Dredd Filmkritik: 90 Minuten Spaß – ohne Bewährung

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Was immer es auch ist, das ich als Mann in mir trage und dafür sorgt, dass mir Angesichts von in Zeitlupe zerplatzenden Körpern, Explosionen in Super-Slowmotion und Dialogen, die aus weniger als drei Buchstaben bestehen, kleine Freudentränen in die Augen schießen – ich bin unendlich dankbar dafür. Vermutlich wäre ein Film wie ‘Dredd 3D’ andernfalls kaum zu ertragen oder filmhistorisch in irgendeiner Form zu rechtfertigen. Aber so? Go for it!

Bevor ich die Schönheit von „Dredd“ in kurze, nerd-getränkte Worte hülle, ein kurzer Exkurs für all jene, die keinen Plan haben, was „Dredd“ eigentlich ist. „Judge Dredd“ ist ein Comic-Protagonist aus der Reihe 2000A.D. Die existiert seit den 70ern und ist in der eher kleinen Anhängerschaft berüchtigt für ihre Brutalität. In der gezeichneten Zukunft existieren sogenannte Judges, genetisch manipulierte Supersoldaten, die Richter und Vollstrecker in einem sind.

1995 gab's die erste Filmumsetzung. Hauptrolle: Sylvester Stallone. Durch dessen Zugkraft wird „Judge Dredd“ trotz der unbekannten Vorlage ein Erfolg, die Kritiken sind jedoch vernichtend. Denn mit der Vorlage hatte „Judge Dredd“ viele Ähnlichkeiten, aber nichts gemein. Den Helm, von Stallone gerade mal zu Beginn getragen, nimmt Dredd im Comic niemals ab. Überhaupt war der Film zu bunt, zu laut, zu komisch. Besonders viel Schelte gab's für Rob Schneider, der den flachsenden Sidekick von Dredd gibt.

Um ehrlich zu sein: Mir hat „Judge Dredd“ immer Spaß gemacht. Das Ding war schrill und blöd, aber passte so herrlich in diese Zeit, in der man Sylvester Stallone auch einen „Demolition Man“ ohne mit der Wimper zu zucken abnahm. Und doch war die Freude groß, als ein Remake angekündigt wurde: Da war schließlich noch immer die vage Hoffnung, der Comic würde eine ihm würdige Umsetzung bekommen – düster, bitter, brutal.

Und, kaum zu glauben: here it is. Nach zuletzt eher enttäuschenden Neuinterpretationen der Marke „Total Recall“ gelingt den Machern von „Dredd“ tatsächlich die notwendige Generalüberholung. Will heißen: Man hievt die Vorlage filmisch auf das Niveau des aktuellen Actionkinos und fängt dabei den Spirit des Comics nahezu perfekt ein. Die Vorlagentreue geht dabei sogar so weit, dass Hauptdarsteller Karl Urban seinen Helm tatsächlich nie absetzt. Wenn dieser Film also dessen Karriere zuträglich sein dürfte, dann in erster Linie dank seinem Kinn.

In den rund 90 Minuten Spielzeit zeichnet „Dredd“ eine hübsch dystopische Zukunftsvision, getaucht in dreckige Sepiatöne. „Dredd“ selbst redet anders als Stallone eher weniger, als dass er hin und wieder vor sich hin grummelt. „Dredd“ lächelt nicht, selbst wenn die zynischen Oneliner fliegen, bleiben die Mundwinkel gesenkt. Und wenn es kracht, dann richtig. Die Klangkulisse ist schön druckvoll, abgefeuerte Schüsse hallen durch den Kinosaal, dass es nur so eine Freude ist.

Und dann wäre da die Gewalt: Derart viele, mächtig derbe Splattereffekte in einem Mainstream-Actioner gab es wohl seit „Robocop“ oder dem leider unterschätzten „Punisher: Warzone“ nicht mehr. Treffer verletzen hier nicht, sie zerfetzen. Und das sehr häufig sogar in Super-Zeitlupe. Denn Regisseur Pete Travis verwandelt einen interessanten Drehbucheinfall, nämlich den Einsatz einer neuartigen Superdroge namens „Slomo“, in einen genialen, visuellen Effekt. Für Sekunden steht dann das Bild nahezu still, ist gehüllt in überkontrastierte Farbtöne – ein optisches Gimmick, das Eindruck schindet.

Natürlich ist „Dredd“ dabei niemals kluges Actionkino. Die Dialoge sind immer hohl, die Oneliner mal richtig gut, immer wieder aber auch ziemlich mittelmäßig. Besonders schwer trägt sich „Dredd“ aber mit einer Last, die er nicht zu verantworten hat: Die Handlung ist im Grunde eine eins zu eins Kopie des Asia-Krachers „The Raid“, der immerhin nur wenige Monate alt ist. Und bereits ohne dessen Kenntnis ist „Dredd“ in höchstem Maße vorhersehbar.

Schade ist vor allem, dass den Machern das letzte Bisschen Konsequenz am Ende doch abgeht. Mit etwas Mut hätte man „Dredd“ völlig entmenschlicht, ihm ein Gewissen komplett abgesprochen und in Dialogen nie mehr als zwei Worte sagen lassen. In Teilen schmult diese Absicht durch, vor allem im genialen Schlusssatz, aber so ganz traut es sich Regisseur Pete Travis nicht. Dass es dem allgemeinen Coolness-Faktor mehr als zuträglich gewesen wäre, beweist z.B. „Terminator 2“.

Fazit
Nach dem Film wurde ich gefragt, warum „Dredd“ mir einerseits so viel Freude bereiten würde, ich in „The Expendables 2“ andererseits mit versteinerter Miene gen Leinwand starrte – „Ist ja eigentlich dieselbe Art Machokino“. Eben nicht. Wo drüben mit unpassendem Humor überspielt werden muss, dass man den Anschluss ans neue Actionzeitalter längst verpasst hat, zeigt „Dredd“ einen Helden, der mit seiner humorlosen, reaktionären Weltsicht noch am ehesten an die Helden der 80er erinnert – dabei aber trotzdem in der Lage ist, ein krachendes Spektakel zu inszenieren.

„Dredd“ trifft im Gegensatz zum Stallone-Original von 95 den richtigen Ton, ist kompromisslos, düster, unglaublich gewalthaltig und zutiefst reaktionär – wie die Comic-Vorlage. Dummerweise erscheint der Film kurz nach dem nahezu inhaltsgleichen Martial Arts-Kracher „The Raid“, Überraschungen erlebt man hier also keine. Aber wer erwartet die schon? Die Action ist vorzüglich inszeniert und dabei vor allem audiovisuell auf höchstem Niveau.

Aber: Obwohl die zweifelhafte Moral seines Antihelden (anders als im Original) nie beschönigt wird, muss man diese Art Film mögen. Wer die verquere Message von Filmen wie „Missing in Action“ oder „Ein Mann sieht rot“ verabscheut, wird „Dredd“ hassen. Wer es lächerlich findet, wenn der Held nach einem glatten Durchschuss lediglich mit dem Tacker an die Wunde muss, um fröhlich weiterzuballern, wird „Dredd“  hassen. Aber so war das in den Achtzigern eben auch – allein für diese nostalgische Leerstunde muss man diesen Film sehen.

Wertung: 7/10

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