Warum es okay ist, als Mädchen mit Videospielen aufzuwachsen

Lisa Fleischer
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Ja, ich bin eine Frau. Und ja, ich mag Videospiele. Prinzipiell kein Gegensatz. Trotzdem begegneten mir im Laufe meines Lebens immer wieder Menschen, hauptsächlich männliche, aber auch weibliche Personen, die einfach nicht glauben konnten, dass mich Videospiele seit meiner Kindheit begleiten. Eine kurze Abrechnung mit Vorurteilen über zockende Frauen.

Warum es okay ist, als Mädchen mit Videospielen aufzuwachsen
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit deinen eigenen Vorstellungen.

Heute erst habe ich einen kurzen Blick in einen Stream einer bekannten Videospiel-Seite geworfen, einfach, weil Facebook mich darauf aufmerksam gemacht hat; ohne große Intention. Darin zu sehen: Ein Redakteur und eine Redakteurin, die gegeneinander Videospiele spielen. So weit, so normal. Der erste Kommentar, der mir darunter auffällt, gibt allerdings Preis, dass dies für einige nicht so normal zu sein scheint wie für mich. „Eine Frau, die Videospiele zu ihrem Beruf macht. WOW! RESPEKT!!!!“

Ja, natürlich, Videospiel-Redakteur ist für viele ein Traumberuf und wer ihn tatsächlich erreicht, der bekommt von der Community manchmal sogar Respekt gezollt. Warum Frauen aber immer mit großen Augen angestarrt werden müssen, wenn sie davon erzählen, welchen Berufswunsch sie haben oder vielleicht sogar schon verwirklichen, will mir nicht einleuchten. Schließlich werden Männer selten mit den gleichen großen Augen angeschaut, haben sie den selben Beruf. Und mal ehrlich: Redakteurin im Allgemeinen ist ja auch kein ungewöhnlicher Beruf für eine Frau, an der Tätigkeit kann es also kaum liegen.

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Vielmehr scheinen einige einfach nicht zu erwarten, dass Frauen sich für Videospiele begeistern können. Und wenn dies doch einmal der Fall ist, wird die Frau entweder dafür mit Bewunderung zugeschüttet oder, viel schlimmer, als undatebarer Freak abgestempelt. Warum das vollkommen irrational ist und es okay ist, als Mädchen mit Videospielen aufzuwachsen und sich trotzdem normal zu fühlen, dem möchte ich mich mit den folgenden Zeilen widmen.

1. Konsolen sind für alle da

Jeder, der zwischen 1980 und 2000 aufgewachsen ist, hatte prinzipiell Zugang zu Konsolen und PCs, egal ob zu Hause oder bei Freunden. Es versteht sich von selbst, dass da nicht nur Jungs angesichts der vielzähligen Abenteuer, die es virtuell zu erleben gilt, schwach geworden sind, sondern eben auch Mädchen. Denn wie Bücher und Filme sind Videospiele nur ein weiteres Medium, das dir Geschichten bietet, die die Realität nur schwer schreiben könnte. Einen Grund dafür, warum Mädchen Bücher Videospiele vorziehen sollten, gibt es faktisch nicht.

Ja, auch Frauen spielen sehr gerne Shooter

Dennoch habe ich, wie so viele Mädchen, von meinen Eltern erst viel später meine erste Konsole bekommen als mein ungefähr gleichaltriger Halbbruder. Das lag in meinem Fall daran, dass meine Mutter mich vor der neuen Technik „beschützen“ wollte. Dieser geschlechterspezifische Beschützerinstinkt war aber auch in anderen Bereichen zu beobachten: So mussten meine männlichen Freunde eindeutig seltener ihren Eltern Bericht erstatten, wo sie gerade mit wem sind, außerdem durften sie deutlich länger vor dem Fernseher sitzen. Geschadet hat es dem Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Gamern nicht. Laut einer Studie der Entertainment Software Association, die in der folgenden Grafik von Huffington Post abgebildet wird, zocken heutzutage nämlich annähernd gleich viele Frauen wie Männer.

2. In Videospielen sind alle gleich

Auch, wenn heutzutage viele Frauen mehr starke weibliche Charaktere in Videospielen fordern, waren Games für mich doch schon immer ein Medium für Männlein und Weiblein. In Pokémon darf ich mir schon seit einigen Generationen aussuchen, ob ich als Frau oder Mann durch das Abenteuer gehe, spielerische Variablen gibt es keine, egal, für welches Geschlecht ich mich entscheide. Will ich Abenteuer á la Indiana Jones erleben, kann ich diese entweder mit Lara Croft oder mit Nathan Drake bestreiten, je nachdem, wie es mir eben mehr beliebt.

Trotzdem wird weiblichen Zockern oft vorgeworfen, sie seien Freaks, zu männlich, um als richtige Frau wahrgenommen werden zu können. Einige weibliche Gamer benutzen absichtlich keinen Voice-Chat, haben einen männlichen Nickname und Avatar, um nicht als Frau enttarnt und herabgewürdigt zu werden. Dabei können wir Frauen zocken UND uns schick anziehen, Videospiele UND Kinder toll finden und Gaming UND Musik, kochen oder Make-Up als Hobbys haben. Wie auch Jungs andere Dinge neben dem Zocken feiern können.

3. Games schaffen Gemeinsamkeiten

Auch, wenn ich keine eigene Konsole hatte, bis ich 14 wurde, habe ich doch auch schon in meiner Kindheit gezockt. Mein Halbbruder hat mir regelmäßig seinen zweiten Controller abgegeben, war ich bei Freunden zu Besuch, habe ich ihnen beim Zocken über die Schulter geschaut. Gerne erinnere ich mich an die SingStar- und GTA-Sessions bei meinen besten Freundinnen zurück. Denn ja: Auch wenn diese keine älteren oder jüngeren Brüder hatten, haben auch viele meiner weiblichen Bekanntschaften gezockt.

Das Thema Videospiele hat mir vor allem auch beim Knüpfen neuer Kontakte geholfen. Nicht nur Freundschaften sind aus den Gesprächen über Gaming entstanden, auch viele Partner habe ich nur durch die gemeinsame Leidenschaft fürs Zocken gefunden. Ist ja auch klar, will sich doch niemand dauerhaft auf eine Person einlassen, mit der er so absolut gar nichts gemein hat. Und gib es zu: Hast du nicht auch schon mal davon geträumt, mit deinem Partner nicht nur vor Netflix zu hocken oder an den See zu fahren, sondern mal gepflegt eine Runde zu zocken?

Und was soll das Ganze jetzt?

Ich würde mir wünschen, dass angesichts dessen zockende Frauen nicht mit mehr, nicht mit weniger Respekt behandelt werden, sondern eben ganz normal. Genauso, wie lesende, studierende, arbeitende, einkaufende, badende, kurz: atmende Frauen eine normale Behandlung verdienen. Ich will von Männern, aber auch von Frauen nicht mehr hören, dass es ungewöhnlich, unweiblich, unschick, unangebracht ist, als Mädchen zu zocken. Aber auch nicht, dass es krass, mindblowing, sexy ist, wenn Frauen etwas von Videospielen verstehen.

So will Skylla eine gesündere Gaming-Szene schaffen

Denn wir, die wir zocken, egal, ob Junge oder Mädchen, wollen doch nur eins: Der Realität entfliehen, Abenteuer erleben, die wir sonst nicht erleben könnten und Welten sehen, deren Geschichten uns noch Jahre später faszinieren. Dasselbe Ziel also, das auch Leseratten und Cineasten verfolgen. Das Geschlecht ist dabei vollkommen egal. Und deshalb sollte es sowohl für Jungs als auch für Mädchen ein ganz normales Hobby sein, Videospiele zu spielen. Wer dieses Hobby zum Beruf machen will, der soll das versuchen. Egal, ob Mann oder Frau.

Weitere Themen: Shadow of the Tomb Raider, Uncharted: The Lost Legacy, Uncharted 4: A Thief's End, Rise of the Tomb Raider

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