Deutsche Synchronisation: Qualität oder Qual? – CONTRA

Richard Benzler
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Im Rahmen unseres Themenspecials zur Eindeutschung von Filmen, Serien und Videospielen übernehme ich die Rolle des Advocatus Diaboli und halte ein flammendes Plädoyer für den englischen O-Ton.

Deutsche Synchronisation: Qualität oder Qual? – CONTRA

Disclaimer: Niemand sollte die folgende Abrechnung persönlich nehmen. Ich möchte hier nicht den Missionar mit universellem Wahrheitsanspruch markieren, sondern lediglich in Worte fassen, warum ich persönlich (mindestens) eine Armlänge Abstand zu deutschen Synchronisationen halte… zartbesaiteten Liebhabern der deutschen Vertonung rate ich dennoch, eine Handvoll Baldrian in Reichweite zu haben.


Kommen wir zur Sache! Übersetzungen verfälschen prinzipiell das Original. Nicht nur hinsichtlich des gesprochenen Wortes und der damit verbundenen Botschaft, die sich nie derart nuanciert ins Deutsche übersetzen lässt – vom Wortwitz mal ganz abgesehen. Auch der Qualitätsverlust gegenüber der Urfassung (und mag er noch so marginal sein) lässt sich rational belegen und nur mittels Argumentations-Resistenz +10 widerlegen. Eindeutschungen sind dank dutzender systemimmanenter Probleme ein von vornherein fehlgeleitetes Vorhaben mit durchwachsenem Ausgang.

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Lichtaufnahme der deutschen Synchro-Szene (Szene nachgestellt)

Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieser Umstand hat nichts mit dem Talent deutscher Sprecher oder der Kompetenz hiesiger Studios zu tun. Jene können in der Regel nicht mal ansatzweise ihr volles Potential ausschöpfen, da ihnen das in der Branche etablierte System im Wege steht: Anders als die Sprecher der Original-Fassungen, die ihre Drehbücher bereits Wochen zuvor ausgehändigt bekommen, um sich in ihre Rollen reinzusteigern, müssen deutsche Synchronsprecher ihre Zeilen unmittelbar aus der Hüfte einsprechen und zeitgleich versuchen, von Natur aus längere deutsche Sätze auf von Natur aus kürzere englische Sätze zu pressen. Sofern kein Kompromiss bei der Formulierung und Wortwahl gefunden werden kann, hat das zur Folge, dass Charaktere in deutschen Fassungen fast doppelt so schnell reden, wie im Original. Eindeutschungen sind somit per se eine Brechstangen-Angelegenheit, und das Ergebnis zwangsläufig künstlich und steril. Sogar die Akustik der Aufnahmen klingt oft nicht authentisch, sondern nach Sprecherkabuff.


Exkurs: Anschauliches Beispiel für die Differenz beider Sprachen:

„They have a Cave Troll!“ (5 Silben)

„Sie haben einen Höhlentroll!“ (8 Silben)


Wer’s nicht kennt: Ein schönes Zitat aus dem Herrn der Ringe. Ich will damit auf keinen Fall die deutsche Synchro der Tolkien-Trilogie in den Dreck ziehen: Tatsächlich gilt die Vertonung der Jackson-Filme als Paradebeispiel der bestmöglichen Eindeutschung, und ich ziehe diesen Fall bloß heran, da er sehr schön den Unterschied zwischen Englisch und Deutsch veranschaulicht: Selbst kurze Aussagen brauchen mehr Silben, um dieselbe Botschaft zu vermitteln.

Originalfassungen stehen in der Regel für Qualität, da sie in enger Rücksprache mit den Entwicklern entstehen. Deutsche Vertonungen hingegen sind auf Quantität gedrillte Söldnerproduktionen. Das obige Video lässt einen lediglich erahnen, wie viel Zeit und Sorgfalt aufgebracht wurden, um Elizabeth aus Bioshock Infinite Leben einzuhauchen. Ein anderes Video dieser Reihe zeigt sogar, wie Sprecherin Courtnee Draper vom Creative Mind Ken Levine lautstark beleidigt wurde, um ihr dabei zu helfen, in Tränen auszubrechen und diese rohe Emotion in ihre stimmliche Performance einfließen zu lassen… Schade bloß, dass all ihr investiertes Herzblut in Deutschland via Übersetzung durch ein (solides) Fließband-Produkt ersetzt wird. Und um es nochmal zu betonen: Die Sprecher der deutschen Version haben eine beachtenswerte Leistung im Rahmen ihrer Möglichkeiten abgeliefert. Cliffhanger.

Weitere Themen: Fallout 4, The Elder Scrolls V: Skyrim, The Witcher 3: Wild Hunt, GTA 5, Gothic 2, Bethesda Game Studios

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