Chernobyl Diaries Kinokritik – Verstrahlter Sondermüll für die Horror-Halde

Wir Horrorfans brauchen ein dickes Fell. Gar nicht mal wegen all dem Blut, der Angst oder den verstörenden Motiven. Es sind vielmehr die vielen kleinen Genre-Makel, die uns immer wieder auf die Probe stellen. Wir sprechen hier von einer Filmgattung, in der Hauptdarstellerinnen nicht unbedingt aufgrund ihrer schauspielerischen Kompetenzen besetzt werden, sondern weil sie gut schreien können. Ein Genre, in dem schon mal Neunzig Prozent des Budgets in das Design eines Monsters fließen können. Wir Freunde des gepflegten Horrors wissen das und würden es nicht anders wollen. Wir sind nachsichtige Menschen. Es gibt aber auch Filme, die unser Entgegenkommen schlichtweg nicht verdienen. „Chernobyl Diaries“ ist so ein Film.

Wer jetzt glaubt, ich würde mich im Folgenden auf die unfassbar dämliche Prämisse der „Chernobyl Diaries“ stürzen, der irrt gewaltig. Eine Gruppe von Rucksack-Twentysomethings, die sich in der Ukraine von einem zwielichtigen Ex-Speznas in das Speergebiet von Tschernobyl führen lassen, um dort ein bisschen „Extreme Vacation“ zu genießen – warum denn nicht? Mit dem Geigerzähler ins europäische Strahlenparadies? Aber immer doch! Hey, ich gehöre zu den Menschen, die sogar der Drehbuchidee von „Killdozer“ noch etwas abgewinnen können.

Im Grunde habe ich auch nichts dagegen, dass sich Regiedebütant Bradley Parker, hier protegiert von „Paranormal Activity“-Macher Oren Peli, einen Dreck um originelle Charaktere und gute Schauspielerleistungen schert. Es macht beinahe Spaß, Ex-Soldat Uri (Dimitri Diatchenko) dabei zusehen, wie er seine lahme Reisetruppe mit all seiner Erfahrung an die Wand spielt. Man sollte allerdings auch erwähnen, dass sich Diatchenkos Erfahrungen vor allem auf die Intonierung von Videospiel-Russen beschränken.

“Ok, die Drehgenehmigung haben wir schon mal. Jemand ne Idee worum es gehen soll?”

Selbst mutierte Simpsons-Fische und ein bissiger Flohzirkus, beides sollen in „Chernobyl Diaries“ offenbar Elemente subtiler Bedrohung sein, haben mich nicht besonders irritieren können. Was mich jedoch wirklich ärgert, ist die Lieblosigkeit mit der Parker jeden nur erdenklichen Genre-Standard zitiert. Wenn in „Chernobyl Diaries“ plötzlich ein kleines Kind auf der Straße steht, dann steht es da nicht etwa, weil es ein Teil der Geschichte wäre oder weil es einen Hinweis auf das Mysterium des Films gebe würde – es steht da, weil kleine Kinder in Horrorfilmen nun mal gruselig sind.

Kind von hinten = unheimlich!

Dieser schluderige Umgang mit Effekten und Suspense macht aus „Chernobyl Diaries“ irgendwann nur noch ein träges Warten auf die nächste vertane Chance. Man spürt förmlich, dass sich Parker einzig und allein auf die unheimliche Magie seines Schauplatzes verlassen hat. Tschernobyls Geisterstadt Prypjat ist ja auch ein grauenvoller Ort – leider können Kamera und Szenenbild davon rein gar nichts auf die Zuschauer übertragen.

Fazit

Mit der Enthüllung seiner eigentlichen Bedrohung geht „Chernobyl Diaries“ dann auch der letzte Rest formaler Horror-Unterhaltung verloren. Was uns Bradley Parker da als seelenlosen Genreeintopf angerührt hat, wird Horror-Fans spätestes in der zweiten Hälfte zum Überkochen bringen. Frei von Kreativität und Handwerksgeschick vollbringt der Debütant hier das Kunststück, aus wenig gar nichts zu machen. „Chernobyl Diaries“ ist immer langweilig und oft ärgerlich.

Wertung: 2/10

Regie:  Bradley Parker
Darsteller: Jesse McCartney, Jonathan Sadowski and Olivia Dudley
USA/2012
Start: 21. Juni 2012

 

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