Akte X 2016: Was können die neuen Folgen der 10. Staffel - TV-Kritik zu allen Episoden

Tobias Heidemann
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Akte X - Trailer Englisch
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Wir schreiben das Jahr 2016 und „Akte X“ ist wieder da. Ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, will sich binnen der ersten drei neuen Folgen nicht wirklich herausstellen. Die Fortsetzung des globalen Serienphänomens leidet unter einem speziellen Problem, das Serienschöpfer Chris Carter unbedingt noch in den Griff bekommen muss: Die Serie weiß selbst nicht, worauf sie heute eigentlich hinaus will.  

Die zentrale Idee, die „Akte X“ seit ihrer Pilotfolge aus dem Jahr 1993 zugrunde lag, ist immer noch verdammt gut. Was, wenn alles wahr ist? Was, wenn all die irren und wirren Verschwörungsköpfe, die da draußen täglich ihr Unwesen treiben, wirklich Recht haben: Die Mondlandung, Roswell, Area 51, die Ermordung von John F. Kennedy, der Yeti, die Hirn-manipulierenden Signale aus dem Fernseher und die globale Verschwörung des militärisch-industriellen Komplexes? Was, wenn die lächerliche Paranoia der Aluhüte am Ende den Untergang der Menschheit vermeiden kann?

Chris Carters clevere Prämisse verschaffte den Autoren der „Akte X“ seinerzeit den Zugang zu einem gewaltigen Archiv aus wahnwitzigen Theorien, urbanen Legenden und pseudo-wissenschaftlichem Mumpitz. Begriffen als pure Fiktion werden krude Verschwörungstheorien eben sehr schnell sehr unterhaltsam. Folgerichtig waren die „X-Files“ viele Jahre lang die abwechslungsreichste und kreativste Serie am Markt. Ihr Einfluss ist bis heute überall zu spüren.

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Akte X 2016: Die Idee ist immer noch gut

Neun Staffeln lang konnten uns die X-Akten mit dieser ungemein produktiven Prämisse auf erstklassigem Niveau unterhalten. Zwar litt die TV-Serie zu ihrem Ende unter der immer häufigeren Abwesenheit ihrer essentiellen Stars David Duchovny (Fox Mulder) und Gillian Anderson (Dana Scully) und auch die verworrene Mythologie der Serie stolperte immer häufiger über die eigenen Füße – doch alles in allem war „Akte X“ ein verdammt toller Ritt.

Folgerichtig löste die Nachricht von ihrer Fortsetzung bei alteingesessenen Fans einen stark erhöhten Puls aus. Insbesondere weil Serienschöpfer Chris Carter das Ruder selbst wieder in die Hand nahm und gemeinsam mit Anderson und Duchovny feststellen möchte, was „Akte X“ im Jahr 2016 eigentlich noch bedeuten kann. Die ersten Folgen des Neustarts, zwei Mythologie-Folgen und eine Monster-of-the-Week-Folge, geben auf diese Frage allerdings kaum befriedigende Antworten.

Noch sichtlich unsicher auf den eingeschlafenen Füßen wanken die „X-Files“ zwischen intimen Fanservice, kuscheliger Nostalgie, dem Sammeln von Easter-Eggs und der Suche nach einem frischen Ansatz hin und her.

Erfreulich ist die angenehm stoische Verweigerungshaltung gegenüber dem derzeit üblichen TV-Reboot-Treatment. In puncto Inszenierung, Humor und Tonalität bleibt man sich trotz der stark veränderten Serienlandschaft überraschend treu. Was dazu führt, dass man sich spätestens beim Einsetzen der Musik von Mark Snow gern wieder in der charmanten Einzigartigkeit dieser Serie verliert.

Akte X 2016: Mythologie, Ironie und Nostalgie

Auch der Hebel, den Chris Carter für die Aktualisierung der Grundidee gewählt hat, ist gar nicht mal so blöd. Es wird auf sehr pragmatische Weise reiner Tisch gemacht. Alles was war, wird plötzlich von Mulder angezweifelt. Scully bleibt gegenüber Mulders neuen Perspektiven, wer hätte das gedacht, sehr skeptisch. Die Serie will mit diesem Kniff ein neues Licht auf ihre verschachtelte Mythologie werfen und spinnt dabei geschickt zeitgenössische Themen wie Edward Snowden und 9/11 mit ein.

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Akte X Revival Trailer: Teil 2

Leider nimmt Carter diese Operation an seinem Patienten mehr mit einer Knochensäge denn mit einem Skalpell vor. Im Kontext der Serie ist die inhaltliche Modernisierung absolut unglaubwürdig und krude. Zudem ist das gewählte Erzähltempo viel zu hoch. Die Pilotfolge ersäuft in dem riesigen Fass, das hier aufgemacht wurde. Ein weiteres Problem der ersten beiden Folgen stellt der inzwischen mit „Californication“ gealterte David Duchovny dar. Allzu ernst scheint er seine Rückkehr in die Haut von Fox eingangs nicht zu nehmen.

Erst in der dritten Folge werden wir in einigen wenigen Momenten Zeuge, wie sich Duchovny an die Faszination seiner Rolle erinnern kann. Dass diese Folge eine „Monster“-Folge ist, in welcher sich die „X-Files“ auf sehr humorvolle und radikale Weise über sich selbst lustig machen, kommt dabei nicht von ungefähr.

Akte X 2016: Gute und schlechte Zeichen

Die ironische Verbeugung vor den guten, alten Zeiten scheint allen Beteiligten sehr viel leichter gefallen zu sein, als die ernsthafte Fortsetzung der legendären Serie. Das wesentliche Problem, unter welchem die 10. Staffel „Akte X“ leidet, ist die Tatsache, dass Ironie, Mythologie und Nostalgie trotz ihres Unterhaltungswertes aktuell so gar kein stimmiges Ganzes bilden mögen.

Und ob sich mit dieser überkandidelten Mixtur tatsächlich auch ein neues Publikum erreichen lässt, kann ebenfalls bezweifelt werden. Bei mir haben die ersten drei Folgen jedenfalls vor allem den Wunsch geweckt, die alten Folgen noch einmal zu sehen. Fragt sich, ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.

 

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Kurzreview zu Axte X: Staffel 10, Folge 4 “Heimat” – 29.02. 21:10 auf ProSieben

Geht doch! Dass uns das „Akte-X“-Comeback bis zu diesem Punkt noch nicht wirklich vom Hocker reißen konnte, lag vor allem an der arg unausgegorenen Verteilung der zentralen Themen der Serie. Der Versuch, in nur sechs Folgen alles hineinzuzwängen, was die Mystery-Serie im Laufe ihrer langen TV-Geschichte einmal ausgemacht und ausprobiert hat, das sorgte in den ersten drei Episoden der 10. Staffel für erhebliche Startschwierigkeiten – die nun mit „Heimat“, der 4.Episode, plötzlich wie weggeblasen scheinen.

Endlich hat Staffel 10 ihre Mitte gefunden. William, Scullys und Mulders zur Adoption freigegebener Sohn, ist der rote Faden, an welchem wir uns nur allzu gern festhalten. Gesponnen wird dieser Faden durch eine kurzweilige Monsterjagd und eine persönliche Tragödie in Scullys Familie.

Mulder and Scully untersuchen den Mord an einem Stadtoffiziellen und begegnen dabei dem „Band-Aid Nose Man“, einer urbanen Legende von einem blutrünstigen Street-Art-Müllmann, der sich als Verteidiger der Obdachlosen gegen die übermächtigen Kräfte der Gentrifizierung stellt. Nicht nur ist der Müllmann mit seiner widerlich giftig-gärenden Erscheinung und seiner brachialen Zerstörungswut ein echtes Monster-Highlight, endlich gelingt der Serie auch die emotionale Verknüpfung der Mystery-Themen mit dem persönlichen Schicksal ihrer Figuren. Mit „Heimat“ versprüht das „Akte X“-Revival erstmals wieder jene spezielle Faszination, für welche wir diese Serie einst geliebt haben.

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Kurzreview zu Axte X: Staffel 10, Folge 5 “Babylon” – 07.03 21:10 auf ProSieben

Nach der durchweg gelungenen Episode in der vergangenen Woche gelangt die 10. Staffel „Akte X“ mit „Babylon“ nun leider an ihren vorläufigen Tiefpunkt. Alle Probleme, unter denen die neue Staffel der Kultserie bisher litt, treten in dieser Folge noch einmal in verschärfter Form auf.

Ohne ersichtlichen Grund und viel zu oft wechselt Showrunner Chris Carter die Register. Alles wirkt knapp daneben und nie auf den Punkt genau inszeniert. Ganz selten hat man das Gefühl, die verwendeten Stilelemente würden eine irgendwie stimmige Verbindung zu der erzählten Geschichte aufbauen.

Im Ergebnis fühlt sich „Babylon“ extrem unausgegoren und streckenweise sogar unfreiwillig komisch an. So wabert Mulders „lustiger Drogen-Trip“ irgendwo zwischen hüftsteifem Altherrenklamauk, einer Reminiszenz an David Duchovnys “Californication” und einer drollig redundanten Metaphysik hin und her. Was das Ganze aber soll, keiner weiß es. Die Tonalität von “Babylon” bleibt letzten Endes genauso unklar wie die erzählerische Absicht der gesamten Folge.

Die besagte Sequenz macht zudem ein weiteres, viel erheblicheres Problem der 10. Staffel ersichtlich. Anstatt das Kulturphänomen „Akte X“, die ungeheuerliche Faszination, die einst von dieser Serie ausging, mit Hilfe von modernen Mitteln wiederzubeleben, wird der angestaubte Kultcharakter lediglich verwaltet. Mag sein, dass der beabsichtigte Humor der Drogen-Sequenz bei einigen, alteingesessenen Fans noch funktioniert, dem neuen, jungen Publikum dürfte sie im Bestfall gleichgültig sein. Ach, und bevor wir es vergessen: In „Babylon“ geht es übrigens um einen Auseinandersetzung mit Terror und Selbstmordattentaten. Falls das irgenwie unklar sein sollte.

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