Black Heaven - DVD-/BD-Kritik - Und ewig lockt das Cyberweib

Martin Beck

Heterosexuell veranlagte Männer sind leichte Beute für Coverdesigner. Gebt ihnen nacktes weibliches Fleisch und irgendwas mit Computern und schon glänzen die Augen. “Black Heaven“, jaaa! Schon alleine wegen blond, Tattoo, Poritze und dem mächtig großen Wort “Avatar”.

Black Heaven - DVD-/BD-Kritik - Und ewig lockt das Cyberweib



Dass das Cover von “Black Heaven” letztlich einen anderen Film verspricht, merkt man natürlich erst, wenn das Geld bereits den Besitzer gewechselt hat. Oder halt nach dem Lesen dieses Textes. Der überhaupt nicht abraten möchte, sondern einfach nur den Rotstift ansetzt. Und die zunächst angeregten Urinstinkte auf einen kühlen, relativ zurückhaltenden Thriller eindampft.

Die Geschichte von “Black Heaven” handelt von einem jungen Mann (Grégoire Leprince-Ringuet), der eigentlich eine süße Freundin hat, aber trotzdem den Reizen einer (natürlich blonden) Femme Fatale erliegt. Die sich zusammen mit ihrem Lover per Autoabgase umbringen will. Und gerade noch gerettet wird. Was den jungen Mann so sehr in die libidöse Spur bringt, dass er der Frau bis ins Internet folgt. In eine “Second Life“-mäßige Welt namens “Black Hole”.

Audrey, so der Name der blonden Sirene, heißt dort Sam und verführt den Jüngling nach allen Künsten. Auch in der realen Welt nähern sich die beiden an, was aber natürlich drastische Folgen nach sich zieht. Je mehr die Cyberwelt mit der Wirklichkeit verschwimmt, desto mehr geht auch die Kontrolle flöten. Blond, Tattoo, Poritze – die roten Knöpfe kunstvoller Umgarnung. Wer zu lange im “Second Life” atmet, bewegt sich unweigerlich auf dunkle, bisweilen sogar tödliche Abgründe zu.

Hm. Und gerne auch noch so so. Dass die wundersame Netzwelt bedrohliche Schatten wirft, ist inzwischen eine filmische Binsenweisheit, die frühestens seit “” und spätestens seit “” aufgeklärte Giga-Freunde ins wahlweise lächelnde oder gähnende Abseits treibt. Ein inhaltlicher Ansatz für mittelalterliche Familienväter, deren Sprösslinge mit viereckigen Augen ins Bettchen fallen. Überhaupt: “Cyberspace”. Das ist doch sooo 1994.

Wenn man sich “Black Heaven” nähert, sollte eine gewisse Toleranz gegenüber dem pixeligen Verständnis des Films auf jeden Fall vorhanden sein. Regisseur Gilles Marchand, bekannt vor allem als Drehbuchautor von z.B. “” oder ““, möchte der altbekannten ““-Idee eine neue Coverversion verpassen und schaltet dazu den Commodore 64 an. Ein “reiner” Mann blickt inmitten wunderbarer Natur auf emotionale Abgründe und verliert sich darin. Die ewige Faszination des Bösen. “Black Hole”: Der Name ist Programm.

Wie bereits verraten, ist der Film eher kein gnadenloser Nägelkauer, sondern ersetzt die großen Paukenschläge durch mäßig temperierte Ruhe. Was keineswegs ein Nachteil ist, aber natürlich etwas Sitzfleisch erfordert. Und dafür dann aber auch die der Atemlosigkeit geschuldete Dummheit vieler anderer Thriller ausspart. Und auf lange Sicht einen ganz eigenen Sog entwickelt, der am Ende tatsächlich mächtig anzieht und einen durchaus drastischen “pay off” bietet. Denn der Cyberspace ist nunmal der Feind. Der mit angenehm reduzierten Computerbildern lockt und als unschlagbare Werbe-Ikone blondierte Kurven im Swimmingpool auffährt. Es würde an ein Wunder grenzen, schönen Cybertitten widerstehen zu können.

Fazit
Der Stempel für “Black Heaven” heißt “Blue Velvet” plus “” und trifft’s eigentlich gar nicht. Das ewig lockende Cyberweib des Covers wird umrandet von einem zurückhaltende Bedrohung aussendenden Thriller, der seine Karten mit smarter Ruhe ausspielt und spätestens beim Finale dann packende Spannung erreicht. Wer bereits nach 10 Minuten mit dem linken Auge Richtung Vorspultaste schielt, sollte mal dringend die Kaffeeration verkleinern. “Black Heaven” entschleunigt elektronische Ersatzwelten auf europäisches Krimiklima.

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