Material zur detaillierten Bearbeitung bereit. Dafür zerlegt Melodyne das Audio­material in die einzelnen Toninformationen – Blobs genannt – und platziert sie in einem ­Pianoroll, wie man es etwa aus Logic Pro kennt. Hier liest man sowohl Tonhöhe und -länge als auch Lautstärke, Nachhall und Einschwingverhalten ab. Dabei ist zu beachten, dass Melodyne Editor nicht die einzelnen Instrumente auseinanderdividiert, sondern die einzelnen Töne.
Auf Wunsch lässt sich auch der analysierte Teil als Notation anzeigen. Schön wäre in diesem Zusammenhang gewesen, wenn man die Tonhöhe der einzelnen Noten auch über die Notation hätte verändern können. Eine Bearbeitung ist jedoch nur über die Blobs möglich.
Die Bedienoberfläche wirkt anfangs mit ihrer Farbwahl und der Darstellung der Blobs etwas gewöhnungsbedürftig. Gerade die vielzähligen Darstellungsmodi der Blobs irritieren ein wenig. Nachdem man jedoch ein paar Blicke ins Handbuch geworfen hat, zeigt sich Melodyne durchdacht und lässt sich durchaus schnell bedienen.

Zugriff

Nach der Analyse hat man vollen Zugriff auf alle Parameter der einzelnen Noten. Die einzelnen Elemente lassen sich sowohl in der Tonhöhe als auch im Timing problemlos verschieben. Um auf die Schnelle etwa Akkorde zu realisieren, lassen sich die Töne auch per Copy and ­Paste an andere Stellen verschieben. Die Arbeit mit Melodyne Editor gleicht der Arbeit im Pianoroll-Editor des Sequencers. Mit den verschiedenen Werkzeugen für die Justierung der Tonhöhe, der Notenlänge, der Timings oder ­etwa der Lautstärke greift man beherzt in den Ursprungsklang ein, verschiebt Noten oder ­ändert die Lautstärke.
Makro-Werkzeuge erlauben es, mehrere ausgewählte Noten in ein bestimmtes Timing oder Notenraster zu zwingen. Um die Noten in das richtige harmonische Verhältnis zu bringen, stehen sowohl die Ausrichtung an normalen Halbtonschritten als auch die Zuweisung zu verschiedenen Skalen zur Verfügung. Es lassen sich jedoch keine selbstdefinierten Skalen hinzufügen, wie man sie etwa in Scala erstellen kann. Mit 28 verschiedenen Skalen ist aber ein Großteil der im Alltag benötigten Varianten wie Moll, Dur, dorisch oder pentatonisch abgedeckt.

Um kleinere Unebenheiten zu korrigieren oder um global in die Tonhöhe oder Lautstärke des Materials einzugreifen, bietet die Plug-in-Variante des Melodyne Editors für Pitch, Formant und Lautstärke jeweils einen Echtzeitregler. Dieser lässt sich darüber hinaus auch im Sequencer automatisieren. Dies ermöglicht zum einen, im Sequencer sehr detaillierte Eingriffe in den Klang zu automatisieren, um etwa die Tonhöhe des gesamten Materials zu verändern und es an eine andere Tonart anzupassen. Zum anderen öffnet dies das Tor zu spannenden Sound-Design-Experimenten. Fertig bearbeitete Audio-Files lassen sich mühelos wieder als neue Audio- oder als MIDI-Dateien exportieren. In der Plug-in-Variante steht nur eine erneute Aufnahme als Export-Version zur Verfügung.
Aber nicht nur klassische Tonkorrekturen sind mit Melodyne möglich. Auch für Remix-Aufgaben lässt die Software sich gut verwenden, um die Loops neu anzuordnen und in einen neuen Kontext zu bringen. Die Geschwindigkeit, in der man etwa einen Loop ohne störende Klangartefakte in eine andere Tonart transponiert hat, erleichtert nicht nur die Arbeit, sondern öffnet auch kreative Horizonte.

Fazit

Melodyne Editor ist ein gelungenes Audiowerkzeug. Auch wenn es in der Anwendung fast unscheinbar und einfach wirkt, so beeindruckt die darunterliegende Technologie doch immer wieder auf Neue. Die Bedienung geht nach kurzer Einarbeitung schnell von der Hand. Die Ergebnisse klingen – außer bei extremen Einstellungen – sehr überzeugend. Für klassische Aufgaben wie Tonhöhen- oder Timing-Korrekturen eignet es sich formidabel, aber auch für spannende Sounddesign-Anwendungen lässt es sich wunderbar einsetzen.                Nils Quak/ok

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