Vorsicht, Klischee: Darum sind Frauen, die World of Warcraft spielen, keine Ausnahme

Lisa Fleischer
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Frauen lieben Fantasy-MMOs, aber kein WoW! Das zumindest versucht uns eine Studie zu verklickern. Ich sage: Das stimmt doch gar nicht! Und habe mir gleich mal ein paar WoW-zockende Frauen gesucht, die erklären, warum sie Blizzards MMO sogar viel lieber mögen als andere RPGs.

Vorsicht, Klischee: Darum sind Frauen, die World of Warcraft spielen, keine Ausnahme
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit Deinen eigenen Vorstellungen.

Denke ich an MMORPGs, fällt mir als eines der ersten World of Warcraft ein. Das Online-Rollenspiel von Blizzard gehört zu den ältesten, bekanntesten und beliebtesten Vertretern des Genres. Zumindest für männliche Zocker, denn weibliche Gamer interessieren sich für ganz andere Games der gleichen Art; WoW spielen nur die wenigstens. Zu diesem Schluss kommt zumindest die Genre-Studie von Quantic Foundry.

Wieder einmal wurde ich auf die Seite alleine deswegen aufmerksam, weil ich ihr Ergebnis aus eigenen Erfahrungen nicht teilen kann, spielen doch sehr wohl einige meiner weiblichen Bekannten sehr gerne World of Warcraft. Kann es wirklich sein, dass Frauen allgemein kein WoW mögen und mein Freundeskreis da die Ausnahme ist? Und sollte das tatsächlich stimmen, weitergehend: Warum spielen die meisten Frauen nur ungern WoW?

Diese Studie ist nichts für Überflieger

Überfliegst Du die Studie nur und orientierst Dich vor allem an der Grafik, scheinen die Ergebnisse von Quantic Foundry offensichtlich zu sein: Lieben 69 Prozent der befragten Frauen sowohl Match-3-Games und Familien- sowie Landwirtschafts-Simulationen, spielen nur 36 Prozent Fantasy-MMOs. Und mit 23 Prozent liegen World-of-Warcraft-spielende Frauen sogar noch unter dem sowieso schon recht niedrigen Fantasy-MMO-Ergebnis.

Erst nach dem Lesen des (sehr umfangreichen) Beschreibungstextes zur Grafik wird klar: Die Zahlen spiegeln keinesfalls wider, wie viele Frauen ein bestimmtes Genre spielen und wie viele nicht. Sie zeigen lediglich, wie viele Spieler weiblich und wie viele männlich sind. Da insgesamt nur 18,5 Prozent der Studien-Teilnehmer weiblich waren, sind die 26 Prozent WoW-Spielerinnen, nüchtern betrachtet, sogar ein erstaunlich gutes Ergebnis.

Außerdem fließen in die Zahlen auch die Vorlieben von Casual Gamern ein. Das erklärt nicht nur, warum Frauen lieber Match-3-Games als Fantasy-MMOs spielen, sondern auch, warum bei Männern Sport-Spiele (fette 98 Prozent) weitaus beliebter als Action-Adventures sind (lediglich 82 Prozent). Komisch, dass dem kein eigener Artikel gewidmet wurde. Es scheint fast so, als würde sich niemand dafür interessieren, welche Vorlieben Männer beim Zocken haben. Dass dadurch Vorurteile nicht entschärft, sondern gerade geschürt werden, scheint den Machern leider nicht bewusst zu sein.

Darum spielen Frauen WoW sogar richtig gerne

Ich persönlich, das muss ich an dieser Stelle zugeben, spiele nicht aktiv WoW. Bevor ich mich hier mehr auf mein Gefühl als auf Fakten stütze, habe ich über zehn Jahre aktive WoW-Spielerinnen aus meinem Bekanntenkreis zu Rate gezogen. Ihre Faszination lässt sich in drei Stichpunkten erklären:

Vorsicht, Klischee: Frauen mögen sehr wohl Shooter!

1. World of Warcraft ist ein sehr soziales Spiel

In World of Warcraft geht es längst nicht nur um Leveln, Looten, Dungeons und Raids, sondern vor allem um das Zusammenspielen. Immer wieder wird mir gegenüber betont, dass die Spielerinnen besonders den Kontakt mit anderen Spielern und den Zusammenhalt in den Gilden schätzen. Und aus der ein oder anderen WoW-Bekanntschaft entstand mit der Zeit sogar eine private Freundschaft. Ganz abgesehen von den Real-Life-Freundschaften, die selbst WoW spielen und mit denen sich sowohl im echten Leben als auch im Spiel immer wieder getroffen wird.

2. Die Möglichkeiten in WoW sind nahezu unendlich

Während andere Genres meist auf eine Spielweise setzen, kannst Du in MMORPGs alles sein. Blizzards Vorzeige-Rollenspiel treibt dies auf die Spitze. Willst Du Dich bei Kämpfen im Hintergrund halten und Deine Gilde trotzdem unterstützen, ist ein Heiler eine gute Wahl, spielst Du lieber offensiv, gefallen Dir bestimmt die Klassen Krieger oder Schurke. Mit den verschiedenen Berufen kannst Du Dich zusätzlich spezialisieren und Deine Fähigkeiten ausbauen.

3. World of Warcraft ist divers

Das fängt beim Charakter-Editor an, bei dem der Spieler nicht nur zwischen Männlein und Weiblein die Wahl hat, sondern sich große, kleine, dicke, dünne Helden aus 13 verschiedenen Klassen erstellen kann. Die Diversität hört dort aber noch lange nicht auf! So sind auch die verschiedenen Settings enorm abwechslungsreich und reichen von friedlich (Pandaria) bis hin zu düsteren, fast schon dystopischen Schauplätzen (Die verheerten Inseln).

Auch bei WoW gibt es Luft nach oben

Warum World of Warcraft zumindest am Anfang doch manche Frauen abschrecken könnte, dafür gibt es drei mögliche Gründe:

Erstens: Die Einstiegshürde in World of Warcraft ist enorm hoch. Willst Du mit den anderen Mitspielern mithalten, gilt es, Dich mit Rassen, Klassen und Fähigkeiten auseinandersetzen und durch Vor- und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten einzulesen. Hinzu kommt, dass Du vor allem am Anfang weite Strecken zu Fuß zurücklegen musst. Beides erfordert enorm viel Zeit – die nicht jeder hat.

Zweitens: Im realen Leben werden die Spielerinnen von vor allem anderen Frauen „schnell als Freak abgestempelt“ (Majena, Jägerin – spielt seit 11 Jahren WoW), wie mir eine Bekannte erzählt. Und wie in so vielen Online-Multiplayer-Spielen gibt es auch in World of Warcraft Mitspieler, die weibliche Zocker in „ihrer Männer-Domäne“ nicht akzeptieren. Zwar sind vulgäre und sexistische Äußerungen in WoW relativ selten, nerven aber auch in dieser niedrigen Frequenz und können auf Dauer demotivieren.

Drittens: Manchen Frauen ist die Welt von WoW sogar zu bunt. Vor kurzem erst habe ich mit einer Freundin über das MMORPG gesprochen, die meinte, Blizzards Rollenspiel habe „zu weiche Formen, zu farbenfrohe Welten, zu viele Schnörkel – das hat mich tatsächlich abgeschreckt.

Was soll das hier eigentlich?

Zwar betont Quantic Foundry in der Studie, dass die Ergebnisse nur eingeschränkt repräsentativ ist, wurden doch nur 270.000 Gamer befragt – weniger also als Liechtenstein Einwohner hat. Trotzdem werden die Ergebnisse von anderen Medien wie selbstverständlich als Beweis dafür genommen, dass Frauen ungern Fantasy-MMOs und noch weniger WoW spielen. Genau darum ist es auch wichtig, aussagekräftig erscheinenden Grafiken nicht sofort Glauben zu schenken, sondern genau zu lesen und vor allem auch zu hinterfragen. Denn nur so können Vorurteile aus dem Weg geschafft werden. Damit weibliche WoW-Spieler in Zukunft nicht mehr als merkwürdige Freaks, sondern als ganz normale Mitspieler betrachtet werden.

Was sagst Du: Spielen Frauen genauso gerne wie Männer WoW? Hast Du vielleicht eine Frau in Deiner Gilde? Oder bist Du sogar selbst eine WoW-spielende Frau? Schreib es in die Kommentare!

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