Vorsicht, Klischee: Auch Frauen lieben Horror in Spielen

Marina Hänsel
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Wusstest Du, dass der Slasher The Texas Chainsaw Massacre ein Frauenfilm ist? Gewalt in den Medien ist schon lange keine Männerdomäne mehr — und wir Frauen lieben Blut in Videospielen.

Vorsicht, Klischee: Auch Frauen lieben Horror in Spielen
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit Deinen eigenen Vorstellungen.

Wenn ich einmal ein Mädchen großziehe, werde ich ihr rosa Socken kaufen und Barbies zum Spielen geben, ich werde ihr einen eindeutig weiblichen Namen geben und sie im Rock in den Kindergarten gehen lassen. Sie wird meine kleine Prinzessin sein — ob sie will, oder nicht.

Wenn mein kleines Mädchen dann größer geworden ist, wird rosa ihre Lieblingsfarbe sein, denn sie verbindet sie mit ihrem zu Hause; sie wird Barbies mögen, denn sie verbindet sie mit ihrer Kindheit und sie wird Röcke tragen, denn das hat sie schon immer getan. Für sie hat Nintendo extra Spiele wie Barbie: Jet, Set & Style (2011) entworfen, denn das spielen kleine und große Mädchen, wie sie. Oder was meinst Du?

Klischees sind menschlich

Klischees beherrschen unsere Gesellschaft, nicht nur dann, wenn es die Geschlechterrollen betrifft. Und Klischees und Vorurteile sind nicht völlig grundlos entstanden, sondern stellen einen wichtigen Teil unserer Psyche dar: Worum geht es bei Klischees? Vor allen Dingen darum, unser Gegenüber schnell einschätzen zu können. Wenn Du zum ersten Mal eine Person siehst, nimmt Dein Gehirn nicht nur alle visuellen Infos auf, sondern schließt die Lücken im Rätsel, das der Fremde darstellt. Dann gibt es da noch ein paar andere Mechanismen in Deinem Verstand, wie zum Beispiel eine gewisse Engstirnigkeit („Ich habe Recht!“) und der Wunsch nach Ordnung („Alles muss strukturiert und klar sein!“).

Aus der Angst vor dem Unbekannten übertreiben wir Menschen auch gerne diese Sache mit der Ordnung. Wenn wir nämlich zwei eigentlich völlig unabhängige Dinge fest in einem Klischee miteinander verbinden, zum Beispiel die Farbe Rosa und Mädchen. Da spielen natürlich auch noch viele gesellschaftliche Normen eine Rolle, wie etwa die Etablierung von gewissen Kleidungsstücken für ein bestimmtes Geschlecht („Männer tragen keine Röcke!“).

Manche Klischees müssen allerdings noch einmal überdacht werden, denn sie sprechen schon seit einer Weile eher für die Minder- als für die Mehrheit. Zum Beispiel das Klischee, Jungs würden Gewalt und Horror in Videospielen viel lieber mögen, als Mädchen. Die Frage ist also: Sind Mädchen, die gerne in Videospielen abschlachten, eine Ausnahme? Ich sage nein, nicht wenn Du über Folter und Horror sprichst. Denn im Horror-Genre sind Frauen ganz vorne mit dabei.

Eine Studie sagt: Männer mögen Gewalt in Videospielen mehr als Frauen

Studien sind ja so eine Sache. Wichtig ist selten das Ergebnis, sondern die Art, wie dieses erhoben wurde. Das Software Usability Research Laboratory (SURL) hat eine Studie darüber herausgegeben, dass männliche Gamer eher auf Gewalt im Spiel stehen, als Frauen. Diese würden lieber Spiele mit sozialen Aspekten zocken. Was nun Games wie etwa Call of Duty oder Counter Strike angehen, will ich dem gar nicht widersprechen. Wir haben schon darüber berichtet, warum diese Shooter mehr Männer anziehen, als Frauen, nämlich nicht, weil sie keine Shooter mögen…

Aber zurück zum Thema: Was die Studie von SURL angeht, sollte auch der Abschnitt über die Methode Beachtung finden: Während ich das Ergebnis gar nicht anzweifeln will, sollte klar sein, das hier nur 341 Menschen befragt wurden und die meisten davon waren Studenten. Ah ja, und insgesamt waren auch nur 89 davon weiblich. Fragst Du beliebige 89 Frauen, können Dir durchaus 54% davon sagen, sie mögen keine Gewalt in Spielen. Fragst Du danach nochmal 89 Frauen, wird das Ergebnis ganz anders aussehen. Die Studie ist nicht repräsentativ, das heißt, sie repräsentiert nicht die Meinung der Meisten.

Trotzdem gibt es aber dieses Klischee: Frauen mögen Gewalt und Horror nicht so gerne, nicht nur im Bezug auf Spiele. Aber stimmt das?

Ich sage: Frauen stehen auf richtig harte Sachen — Folter, Slasher und Psychoterror

Es gibt viele Arten von Gewalt und Horror: Actionfilme sind gewalttätig, denn Menschen sterben, in Slashern werden Körperteile abgeschnitten, in Dokumentationen wird Dir wirklich geschehene Gewalt präsentiert und Thriller spinnen Dich in ein Netz aus psychischer Gewalt ein. Bei Videospielen ist das nicht anders.

Im Indie-Game Scorn erwartet Dich verstörender Body-Horror

Wir haben angefragt: Wie viele der fast 140.000 Fans der Facebook-Seite Kino.de/HORROR sind eigentlich weiblich? Und prompt haben wir netterweise eine Übersicht erhalten. Siehe da: Mehr Frauen interessieren sich für Horrorfilme.

Alles nur Ausnahmen? Wusstest Du, dass der Horrorslasher The Texas Chainsaw Massacre viel mehr Frauen als Männer in die Kinos gezogen hat? Das Box-Office lügt nicht: Frauen stehen auf den Kram, wie Entertainment Weekly berichtet. The Ring (Gore Verbinski, 2002), Der Fluch – The Grudge  (Takashi Shimizu, 2004) und The Texas Chainsaw Massacre (Tobe Hooper, 1974), um nur einige zu nennen. Sie alle sind Frauenfilme.

Leider konnte ich keine Studie zu Horror- und Slasherspielen finden, die analysiert, ob mehr Frauen oder Männer diese Games mögen. Wenn Du eine Quelle dafür hast — immer her damit! Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen.

Aber eigentlich ist das ja auch meine persönliche Erfahrung. Die meisten Jungs in meinem Freundeskreis trauen sich nicht an Amnesia: The Dark Descent heran, und bekommen schon kalte Füße bei Dead Space. Ich möchte nicht überheblich wirken, wenn ich sage, dass ich Dead Space langweilig fand. Amnesia: The Dark Descent gehört in die  Top 10 meiner liebsten Spiele — Das konnte schocken! Und Resident Evil 7 habe ich letztens erst durchgespielt — auch ein super Horror-Titel. Was sind Deine Erfahrungen? Übrigens: Ich will keineswegs sagen, Jungs mögen keinen Horror. ‚Verallgemeinern' ist das böse Wort hier. Was sich zeigt ist nur, dass dieses Klischee noch einmal überdacht werden muss.

Bildergalerie Resident Evil 7: Biohazard

Nagut, aber: Warum eigentlich?

Gehen wir einmal davon aus, ich habe Recht. Warum mögen Frauen Horror eher als Männer? Ich kann hier nur mutmaßen, würde mich aber Vera Farmiga anschließen — der Frau, die das Waisenkind im Psychothriller Orphan: Das Waisenkind (Jaume Collet-Serra, 2009) verkörpert hat: „Als ich aufgewachsen bin, habe ich es geliebt, andere zu ängstigen und geängstigt zu werden. Das ist ein Adrenalin-Kick, den Du bei keinem anderen Genre bekommst. Vielleicht werden Frauen deshalb davon angezogen, weil wir emotionale Wesen sind und Angst so eine gefühlvolle Erfahrung ist.

Abgesehen von dem Kick, den Horror mir gibt, finde ich den psychologischen Aspekt der Angst auch verdammt interessant. Wie schreibt Stephen King, um Dir Angst zu machen? Wie entsteht Horror? Der Autor hat sogar das Sachbuch Danse Macabre (1981) darüber veröffentlicht. Ich würde mal behaupten, dass gerade die psychologischen und emotionalen Ebenen in allen Medien insbesondere für viele Frauen sehr faszinierend sind.

Das ist der Grund, warum Du wirklich auf Horror stehst

Apropos Literatur, ein kleiner Diskurs: Horror war schon vor 300 Jahren ein Werkzeug für Frauen, die Probleme des weiblichen Geschlechts in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu verarbeiten:

Alte, von Geistern heimgesuchte Herrenhäuser. Dunkle, neblige Wälder. Undurchsichtige Labyrinthe, und Schreie in der Nacht. Die Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts war die Geburt des Mystery-Horrors, wie wir ihn heute kennen. Während in einigen dieser Geschichten Männer die Hauptrollen spielten, gab es auch die Unterkategorie der weiblichen Schauerliteratur. Hier irrten hilflose, oftmals verwaiste Frauen durch die dunklen Geheimnisse von englischen Schlössern, an deren Wänden Blut klebte. Die Hausherren waren ihre Ehegatten — kalte, mysteriöse Männer, zu denen die Frauen ehrfürchtig und neugierig aufblickten. Ein schönes Beispiel ist der Roman Jane Eyre von Charlotte Brontë (1847), und auch hier weisen die vielen Motive des Horrors auf die zum Teil leidvolle Rolle des weiblichen Geschlechts in der Gesellschaft des 18.-19. Jahrhunderts hin: Frauen als Opfer einer korrupten und unterdrückenden Männergesellschaft, die sich trotz aller Hindernisse passiv-aggressiv zu wehren wissen. Das Opfer als Held der Geschichte.

Es gibt etliche Aspekte des Horrors, die das Genre gerade für das weibliche Geschlecht interessant machen. Ich denke aber, Du siehst, worauf ich hinaus will. Also nein: Gewalt und Horror sind keine Männerdomänen; weit davon entfernt.

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