EU-Richtlinie gefährdet pünktliche Einführung neuer Smartphones [Update]

Stefan Bubeck
2

Die holprige Einführung einer neuen EU-Richtlinie für Funkprodukte könnte deren Marktstart erschweren. Selbst ein Zusammenbruch der Lieferketten in ganz Europa sei denkbar, warnen die Hersteller angesichts der aktuellen Situation.

EU-Richtlinie gefährdet pünktliche Einführung neuer Smartphones [Update]
Update, 20.03.2017, 17:08 Uhr: Nun hat sich auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries geäußert. Der Zeitung WELT liegt ein Schreiben an die EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska vor, in dem sich Zypries als „besorgt über die fehlende Bereitstellung (...) europäischer Normen“ zeigt und die EU-Kommission „herzlich und dringend“ bittet, vor Fristablauf im Sommer „einen lösungsorientierten Weg zu beschreiten“.

Originalartikel vom20.12.2016:
Die 2014 verabschiedete Funkgeräterichtlinie „Radio Equipment Directive – RED“ (2014/53/EU)“ macht Probleme. Ab dem 13. Juni 2017 müssen ihre Vorgaben von allen Geräten mit Funkschnittstelle umfänglich erfüllt werden. Davon betroffen sind beispielsweise WLAN-Router, die im Zweifelfall nicht in Umlauf gebracht werden dürfen. Die Krux: Der Normierungsprozess ist noch nicht abgeschlossen, einige der Standards werden derzeit noch ausgearbeitet.

WLAN-Geräte: Die Hersteller müssen ihre Produkte prüfen lassen, können dies aber nicht tun

Nur 44 Prüflabors müssten die Konformität aller Produkte bewerten, die in Europa erscheinen sollen. Kritiker bezweifeln, dass dies überhaupt möglich sei. Denn es sei zum Teil noch unklar, nach welchen konkreten Vorgaben das passieren soll – ein Beispiel ist der Standard für 5-GHz-WLAN, welcher erst im Januar 2018 von der zuständigen Organisation ETSI angepasst wird. Aufgrund der Verzögerungen in der Umsetzung der Richtlinie könnte ab dem Sommer 2017 der Verkauf von zahlreichen Geräten auf der Kippe stehen: Darunter auch Smartphones, drahtlose Mikrophone und DVB-T2-Antennen.

10 WLAN-Namen, die deine Nachbarn zum Lachen bringen

Branche fordert Verlängerung der Übergangsfrist

Ralph Koenze ist Gründer und Geschäftsführer von Lancom Systems, einem deutschen Hersteller für Netzwerklösungen. In einem Blogbeitrag fordert er die Überarbeitung der Richtlinie und eine Neuverhandlung der bereits festgelegten Übergangsfrist: „Wägt man die möglichen Auswege ab, wird schnell eines klar: es ist naiv zu glauben, die Standardisierungsgremien könnten einfach „einen Zahn zulegen“ und die Normen doch noch rechtzeitig harmonisieren. Auch hierzu fehlt es schlichtweg an Kapazitäten, und der Verzug ist viel zu groß. Hinzu kommt, dass selbst die Prüfung der bereits fertigen Normen durch die EU-Kommission extrem lange dauert. So liegen derzeit knapp 80 Normen ungeprüft in Brüssel und harren ihres Schicksals.“

1.153
Netgear Orbi im Test

Koenze formuliert in seinem Beitrag offenbar das, was derzeit der ganzen Branche Sorgen macht. Auch der Zentralverband ZVEI und der Digitalverband Bitkom schlagen einen Aufschub der Übergangsfrist bis Juni 2019 vor.

Die EU-Richtlinie hat eigentlich gute Absichten und wurde von der Industrie begrüßt: Sie regelt technische Vorgaben wie die Mindestleistung und administrative Angelegenheiten, etwa Instrumente zur Marktüberwachung. Sie soll durch die „Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereitstellung von Funkanlagen auf dem Markt“ kleinen und mittleren Unternehmen den Marktzugang innerhalb der EU erleichtern und ihnen dabei helfen, Kosten zu sparen.


Quellen: IP-Insider, Lancom Systems, WELT

Neue Artikel von GIGA TECH