Es scheint allerdings so, als wären einige der Meinung, solche Videos wären zum „Fremdschämen“ und damit irgendwie wieder rechtfertigbar. Für all jene eine kurze Erläuterung: Das, was Jackass Anfang der 2000 produziert hat, ist Fremdschämen. Sie machten nämlich sich selbst zum Affen, Scherze auf ihre Kosten, die deshalb lustig waren, weil sie sich diesen Wahnsinn freiwillig antaten.

Aaron nimmt sich in seinem gamescom-Video hingegen fein raus. Durch seine Verkleidung macht er deutlich, dass er sich seinen Opfern nicht zugehörig fühlt. Was das Ganze noch schlimmer macht: Die Menschen, die Aaron vorführt, wissen wahrscheinlich noch nicht einmal von ihrem „Glück“, im Video heruntergemacht zu werden.

Kritik bleibt nicht aus – und trotzdem passiert nichts

Natürlich bin ich nicht die einzige, die das gamescom-Video von Aaron Troschke kritisiert, bin ich darauf doch auch erst durch einen Tweet von YouTuber BeHaind aufmerksam geworden, der von dem Video ebenso wenig hält wie ich. Und auch auf Reddit lässt sich ein ganzer Thread zum Thema finden, in dem unter anderem darüber spekuliert wird, wie mit dem Video vorzugehen ist. Reicht es, den Inhalt einfach an YouTube zu melden oder sollte man sogar gleich zur Klage wegen sexueller Belästigung und öffentlicher Diffamierung einreichen?

Trotz der Kritik ist das Video immer noch online, Aaron musste sich bislang weder vor den Medien rechtfertigen, noch auf seinem Kanal entschuldigen. Immerhin: Seit knapp einer Woche wurde zumindest kein neuer Content hochgeladen. Das ist aber nicht ungewöhnlich, veröffentlicht Aaron nur unregelmäßig Videos auf seinem Kanal Hey Aaron !!!.

Wenn wir auf der gamescom nicht sicher vor Klischees sind, wo dann?

Natürlich frage ich mich jetzt, warum der Gamer-Aufschrei bei dem RTL-Beitrag von 2011 so groß war und sich auch die Rocket Beans letzten Endes nach Kritik von mehreren Seiten dazu gezwungen sahen, sich zu entschuldigen – Aaron Troschke jetzt aber ungeschoren davon kommt. Sind wir nicht längst über den Punkt hinaus, als es als salonfähig galt, Nerds aufgrund ihres Daseins zu beleidigen? Ist unser eigenes Niveau in den wenigen Jahren so gesunken, dass wir es vielleicht selbst lustig finden, wenn andere niedergemacht werden? Oder haben wir vielleicht einfach aufgegeben, gegen die vielzähligen Klischees anzukämpfen, die seit Anbeginn der Videospiele auf uns niederprasseln?

Noch mehr aus der Reihe Vorsicht, Klischee...! findest du hier

Ich für meinen Teil möchte das Video nicht einfach so stehen lassen. Schließlich ist die gamescom schon lange nicht mehr nur für männliche Nerds und Gamer ein willkommener Ruhepol zu den Vorurteilen und Klischees, mit denen wir sonst konfrontiert werden, auch Mädchen und Frauen sind im Publikum keine Seltenheit und schon gar nicht mehr reines Objekt der Begierde. Und wenn wir selbst dort nur auf Äußerlichkeiten degradiert werden, wo können wir denn sonst so wie wir sind sein?

Zu hoffen bleibt, dass wenigstens mein Artikel Wellen schlägt. Und YouTube sich vielleicht auf kurz oder lang eben nicht dazu entscheidet, Shooter-Let’s-Plays zu entmonetarisieren, sondern solchen entwürdigenden Content, mit dem auch Aaron seinen Lebensunterhalt verdient.

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