TV-Serien 2012: Die Tops und Flops des Jahres

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Um Himmels Willen! Jetzt mal In Aller Freundschaft und Unter Uns: das deutsche Fernsehen saugt. Rosemunde Pilcher und Inga Lindström dürfen als ästhetisches Kavaliersdelikt weiterhin ungestraft bleibende Hirnschäden verursachen und Stubbe fesselt von Fall zu Fall ein Millionenpublikum. Selbst der Tatort verweigert sich bis auf ganz wenige Ausnahme beharrlich der Modernisierung. Lichtblicke wie der Tatortreiniger bleiben somit Tropfen auf dem heißen Leckstein, an dem das deutsche Publikum unbeeindruckt weiternuckelt. Die Liste der beliebtesten TV-Serien in Deutschland offenbart auch 2012 vor allem Abgründe.  Unter jüngeren Zuschauern nimmt die Popularität von US-Serien hingegen weiterhin zu. Ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Wer weiß, wer weiß? Hier sind jedenfalls meine persönlichen Lieblingsserien 2012. Eine deutsche TV-Serie ist leider nicht dabei. Go figure.

TV-Serien 2012: Die Tops und Flops des Jahres


Inhaltsverzeichnis

 

 

TV-Serien 2012 – Die Enttäuschungen 

Auch wenn mein deutscher Fernsehkultur-Pessimismus auf einer soliden empirischen Basis ruht – im Rest der TV-Welt ist natürlich auch nicht alles Gold was glänzt. Mehr Mist als in diesem Jahr habe ich glaube ich noch nie gesehen. Dabei ließ mich die beeindruckende Zahl der neuen Serienstarts noch an einen besonders ertragreichen Jahrgang glauben. Falsch gedacht – 90% der neuen Serien waren eine echte Enttäuschung.

Revolution“ ließ schon im Trailer durchblicken, dass die größte Gefahr in der Apokalypse von der allgegenwärtigen Uninspiriertheit der Autoren und dem mangelnden schauspielerischen Talent des Cast ausgehen würde. So war es dann auch. Obwohl, eigentlich war es noch etwas schlimmer. “Revolution“ ist nicht nur nichts Neues eingefallen, das Alte wurde auch noch denkbar lahm abgedreht. Der Sonderpreis für epische Langeweile wäre damit schon mal vergeben.

Anders, aber nicht minder ärgerlich, war „Arrow“. 

Gedacht als dunkleres und erwachseneres Nachfolgeprojekt vom endlich beendeten „Smallville“, wollte „Arrow“ auch die Comic-Fans wieder glücklich machen. Herausgekommen ist letztlich nur eine altbackende Origin-Story vom Reißbrett, die sich viel zu sehr auf ihren blassen Hauptdarsteller verlässt. „Person of Interest“ hatte da wenigstens noch einen verdienten Jim Caviezel zu bieten. Leider stellte die Serie aber schon im Piloten eindrucksvoll unter Beweis, wie dünn die hier verfolgte Prämisse doch ist. Schwach inszeniert ist „Person of Interest“ übrigens auch.

Wirklich vielversprechend gestartet war hingegen das neue Serienbaby von J.J. Abrams. Doch schon nach wenigen Folgen wurde klar, dass „Alcatraz“ seinen Vorschusslorbeeren nicht gerecht werden würde. Bemüht geeky und viel zu schematisch klapperte „Alcatraz“ seine durchsichtigen Routinen ab. Mit Sarah Jones hatte man sich zudem für die falsche Hauptdarstellerin entschieden. Sie vermag „Alcatraz“ einfach nicht zu tragen.

Als mittelschwere Enttäuschungen stellten sich des Weiteren der von „Gangs of New York“ inspirierte „Copper“ und der Deadwood-Verschnitt „Hell on Wheels“ heraus. „Nashville“ hatte zwar beides – Country und Western – war mir persönlich aber neun Entzündungsstufen zu spießig und über Kiefer Sutherlands meta-nervigen Eso-Unfall “Touch” lege ich besser den Mantel des Schweigens.

Auch die dritte Staffel von „Walking Dead“ konnte nicht überzeugen. Die Zombie-Mär hatte es aber auch nicht gerade leicht. Erst waren unangenehme Details über die kaputt gestrichenen Produktionsbedingungen an die Öffentlichkeit geraten, dann hatte sich mit Frank Darabont auch noch der stilistische Pulsgeber zurückgezogen. Nach dem furiosen Beginn zeigte sich dann, dass Staffel drei von „The Walking Dead“ nur eine Lösung auf die zahlreichen Probleme eingefallen war: extrem viel Gewalt. Als Genre-Fan konnte man die versierte Zerstörungsorgie am menschlichen Körper natürlich schön feiern, doch immer wenn in „The Walking Dead“ mal keine Köpfe zertrümmert wurden – was zugegebenermaßen äußerst selten vorkam – machte sich wieder Langeweile breit. Das schauspielerische Engagement von Andrew Lincoln muss an dieser Stelle aber nochmals geehrt werden. Er spielt Rick Grimes einfach toll. Der Rest des Cast blieb jedoch so schwach wie eh und je.

Genug genörgelt. Hier sind meine Top 10 der besten Serien 2012. An die chronisch empörten Metacritic-Zitierer noch schnell eine Warnung: Das ist MEINE Liste!

Die besten TV-Serien 2012: Platz 10

American Horror Story (FX)

Horror im Serienformat – das funktioniert einfach nicht. Man stelle sich zum Beispiel einen Klassiker wie „Halloween“ oder „The Haunting“ auf zehn Stunden gestreckt vor. Genau, das wäre ziemlich langweilig. Von „American Horror Story“ musste ich mich in diesem Jahres aber eines Besseren belehren lassen. Es geht doch – und wie! Die produzierenden Autoren Ryan Murphy und Brad Falchuk (Glee, Nip/Tuck) haben einen cleveren Ausweg aus der TV-Misere gefunden und mit „American Horror Story“ einer Arte Genrearchiv des modernen Horrorfilms erschaffen. Mit ihren Figuren und unterschiedlichen Inszenierungsweisen bilden sie Folge für Folge eine neue Gangart des Horrors ab: Die blutige Palette enthält Spurenelemente des Slashers, des Haunted House, des Monster- oder gar des Home Invasion-Films. Als Rahmen muss natürlich der Abgrund der bürgerlichen Familien herhalten. Auch wenn „American Horror Story“ oft mehr Stil als Substanz bietet – für Horrorfans ist Staffel eins ein Fest. Mit der aktuellen zweiten Staffel scheint das Konzept aber gerade in sich zusammenzufallen.

Die besten TV-Serien 2012: Platz 09

ThunderCats

„ThunderCats“? Ernsthaft? Das Serienjahr 2012 hatte viele Highlights. Die vierte Staffel „Mad Men“ wurde wieder einmal über den grünen Klee gelobt, „Fringe“ und “Dexter” fanden zu verloren geglaubten Qualitäten zurück und Staffel zwei von „Sherlock“ war einfach nur umwerfend. Die Neuauflage aus dem Cartoon Network traf meinen Nostalgie-Nerv aber so heftig, dass „ThunderCats“ am Ende des Jahres einfach aus der Masse heraussticht. Die Comic-Serie ist ein liebevoll restauriertes Artefakt vergangener TV-Tage und erzählt die epische Geschichte um das Königreich Thundera so frisch und verspielt wie damals. Für Kinder und Kindsköpfe mit einem verklärten Verhältnis zur Vergangenheit. ThunderCats....Ho!

 

Die besten TV-Serien 2012: Platz 08

Platz 8: Homeland (Showtime)

Letztes Jahr sicherte sich „Homeland“ Platz eins meiner Top 10 der besten Serien 2011. Mittlerweile wurde der Post 9/11 Drama-Thriller mit Emmys geradezu überschüttet (u.a. Beste Drama-Serie, Beste Schauspielerin) und konnte sich auf Imdb zwischenzeitig über Ausnahmebewertungen freuen. Mitte der diesjährigen zweiten Staffel verlor „Homeland“ allerdings einen Großteil seines Reizes. Die ernsthaften Sympathien für die Figur des Nicholas Brody, die Möglichkeit, sein terroristisches Handeln tatsächlich nachzuvollziehen, sogar nachempfinden zu können – das war es, was aus „Homeland“ einen seltenen Glücksfall modernerer Fernsehunterhaltung machte. In dieser Hinsicht hat Staffel zwei leider etwas an Momentum verloren. Da wir es im Gegenzug mit der wahrscheinlich ungewöhnlichsten Liebegeschichte seit Paul Harathers „Indien“ zutun bekommen haben, gehört „Homeland“ aber auch dieses Jahr noch zu den besten Serien.

Die besten TV-Serien 2012: Platz 07

Girls (HBO)

Die klebrigen Untiefen der Teenie-Soap sind auch in Zeiten von „Mad Men“ & Co noch immer ein Hort konservativer Frauenbilder und blankem Sexismus. So ehrenwert die aktuellen Versuche, diesen tradierten Mist ein für alle Mal abzulegen auch sein mögen, wirklich konsequent sind TV-Serien wie „Awkward“ oder „New Girl“ dabei nur selten. Ganz anders HBO´s „Girls“. Wie immer geht es um erste Liebe, Freundschaft unter Frauen, Sexualität, mangelndes Selbstbewusstsein, das Verhältnis zu den lieben Eltern und das Leben in der Großstadt. Wie „Girls“ diese bekannten Themen aber bespielt, das ist unbedingt sehenswert, weil es unverbraucht und mutig geschrieben ist. Lena Dunhams „Girls“ bringt frischen Wind in das muffige Genre und lässt den kläglichen Rest des Frauenfernsehens einfach nur verdammt alt aussehen. Lustig ist´s auch noch.

Die besten TV-Serien 2012: Platz 06

The Newsroom (HBO)

Das größte Problem von „The Newsroom“ sind die Titles. Seit „Star Trek: Enterprise“ hat mich keine Titelmelodie näher an einen schamerfüllten Brechreiz geführt. Doch das schleimige Intro ist Teil einer cleveren Strategie, die dem amerikanischen Publikum ein extrem trockenes Thema möglichst saftig aufbereiten möchte. Es geht um die Produktionsverhältnisse des politischen Journalismus. Schnarch, wird sich jetzt so mancher denken, doch hinter „The Newsroom“  steht einer der mutigsten Kommentare zur Lage der US-Nation ever. Schon im Piloten darf Jeff Daniels Charakter Amerika mal so richtig schön die Meinung sagen. Wie weit „The Newsroom“ bei seiner Kritik an der politischen Kultur und ihrer Repräsentation im Fernsehen geht, das ist angenehm überraschend. Im Verlauf seiner bisher zehn Folgen bekommen Parteien und Medien von der fiktiven – und stark idealisierten – Nachrichtenredaktion so richtig schön den Hintern voll. Damit das nicht zu langweilig wird, hat Aaron Sorkin (The Social Network) auch noch ein paar amouröse Beziehungen reingeschrieben. „The Newsroom“ ist im doppelten Sinne Fernsehen wie es sein sollte.

 

Die besten TV-Serien 2012: Platz 05

Gefährliche Seilschaften (ARTE)

Oh, oh...für diese Top 10 bekomm ich bestimmt auf´n Sack. Schon wieder starke Frauen, schon wieder Politik. Aber Qualität setzt sich am Ende eben doch durch. Außerdem ist die Sogwirkung von „Gefährliche Seilschaften“ einfach nicht von der Hand zu weisen. Den Dänen haben wir es zu verdanken, dass es als Zuschauer endlich mal wieder Spaß macht, durch die Korridore der Macht zu wandeln. Hier treffen wir auf Birgitte Nyborg Christensen, die verzweifelt versucht, sich ein bisschen Restmoral auf dem Weg nach ganz oben zu erhalten. Ihr Scheitern ist spannend, sexy und überdurchschnittlich gut recherchiert.

 

Die besten TV-Serien 2012: Platz 04

Game of Thrones (HBO)

9.4/10 Punkte hat sich die beste TV-Serie aller Zeiten auf IMDB mittlerweile gehamstert. „Game of Thrones“ hat die Welt im Sturm erobert. Widerrede wird von den Fans seither nicht mehr geduldet – weil beste Serie halt. Auch wenn mir der Hype dieses Jahr etwas suspekt geworden ist und ich beim Genuss der zweiten Staffel immer wieder über die herrlich unverhoffte Salonfähigkeit des Fantasy-Nerdism schmunzeln musste – „Game of Thrones“ macht einfach Spaß. Mit Staffel zwei sogar noch ein bisschen mehr, denn hier wird die wahre Epik des Martinschen Werkes für Outsider erstmals erkennbar. „Game of Thrones“ hat viele Qualitäten (u.a. auch starke Frauenrollen.). Die für mich bedeutendste Qualität ist der herrlich verschwenderische Umgang mit Figuren und Schauspielkunst. Wer George R. R. Martins Bücher schon gelesen hat, der weiß, was HBO sich da vorgenommen hat. Auf drei weitere Jahre voller Kommen und Gehen. Hoffentlich kommt Martin selbst bis dahin mal zu Potte.

Die besten TV-Serien 2012: Platz 03

Platz 3: Veep (HBO)

In „Veep“ geht es um starke Frauen und es geht um Politik. Ok, der musste einfach sein. Tatsächlich geht es in „Veep“ um eine sehr peinliche und chronisch unqualifizierte Vollpfostin im Weißen Haus. Es geht um die Vize-Präsidentin der USA. Und es geht um gute Comedy. Weil die so unglaublich selten ist und weil ich mich lange nicht mehr so schön fremdgeschämt habe, darf sich „Veep“ in diesem Jahr auf Platz drei daneben benehmen. Leider bekamen die Macher Anfangs nur grünes Licht für sieben Folgen. Von denen ist dafür aber auch wirklich jede gelungen. Überhaupt ist an „Veep“ kein Gramm überflüssiges Fett dran. Es geht nur um einen großen Witz und der geht immer auf Kosten des politischen Betriebs in den USA. Wer sich schon immer gefragt hat, was Politiker vor sich her murmeln, wenn sie während eines Fundraisers 50 Hände hintereinander schütteln müssen, der bekommt in „Veep“ köstliche Antworten. Sympathiebedürfnisse sollte man aber besser Zuhause lassen. Diese Comedy-Serie findet ihre tragischen Verliererfiguren genauso scheiße wie sie eben sind.

 

Die besten TV-Serien 2012: Platz 02

 Breaking Bad (AMC)

Ich erkläre meine Befremdungsphase für offiziell beendet. Irgendwie hatte ich in Staffel drei komplett den Faden von „Breaking Bad“ verloren. Die geheimen Absichten der ultratrocken inszenierten Verbrechensfarce  erschlossen sich mir nicht länger. Jetzt ist alles anders. Staffel fünf hat mich nicht nur zurück in die Reihen der stetig wachsenden Fangemeinde gelockt, sie hat mir auch mit der Wucht eines Vorschlagshammers klargemacht, wohin die Reise gehen soll. „Breaking Bad“ hat sich mit wenigen Klischees und ganz viel Mut zu einem schaurig-schönen Abgrund der menschlichen Seele entwickelt. Die DNA der Serie besteht nicht mehr allein aus „Crime doesn’t pay“ –  längst hat sich Autor Vince Gilligan dem Studium der Macht zugewandt und „Breaking Bad“ damit in ein vielköpfiges Monstrum mutiert. Der Wunsch nach Macht, ihr Gebrauch, ihr Missbrauch, ihr Glücksversprechen, ihr Verlust und ihre Konsequenzen – das ist das Zeug, das aus „Breaking Bad“ einen existentialistischen Drogentrip ohne Rücksicht auf Verluste macht. Bei der Vermessung dieses Themas scheint jetzt alles möglich. Jede Figur, jede Idee ist entbehrlich geworden. „Breaking Bad“ rast wie ein dämonischer Güterzug auf die totale Entgleisung zu. Da will man einfach dabei sein.

 

Die besten TV-Serien 2012: Platz 01

Louie (FX)

Meine Lieblingsserie des Jahres 2012 heißt „Louie“. Warum? Die hier verlinkte Szene sollte das eigentlich beantworten. Sie bringt „Louie“ in etwa auf den Punkt. Louis C. K lehrt uns das Lachen über den alltäglichen Kampf – und das kann ich immer gebrauchen. Mehr noch: Mit „Louie“ lache ich über die Sinnlosigkeit des Daseins, über schlechten Sex, über schwere Krankheit, über den körperlichen Zerfall, über den Tod und – besonders wichtig: über mich selbst. Natürlich ist „Louie“ auch eine erstklassig geschriebene und poetisch unprätentiös gefilmte Sitcom über einen einsamen, unsicheren und liebesuchenden New Yorker Stand-up Comedian, dem das Leben in Staffel drei so viele Striche durch die Rechnung macht, dass er am Ende vom Glauben an sich selbst abfällt. Doch weil „Louie“ auf diesem langen Weg immer brüllend komisch, herzlich hämisch und politisch gänzlich unkorrekt ist, und weil dieser Weg an Weihnachten in einer kleiner Hütte in einem chinesischen Dorf endet, und weil „Louie“ mehr tolle Gaststars als alle anderen hat und überhaupt – ist „Louie“ einfach alles, was Fernsehen sein kann.


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