Nintendo und LGBTQI – Vom Trans-Dino bis zur Miiquality

Björn Rohwer

Wir schauen auf die Geschichte des japanischen Traditionsunternehmens Nintendo und das Verhältnis zu LGBTQI-Themen – vom Trans-Dino über strenge Zensurrichtlinien bis zum Shitstorm rund um Tomodachi Life.

Zunächst etwas Wichtiges: Dieser Artikel ist ein Teil einer ganzen Reihe von Artikeln, die sich mit dem Thema LGBTQI (Lesbian, Gay, Bi, Transgender, Queer, Intersex) auseinandersetzt. Für ein tolerantes und offenes Miteinander und gegen Diskriminierung. 

Im Video: Der Trailer zu Super Mario Bros. 2

Auch wenn ihr größter Hit auf einer klassischen „Jungfrau in Nöten“-Geschichte beruht – im Thema Gleichberechtigung zählt Nintendo schon immer zu den eher fortschrittlicheren Spielefirmen. Peach durfte schon zu NES-Zeiten das erste Mal selbst durch das Pilzkönigreich springen, Zelda weiß sich als Shiek auch selbst zu wehren und Samus ist (abgesehen vom Other-M-Ausrutscher) einer der stärksten Frauencharaktere der Branche. Aber wie fortschrittlich ist Nintendo, wenn es um LGBTQI-Rechte geht? Die japanische Traditionsfirma hat zumindest schon sehr früh begonnen!

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Nintendo ist tatsächlich eine der ersten Videospielfirmen mit einem eigenen Trans-Charakter – Birdo. Als 1987 Doki Doki Panic erschien, beschrieb Nintendo Birdo (im japanischen Original „Catherine”) als „männlichen Charakter, der sich fälschlicherweise für eine Frau hält“. Obgleich mit dem Wort „fälschlicherweise“ die Wahl des rosa Dinos als Fehler dargestellt wurde, war es für Nintendo doch ein Meilenstein, der dort versteckt im Anleitungstext stand. Auch für den amerikanischen Release als Super Mario Bros. 2 wurde die Beschreibung weitestgehend beibehalten – aus Catherine wurde lediglich Birdo, der sich am liebsten Birdetta nennen würde.

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Ein Dino in der Geschlechter-Achterbahn

Nintendo begann also schon in den 80er-Jahren LGBTQI-Lebensmodelle in ihre Spiele einzubauen? Leider nein! Nach dem ersten Auftritt Birdos wendeten sich gerade Nintendo of America und Nintendo of Europe von dem ursprünglichen Trans-Gedanken wieder ab. Stattdessen wurde die Geschlechterfrage um Birdo in Europa und Amerika fast immer umschifft – wenn es Hinweise gab, beschrieben die Entwickler den Dino aber als Frau. Nintendo of Japan behielt die Trans-Identität dagegen weiterhin bei und erklärte in Beschreibungstexten immer wieder Birdos Wunsch, als Frau gesehen zu werden. Das komplette Hin und Her um Birdo spielte sich bis 2008 allerdings ausschließlich in Anleitungen, auf begleitenden Websites oder den Trophäentexten in den Smash-Bros.-Titeln ab.

Erst das japan-exklusive Action-Adventure Captain Rainbow machte Birdo zu einem wirklich story-relevanten Charakter. Neben Figuren wie Little Mac aus Punch-Out!! oder Lip aus Panel de Pon ist auch Birdo auf der Insel der vergessenen Nintendo-Charaktere gelandet. Der rosa Dino wurde wegen der Benutzung eines Frauenklos festgenommen und eingesperrt. Wir müssen nun Birdos Haus besuchen, um zu beweisen, dass die tiefe, raue Stimme des Dinos täuscht und er tatsächlich eine Frau ist. In den Westen schaffte es das Wii-Spiel und somit auch diese kurze Rahmenhandlung um Trans-Diskriminierung leider nicht. Hierzulande wird das Geschlecht des Dinos weiterhin möglichst ausgeklammert.


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Erste In-Game-Schritte

Direkt innerhalb der Spiele waren Verweise auf LGBTQI-Themen in den 80er- und frühen 90er-Jahren bei Nintendo noch ausgeschlossen. Mit Drogen, Gewalt, religiösen Symbolen, politischen Statements und Schimpfwörtern auf eine Stufe gestellt, schlossen Nintendos Richtlinien eine Erwähnung zu der damaligen Zeit noch aus. Um doch auf dem NES erscheinen zu können, mussten Entwickler im Härtefall dann ihre Spiele anpassen – wie Enix, die 1992 eine Schwulenbar aus dem Spiel Dragon Warrior III entfernen mussten. Schon mit der nächsten Konsolengeneration wurde Nintendo aber ganz langsam liberaler. Auch wenn LGBTQI-Charaktere ein seltene Ausnahme blieben und nie im Fokus einer Erzählung standen, fanden sie zumindest am Rande Beachtung.

Shigesato Itoi, Chefdesigner von EarthBound, baute beispielsweise 1994 den schwulen Jungen Tony in sein Spiel ein. In einem Interview mit der japanischen Seite 1101.com erklärt er seine Entscheidung: „In einer normalen, realen Gesellschaft gibt es homosexuelle Kinder und ich habe auch einige homosexuelle Freunde. Also dachte ich, dass es schön wäre, auch einen solchen Charakter in das Spiel einzubauen.“ Der Frosch-Barmann Jolly Roger aus Banjo-Tooie, Vivian aus Paper Mario: Die Legende vom Äonentor oder verschiedene Charaktere aus der Fire-Emblem-Reihe – in den Folgejahren liefen LGBTQI-Themen immer wieder am Rande in Nintendos Geschichten mit. Weder als wirkliches Positivbeispiel noch wirklich negativ fiel die japanische Firma in diesem Bereich auf – bis es 2014 zum großen Knall kam.

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