Die Tribute von Panem – The Hunger Games – Kinokritik

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Dass bei „Die Tribute von Panem“ die ganze Welt zusehen wird, ist eigentlich beschlossene Sache. Die Jugendbücher von Suzanne Collins sind satte Hits, die „Twilight“-Meute braucht bald einen neuen Grund zum Kreischen und das Tracking rangiert am Rande des messbaren Bereichs. Katniss Everdeen alias Jennifer Lawrence ist ab sofort ein Superstar!

Ich muss gestehen, dass ich alleine schon wegen der offensichtlichen „Twilight“-Connection mit reservierten Gefühlen ins Kino gegangen bin. Die Trailer zeigen zu viel Gelaber, zu wenig Action und zu viele furchtbar beknackte Frisuren. Und dann ist da halt noch „“, ein furioser japanischer Actionknüppel, der die exakt gleiche Geschichte mit einer bluttriefenden Kaltschnäuzigkeit sondergleichen durchzieht. Und damit eigentlich bereits im Jahr 2000 das letzte Wort hatte.

Was soll bei „Die Tribute von Panem“ noch kommen, was z.B. den ersten Messerwurf von Takeshi Kitano noch toppen könnte? Mehr Gewalt ganz sicher nicht, weil das ja schließlich eine Jugendbuch-Reihe ist, doch dafür eine wesentlich stärkere Charakterbildung, eine ganz neue Welt namens Panem und natürlich –der Film ist satte 142 Minuten lang- ein wesentlich längerer Überlebenskampf. Die Hungerspiele versetzen jedes Jahr 24 Jugendliche in einen tödlichen Wettstreit. Und der, der als letzter noch atmet, hat dann am Ende gewonnen.

Unsere Heldin bei diesem modernen Gladiatorenkampf ist besagte Katniss Everdeen, die für ihre Schwester bei den Hungerspielen mitmacht und über die gesamte erste Stunde als kantige Protagonistin etabliert wird. Gerade diese erste Stunde, die noch im Trailer ganz schön madig rüberkommt, zählt tatsächlich zu den Stärken des Films, weil hier auf erstaunlich subtile Weise sowohl der Staat Panem als auch wichtige Charaktere und die emotionale Grundlage für die folgende Jagd in Form geklopft werden. Jennifer Lawrence spielt erstklassig, Josh Hutcherson fällt zumindest nicht negativ auf und Stanley Tucci schafft es tatsächlich, gegen seine bekloppte Perücke anzukommen.

All die Figuren von „Die Tribute von Panem“ finden sich in einer unaufgeregten Science Fiction-Welt wieder, die einen spannenden Kontrast zwischen High Tech und satter Natur zeigt. Aufgedonnerte Zirkuskostüme und stählerne Designer-Paläste auf der einen Seite, tiefgrüne Wälder und allerlei (elektronisches) Getier auf der anderen Seite. Regisseur Gary Ross („“) inszeniert mit angenehmer Zurückhaltung, die sich auf den wunderbaren Score von James Newton Howard übersetzt, und trägt nur bei der beizeiten arg wackeligen Kamera etwas dick auf. „Die Tribute von Panem“ ist dankenswerterweise wesentlich ausgereifter und erwachsener als „Twilight“.

Und dann ist da ja noch die Action, beziehungsweise alles nach dem Startschuss zu den Hungerspielen. Auch hier fällt der „Twilight“-Vergleich positiv für „Die Tribute von Panem“ aus, wobei aber eine nur ansatzweise ähnliche Konsequenz wie bei „Battle Royale“ natürlich nicht erwartet werden kann. Es fließt kaum Blut, zwischen den Kämpfen liegen laaange Dialogszenen und „direkt“ umbringen tut Katniss genau einen Gegner – den „Rest“ erledigen die Bösen, mutierte Bienen oder einfach ein lauter Gong plus ein elektronisches Bild des Verblichenen am Sternenhimmel.

Während des Kampfes verliert „Die Tribute von Panem“ einiges von seiner Energie und wird etwas beliebig. Hier mal ein völlig vergeigtes CGI-Feuer, dort mal ein knuddeliges schwarzes Kind, das ihre Engelslocken an Katniss Bauch schmiegt. Und dann springen da auch noch CGI-Bullterrier herum, es gibt nicht wirklich motivierte Allianzen und irgendwann holpert man in ein lappiges Ende, das dem ganzen Film doch noch eine Kompromiss-lastige Schlagseite gibt. „Die Tribute von Panem“ hält sich erfreulich nahe an das Buch und verliert dabei aber in der zweiten Hälfte die klare Linie. Schon blöd, wenn es um einen Wettkampf geht, den man dem Zielpublikum kaum zeigen darf.

Fazit
Die gute Nachricht bei „Die Tribute von Panem“ ist, dass der Film deutlich besser ist als „Twilight“. Zwar bewirkt der Jugendbuch-Stempel auch hier einige schiefe Kompromisse, wie z.B. die nur sehr gebremst losgehende Action, einige pampfige Dialoge (vor allem zwischen Lawrence und Hutcherson) oder die äußerst grobe Charakterisierung der meisten Gegner, doch wesentlich besser als der bodenlose Glitzerquatsch aus Forks ist der Film allemal.

„Die Tribute von Panem“ ist großes Kino für alle bis…na ca. 20, hat in Jennifer Lawrence eine starke Hauptdarstellerin und gibt sich alle Mühe einer sorgfältigen Buchadaption. Wer „Battle Royale“ nicht kennt und heiß auf diesen Film hier ist, sollte sein Unwissen möglichst lange konservieren, wohingegen alle anderen zumindest erleichtert feststellen dürfen, dass die seltsamen Trailer auf Filmlänge tatsächlich Sinn machen. Keine Frage, das hätte wesentlich schlimmer können.

Wertung: 6/10

Regie: Gary Ross
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Stanley Tucci
USA/2012
Start: 22.3.2012


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