Game of Thrones Staffel 6: Nach dem Finale: Meinung und Diskussion - Wie gut war Staffel 6?

Tobias Heidemann
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Game of Thrones Staffel 6 Episode 10 - Trailer
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Vieles hat sich verändert. Startete „Game of Thrones“ 2011 noch mit dem ungewöhnlichen Versprechen, die bekannten Fantasy-Konventionen mit komplexem Storytelling zu untergraben und jenseits der Dungeons & Dragons von einer giftigen Alchemie der Macht zu erzählen, so wurde der auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Hype-Train in Staffel 6 endgültig auf ein anderes Gleis umgeleitet.

Mit dem computeranimierten Gestus eines Fantasy-Spektakels, der deutlichen Abkehr von der Buchvorlage, der systematischen Hinwendung zu den Fans und einem eher konventionellen Heldentum ist „Game of Thrones“ in Staffel 6 langsam aber sicher eine ganz andere Serie geworden. Mehr „Herr der Ringe“, weniger „Sopranos“, wenn man so will.

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Wer dahin geht, wo die Fans sich über ihre Lieblingsserie austauschen, der bekommt die Veränderungen, die das millionenschwere Aushängeschild des Bezahlsenders HBO mit seiner sechsten Staffel durchlaufen hat, ganz unmittelbar zu spüren. Es wird viel gestritten.

Um die allgemeine Fahrtrichtung, um die zahlreichen Änderungen an den Figuren, den Tod und seine Dauer, um Sinn und Unsinn bestimmter Szenen, und natürlich um das große Ganze. Dabei wird eines besonders deutlich: Der Graben zwischen Büchern und TV-Serie ist tiefer denn je.  Wahrscheinlich ist er sogar unüberwindbar geworden. Doch für jeden nerdigen Bücherwurm, den die Serie mit ihrer effekthascherischen Hinwendung zum Fantasy-Mainstream verliert, gewinnt sie aktuell zehn neue Serienjunkies hinzu. Der ungebrochene Erfolg gibt den Machern von „Game of Thrones“ zumindest im Quotendschungel ganz viel Recht.

Der überwiegende Teil des Publikums, das muss man an dieser Stelle ganz klar sagen, heißt diesen Wandel sehr willkommen. Schließlich stellt er auch eine durchaus berechtigte Emanzipation von der bisweilen überkomplexen Vorlage und ihrem Medium dar. In ihrer neuen Gestalt als modernes, actionreiches TV-Event stellt „Game of Thrones“ mit Staffel 6 das Maß aller Serien-Dinge dar. Dem Hype wurde man durchaus gerecht.

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Um dieses Ziel zu erreichen nahmen sich die Showrunner, Autoren und Regisseure in Staffel 6 mehr kreative Freiheiten heraus als jemals zuvor. Wer will es ihnen verdenken. Ermöglich wurde der Wandel von „Game of Thrones“ ja gerade auch durch das Fehlen eines dritten Aktes. Wo soll das Ganze enden? Was ist eigentlich die Moral von dieser Geschichte? Wer sitzt am Ende auf dem Thron und was wird das bedeuten? Wir wissen es einfach nicht. George R. R. Martin schreibt bekanntlich noch.

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Und die Moral von der Geschicht?

Für Staffel 6 hätte dieses Vakuum ein gewaltiges Problem darstellen können. Doch HBO hat eine erstaunlich einfache Antwort auf diese Herausforderung gefunden. Man konzentrierte sich kurzerhand einfach auf das, was man an Vorlage noch übrig hatte und das, was „Game of Thrones“ – oberflächlich betrachtet – so erfolgreich gemacht hat. Machtgier, Rache, Folter, sorgfältig hergestellte Hassobjekte, die Ermordung von sorgfältig hergestellten Hassobjekten, das archaische Recht des Stärkeren und ein bisschen Sex. Das „große Spiel ist furchterregend“ und das bekamen wir in Staffel 6 ziemlich oft und vordergründig aufs Brot geschmiert.

Gleichzeitig gehorchte die Serie nun auch sehr viel häufiger altbekannten Hollywood-Gesetzen und gönnte den vormals so geschundenen Helden kleinere und größere Siege. Das Staffelfinale „Die Winde des Winters“ lässt sich, verglichen mit dem Rest der Serie, gar als fröhliches Happy End auffassen. Am Ende bekommt jeder, was er verdient. So kennt man es aus dem Kino.

Weniger wilde Unstetigkeit – mehr Berechenbarkeit

Eine Herangehensweise, die Staffel 6 in den Augen Vieler deutlich berechenbarer gemacht hat. Als Serie hat „Game of Thrones“ einen erheblichen Teil ihrer herrlich wilden Unstetigkeit verloren. Die komplexen Komplikationen der Buchvorlage verschwinden immer mehr und werden durch einfache Lösungen und große Schlachten ausgetauscht. Auch das für Martin so wichtige Spiel mit zahlreichen Blickwinkeln ist im gewaltigen Getöse der sechsten Staffel leider zusehends untergegangen. „Game of Thrones“, das war in der sechsten Staffel vor allem ein Blickwinkel: Der der Fans.

Die Figuren gehorchten nun weniger ihren Biographien, ihren Wesenszügen oder dem komplizierten Machtgefüge von Westeros, sondern immer häufiger den Forderungen der Fans. Auch das wurde im Staffelfinale „Die Winde des Winters“ mehr als deutlich, da sich hier erneut eine der größten Fan-Theorien sang und klaglos bestätigte. Alles scheint so zukommen, wie es sich die Fans wünschen.

Leider ist  „Game of Thrones“ auch im Bereich Provokation und Tabubruch sehr viel durchsichtiger geworden. Insbesondere der blutrünstig zur Schau gestellte Sadismus, der zunehmend als die einzige  Antwort auf das Unrecht in Westeros gehandelt wird, muss dabei als ärgerlich bezeichnet werden. Wer die grinsend-manipulative Einladung zum Menschenquälen ablehnt, der stand vor allem in den letzten beiden Folgen der Serie oft außen vor.

Das „Game of Thrones“ auf der grausamen Grundlage eines mittelalterlichen Menschbildes operiert, ist dabei überhaupt nicht das Problem. Vielmehr sägt die Serie mit dem stumpfen Kalkül hinter den plakativ inszenierten Grausamkeiten am eigenen Ast. George R. R. Martin hat Westors nämlich ursprünglich als seine Antwort auf das „utopische Disneyland-Mittelalter“ erfunden. Wenn sich die Serie nun aufgrund ihrer sadistischen Momente mehr und mehr wie eine polternde Gruselattraktion vom Jahrmarkt anfühlt, dürfte das genau in die falsche Richtung gehen.

Trotzdem Fernsehgeschichte

Dass man in diesem berechenbar gewordenen Kolosseum trotzdem seinen Spaß haben kann, steht außer Frage. Handwerklich hat die Erfolgsserie noch einmal massiv zugelegt. So spielten etwa die Schauplätze und der Aufbau von Westeros insgesamt in Staffel sechs in einer ganz eigenen Liga. Gleiches gilt für die ungemein packende „Schlacht der Bastarde„, die aus dem Stand alles bis dato im Kino gezeigte Schlachtengetümmel locker einen Kopf kürzer machte. Nie war man so unangenehm nah, nie war die absurde Brutalität des mittelalterlichen Kampfes so spürbar, nie wurde die bekannte Dramaturgie einer vermeintlich verlorenen Schlacht so elegant serviert.

Mit spektakulären Momenten wie diesen und der nach wie vor gefälligen Formel aus Rache, Blutwurst und Brüsten hat „Game of Thrones“ auch in Staffel 6 wieder einmal Fernsehgeschichte geschrieben. Will man ein unsägliches Serienende bestehend aus Wiederholungen und Fanservice vermeiden, gilt es den Verlockungen aus Hollywood sowie der eigenen Fanbasis zu wiederstehen und sich stattdessen noch einmal dem unkonventionellen  Geist der Vorlage zu verpflichten: Ein letztes Spiel der Throne mit Cersei, Jaime, Tyrion, Daenerys, Jon und Sansa als alleinigen Hauptdarstellern.

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