Drive – Kinokritik – perfekte Neo noir-Coolness: der erste große Kinohit 2012

Na endlich: “Drive“. Ein Film, der vom deutschen Verleih so lange verschoben wurde, dass die „Meisterwerk“-Schublade praktisch unumgänglich ist. So wie „“, nur mit Hirn. Seit wann eigentlich kriegen Filme, in denen Gehirn an Wände spritzt, den Regiepreis von Cannes?

Wenn man „Drive“ das erste Mal sieht, fühlt man sich wie in einem Eisbad vor dem schönsten urbanen Panorama der Welt. In Los Angeles bringt der Driver (Ryan Gosling) Ganoven zum Tatort und auch wieder weg. Die Kamera schwebt über der nächtlichen Stadt, auf der Tonspur ertönt eisiger Synthie-Pop. “I give you a five-minute window, anything happens in that five minutes and I’m yours no matter what.“ Der Driver trägt Lederhandschuhe. Mit knarzenden Geräuschen umgreifen sie das Lenkrad.

Von der ersten Szene an ist klar, dass Nicolas Winding Refn, der Regisseur von „Drive“, sein Genre in- und auswendig kennt. Das Gerippe des Films ist porentiefes B-Kino, das hier so weit heruntergebrochen wird, bis am Ende eine stilistische Überhöhung steht. Der Driver verliebt sich in die neue Nachbarin (Carey Mulligan), deren Ehemann (Oscar Isaac) ihn zu einem ganz großen Ding überredet. Der Driver sagt zu. Und begeht damit –natürlich- einen riesigen Fehler.

Was Nicolas Winding Refn in „Drive“ macht, ist New Hollywood, ““, ““, ““ und vor allem Johnnie To. Der ebenso wie Refn knietief im Genre steckt und dabei mit absolut zwingener Stilsicherheit inhaltliche Grenzen neu auslotet. Wenn bei „“ Shootouts zu formvollendeten Stillleben mutieren, dann ist das genau der gleiche Ansatz wie die vorzugsweise über Blicke und Schweigen funktionierende Beziehung zwischen dem Driver und seiner Nachbarin.

„Drive“ hat die Eier, nicht alles auszuerzählen und dafür einem geradezu nihilistischen Stilismus zu frönen. Der B-Inhalt wird nicht etwa ironisiert oder aufgeweicht, sondern als einzig wahre Kunst umarmt, was dem Geschehen eine schier atemberaubende Konsequenz verleiht. Die goldene Skorpion-Jacke des Drivers zum Beispiel wäre in jedem anderen Kontext wahrscheinlich lächerlich, doch hier ist sie nichts weniger als ein Statement. Es geht einfach nicht mehr cooler. Wer so etwas so stramm durchzieht, ist sich seiner Sache ganz, ganz sicher.

Was auf Nicolas Winding Refn auf jeden Fall zutrifft. Einen Regisseur, der hier seine Handschrift so zwingend auf den Punkt bringt, dass man automatisch Parallelen zu „“ ziehen möchte. Mit Filmen wie „Drive“ werden Karrieren gestartet, inklusive natürlich vollen Auftragsbüchern für Hauptdarsteller Ryan Gosling, der hier eine ikonische Vorstellung auf Steve McQueen-Niveau hinlegt. Der Driver als eiskalter Engel, als Alain Delon-Double im Synthesizer-getränkten Neonlicht.

Ein Film wie „Drive“ kann süchtig machen. „My hands are a little dirty“ – „So are mine“. Wahnsinn.

Fazit
„Drive“ ist ein berauschender Meilenstein, der auf jeder Jahresbestenliste einen sicheren Platz einnehmen wird. Man hat ja oft das Gefühl, dass ein Film an seinem Publikum vorbeiläuft, doch hier ist es, als würde man einem viel zu lange vermissten Seelenverwandten begegnen. Wer wirkliche Begeisterung für Film besitzt, wird sich hier absolut verstanden fühlen. „Drive“ hat das Zeug, auf Monate hinaus filmischen Schrott zu kompensieren. Weil man ja immer im Hinterkopf hat, dass am Ende der Durststrecke etwas so Großartiges wie dieses Meisterwerk wartet.

Wertung: 10/10



Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Albert Brooks
USA/2011
Start: 26.1.2012

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