Vorsicht, Klischee: Darum spielen Frauen sogar sehr gerne Shooter

Lisa Fleischer
1

Eine kürzlich veröffentlichte Studie stellt die Behauptung auf, Frauen würden nur ungerne Schusswaffen in Videospielen benutzen und dafür Magier deutlich bevorzugen. Ich sage: Das stimmt doch gar nicht!

Vorsicht, Klischee: Darum spielen Frauen sogar sehr gerne Shooter
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit Deinen eigenen Vorstellungen.

Auch Frauen töten gerne in Videospielen, allerdings mit ganz anderen Waffen als Männer. Zumindest scheint das das Ergebnis einer Studie von The Quantic Lab zu sein. Die Studie erweckt den Eindruck, Frauen würden zumindest in der Regel Schusswaffen in Spielen aus dem Weg gehen und sich stattdessen am liebsten als Magier oder Schwertkämpfer durch die virtuellen Welten schlagen.

Ich bin ja selbst eine Frau, die sich mit Videospielen beschäftigt und wurde bei der Studie dann doch etwas stutzig: Stimmt es wirklich, dass Frauen im Allgemeinen Shootern aus dem Weg gehen und sich viel lieber in Fantasy-Welten mit Magiern und Schwertkämpfern stürzen? Und wenn ja, warum kenne ich dann so viele Gleichgesinnte, die von Overwatch und Uncharted schwärmen; Spielen, in denen es nicht nur, aber vor allem eben Schusswaffen zur Auswahl gibt?

Von verwirrenden Überschriften und klaren Zahlen

Meine erste Frage beantwortet sich durch die Studie fast von selbst. Lässt Du den Text dazu links liegen und schaust Dir nur die Zahlen an, fällt nämlich auf, dass das Ergebnis der Studie lange nicht so drastisch ausfällt wie es zuerst scheint. So bewerten Frauen konventionelle Schusswaffen mit einer 2,9, Männer mit einer 3,6. Der Abstand ist zwar verhältnismäßig groß, bedeutet aber, dass Männer Schusswaffen eher gerne benutzen, während Frauen sie eben „nur“ einigermaßen gerne benutzen.

Frauen in Videospielen: Total sexistisch?

Mögen Frauen keine Shooter oder ist es eher umgekehrt?

Woran könnte es nun liegen, dass Frauen Schusswaffen in Videospielen nicht ganz so gerne wie Männer benutzen, sich die beiden Geschlechter bei den anderen Waffen-Arten hingegen mehr oder weniger die Waage halten? Zwei mögliche Gründe dafür möchte ich im Folgenden ausführen.

1. Shooter sind hauptsächlich Männerdomänen:

Wer an klassische Shooter wie Counter Strike, Call of Duty und Battlefield denkt, dem fällt schon an den Charakteren auf, wie wenig an Frauen gedacht wurde. In den wenigsten Spielen kannst Du Frauen überhaupt als Charakter auswählen und auch in der Story begegnen Dir nur selten weibliche NPCs. Das demotiviert schon von vornherein, fühlt sich Frau dadurch doch im Spiel nicht willkommen. Verstehe mich nicht falsch: Ich will nicht, dass klassische Shooter ihren Stil ändern, bunter oder weiblicher im Allgemein werden. Aber ein bisschen mehr Diversität würde dem Genre sicherlich nicht schaden.

Schließlich beweist das Beispiel Overwatch, wie gut es funktionieren kann, als Shooter sowohl Männer als auch Frauen anzusprechen. Das liegt nämlich nicht (nur), wie sich vermuten lässt, an dem bunten Comic-Stil, sondern vor allem an den diversen Charakteren, mit denen Du Dich durch die Welt ballern kannst.

2. Shooter-Spieler sind eine eingeschworene Gemeinde:

Ohne Vorerfahrung zumindest in den Online-Modus eines Shooters hereinzukommen, gestaltet sich sowieso schon schwierig, sind Neulinge doch zuerst mehr Zielscheibe für Pros als souveräner Kill-Jäger. Folgt dann auch noch das „Outing” als Frau, wird einem das schlechte Abschneiden im Spiel meist gleich doppelt übel genommen. Denn das Nicht-Können von weiblichen Gamern wird selten auf zu wenig Skill oder Übung geschoben, sondern von einigen Zockern meist als Beweis dafür gesehen, dass Frauen einfach nicht für Videospiele gemacht sind.

Warum Verlieren in Overwatch gar nicht so schlimm ist

Vor kurzem erst habe ich mich mit einer professionellen Counter-Strike-Streamerin unterhalten, die mir erzählte, dass sie von Zuschauern, spielt sie einmal nicht ganz so gut wie sonst, sofort zu hören bekommt, dass „Mädchen doch keine Computerspiele spielen.“ Oder ihr wird vorgeworfen, sie streame nur wegen des Geldes und würde gar keine Videospiele mögen. Sie selbst scheint das nicht zu demotivieren, unerfahrene Spielerinnen könnten davon jedoch abgeschreckt werden.

Wer weiß, vielleicht sind das ja auch nur Vorurteile und Frauen werden sogar recht herzlich in einem Clan aufgenommen. Da die Angst jedoch meist überwiegt, von Männern würden dann sowieso nur dumme Kommentare kommen, versuchen es viele Frauen erst gar nicht. Und so bleiben Shooter wahrscheinlich noch eine ganze Weile eine hauptsächlich Frauen-freie Zone.

(Keine) Überraschung: Shooter-spielende Frauen existieren wirklich!

Und doch gibt es sie: Frauen, die sich weder von zu wenig weiblichen Charakteren, noch von pöbelnden Männern oder einer relativ hohen Einstiegshürde abschrecken lassen und richtig gerne Shooter spielen. Das beweisen nicht nur Profi-Shooter-Spielerinnen und weibliche Overwatch-Fans aus meinem eigenen Bekanntenkreis; auch in der GIGA-Community gibt es weibliche Shooter-Fans.

Unter unserer News zur Studie schrieb zum Beispiel Userin Franzi „Also ich muss sagen am liebsten sind mir schwere Geschütze, gerade Egoshooter haben mein Herz“. Damit wäre der Mythos, Frauen würden in Videospielen nicht gerne mit Waffen töten, hoffentlich ausreichend widerlegt.

Was soll das hier eigentlich?

Natürlich trifft das nicht auf alle Frauen zu – es gibt sicherlich auch weibliche Zocker, die eher ungern zum virtuellen Schießeisen greifen und andere Waffen oder gar gewaltfreie Spiele bevorzugen. Aber genauso gibt es eben auch Männer, die lieber als Magier durch die Welt stiefeln oder Schwerter bevorzugen. Wie bei so vielen Dingen kann eben nicht verallgemeinert werden, was „die Frauen“ lieber spielen. Genau darum finde ich die eingangs erwähnte Studie eben auch so schwierig: Weil sie über einen Kamm schert, was gar keinen Konsens hat: Verschiedene Individuen, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dem gleichen Geschlecht anzugehören UND gerne zu zocken.

Was sagst Du: Ist die Studie über Waffenpräferenzen von Frauen in Videospielen repräsentativ oder würdest Du Dir wünschen, dass die verallgemeinernden Aussagen zugunsten von realitätsnäheren Studien weichen?

Weitere Themen: Videospielkultur

Neue Artikel von GIGA GAMES