K.I.Z. Albumkritik - Urlaub fürs Gehirn: Arbeit für die Fans

Tobias Heidemann
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Unzählige Male hörte ich bereits den Satz “Nee, ich hör keinen deutschen Hip Hop!”. Und wer will es den Rap-Feinden verübeln? Nicht nur ist die Art der Musik nunmal nicht jedermanns Sache, das verbale Brusttrommeln, Genitalprotzen und Rumgangstern ist auch viel zu oft ermüdend, peinlich, unterirdisch. Doch etwa vor fünf Jahren gesellte sich bei vielen ein Nebensatz zu obigem Statement, den ich ebenfalls nur allzu gut verstehe. Er lautet: “…außer K.I.Z.

K.I.Z. Albumkritik  - Urlaub fürs Gehirn: Arbeit für die Fans

Woran es liegt, dass die vier Fleischfreunde aus der Hauptstadt neben dem ohnehin geneigten Hopper-Publikum auch Leute anziehen, die normalerweise vielleicht eher Metal, Elektro oder ganz veritablen Pop hören? Sicherlich hat es mit ihrer Kompromisslosigkeit zu tun, mit der Tatsache, dass Nico, Maxim, Tarek und DJ Craft nicht nur kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern dass ihnen nicht einmal einfällt, dass es sowas wie eine Grenze geben könnte. Ein Liebeslied an Jörg Haider? Ein Serienmörder-Cover von “House of the Rising Sun”? Klar, wieso auch nicht, sobald man nicht mehr durch Tabus behindert wird, muss man nur noch dem eigenen Irrsinn freien Lauf lassen.

Doch da ist noch mehr. Immer spürte man bei K.I.Z. (neueste Interpretation der Abkürzung: “Kaninchen im Zylinder”) durch den brachialen Humor und die martialische Selbstbeweihräucherung einen Funken Genialität schimmern, dessen Existenz die Jungs selbst vehement bestreiten. So entfaltet ihr Wahnsinn ungeheure Bild- und Erzählkraft, die Wortspiele verblüffen, das Vokabular ist einen Tick zu clever für den deutschen Hip Hop der letzten Jahre und bleibt trotz größtmöglicher Obszönität dennoch zugänglich. Staiger sagte, seine erste Vorstellung von K.I.Z. sei gewesen: rappende Höhlenmenschen, die Fleischkeule in der einen und den Hegel in der anderen Hand. Das ist zwar zu hoch gegriffen, aber es kommt der Wahrheit näher, als man glauben sollte.

Ein Blick auf die Trackliste von “” gibt uns zu verstehen, dass es Lieder mit dem Namen “Fleisch” oder “” auf die Scheibe geschafft haben. Das ist eine K.I.Z.-Platte – ohne Zweifel.


Direkt hinter dem Titel des ersten Tracks “” wittert man eine eröffnende Krawallnummer, die den Rest der rappenden Menschheit auf ihren Platz verweist. Doch plötzlich realisiert man etwas: Über dem absichtlich dünn gehaltenen Breakbeat passiert nichts Auffälliges, nicht einmal Skandalöses. Alles sitzt, teils besser oder schlechter, ein wenig Angeberei, ein paar nette Rhymes und eine unverhohlene Liebeserklärung an Savas… doch es ist nicht das überpräsente Gefühl, dass K.I.Z. wieder in die Stadt geritten sind und wir unsere Mütter aus Sicherheitsgründen in den Keller sperren müssen. “Dieser Text ist der schlechteste seit langem / aber wer von euch Opfern hat schonmal eine Fliege mit Essstäbchen gefangen?”, hinter der gewollt arhythmischen Zeile steckt etwas mehr als nur ein Gag, es wirkt wie ein Eingeständnis.

Dieses Gefühl wird sich auf der Platte immer mal wieder melden. K.I.Z. beherrschen nach wie vor ihr gesamtes Repertoire und haben auf “Urlaub fürs Gehirn” nichts, dessen sie sich schämen müssten (ich gehe naiverweise davon aus, dass die Jungs überhaupt wissen, was Scham ist), doch die großen Lacher oder tiefsten Verbeugungen vor der Schrulligkeit der drei lustigen vier – sie sind seltener geworden. Es liegt nicht am musikalischen Teil, der ist vielfältig und wieder etwas mehr in Richtung “Hahnenkampf” gelenkt worden. Neben Craft und Nico durften z.B. Ex Aggro Berliner Tai Jason oder MOR-Urgestein Ronald Mack Donald sich austoben, letzterer hat einen zwar kommerziellen, aber gewaltigen und tanzbaren Sound unter den Titeltrack gepflanzt.

Inhaltlich greift “Urlaub fürs Gehirn” verschiedenste halb-aktuelle Themen auf, die meistens zwar für einen Lacher gut sind, aber auch verdeutlichen, dass das Erzählen von kohärenten Geschichten die Stärke von K.I.Z. nie war. “” ist ulkige Kapitalismuskritik mit schallendem Synthie-Sound, bleibt aber ohne echte Punchline. “Fleisch” ist eine Tarek-Solonummer, bei der ein mäßiger Song des Kaliforniers Brotha Lynch Hung gestrafft und zu einer tatsächlich emotionalen Armutsballade geformt wurde, die zwar funktioniert, aber auch nicht gerade zu Tränen rührt.

“Heiraten”, “Fremdgehen” und “Lach mich tot” beschreiben jeweils Situationen emotionaler Leere auf verschiedenen Ebenen. Wir erfahren von Jugendlichen, die sich auf dem Klo im Club das Ja-Wort geben, von Paaren, die sich statt einer Trennung gegenseitig betrügen und von den KIZlern selbst, die sich unglücklich in Suff und Party stürzen – was wir allerdings schonmal in “Lass uns feiern” gehört haben. Es bleibt das hässliche Gefühl, dass hinter den eher oberflächlichen Beobachtungen und den putzigen Pointen tatsächliche Gedankengänge schlummern, die vorzeitig verendet sind.


Gleich zweimal lässt Nico seinen berlinernden Prollcharakter auf uns los, einmal in der aggressiven Gröhl-Orgie “Raus aus dem Amt” und einmal in dem schematischen “Der Durch Die Scheibeboxxxer” – beides für sich genommen energiegeladene Stücke, die zusammen mit den anderen klassischen Spaßsongs wie “In seiner Mutter” oder “H.I.T.” (Zitat: “Wir sind der Grund, dass Dir deutscher Rap peinlich ist”) den Partyanteil des Albums ausmachen. Auch “Doitschland schafft sich ab”, eine Veralberung der Sarrazinschen Xenophobie, bei der Frauen als kulturfremde Aliens bekämpft werden, unterhält, reizt aber nicht zu Brüllern. Den Abschluss bildet der 2010er WM-Song “Biergarten Eden”, in dem die peinlich brustschwellenden Flaggenschwinger den allzu deutschen Spiegel vorgehalten bekommen.

Einige Fans könnten sich nach dem einmaligem Hören von “Urlaub fürs Gehirn” enttäuscht abwenden; was eine Schande wäre – auch, wenn es nicht K.I.Z. In Höchstform sind, ist das neue Album in vielerlei Hinsicht, besonders im Spaßfaktor, dem Rest der Szene immer noch haushoch überlegen. Insbesondere, da “Urlaub fürs Gehirn” eigentlich zwei Alben in einem ist. Nur wenige Tage vor dem Release “leakte” die Promo-Version der Scheibe absichtlich ins Internet und tummelt sich seitdem in den Tauschbörsen. Hier stimmt so ziemlich gar nichts und genau deshalb ist diese Version absolut glorreich. Billigere Beats, schlecht eingerappt und dümmere Texte haben die Promo-Gegenstücke im Vergleich zu ihren “ernsten” Vorbildern auch noch. Die Idee ist zum Teil von Die Ärzte und Fil entlehnt, funktioniert aber tadellos: das Album ist plötzlich so knackenbescheuert, dass man sich vor Lachen auf dem Boden kringelt. Plus: die Promo-Version von “Fleisch” könnte das ekelhafteste sein, was K.I.Z. je gemacht haben – wenn das nichts ist.

Fazit

Entweder, K.I.Z sind um einiges zahmer geworden oder ihre Hörerschaft deutlich abgebrühter. “” ist witzig und in musikalischer Hinsicht sogar teilweise verblüffend, doch bleibt nach dem Hören ein leeres Gefühl zurück. Große Lacher gibt es wenige, brillante Einfälle ebenso und nur teilweise spürt man den Pfiff, der bei “Hahnenkampf” und sogar dem umstritteneren “Sexismus gegen Rechts” noch allgegenwärtig war.

Auf die eher schwache Note kann man aber getrost noch einen oder zwei Punkte draufrechnen, wenn man keine Abneigung gegen den gepflegten Brachialhumor und Dünnbrettwitz der drei bzw. vier Berliner hat und sich demzufolge bei dem kostenlos downloadbaren Promoalbum herzlich amüsieren kann. Im Kontrast zu der teils erstaunlich ernsten Hauptplatte, auf der gepflegtes Geprolle und gediegener Fäkalhumor deutlich zu kurz kommen, ergibt sich hier ein sehr zitierbares Kultalbum – vielleicht sollten beim nächsten Mal einfach die Releases vertauscht werden.

Weitere Themen: K.I.Z.

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