Insidious: Filmkritik - Neuer Haunted House-Horror vom Saw-Erfinder

Martin Beck
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Mit Erwartungshaltungen spielen, ein Stigma, das spätestens seit "The Sixth Sense" jeden halbwegs profitorientierten Horrorfilm belegt. Seit Bruce Willis am Ende von Shyamalans Geisterstory eine Entdeckung machte, die heute noch zahlreichen Zuschauern im Gedächtnis hängt, gilt folgende Regel: Egal, was du deinem Publikum im ersten Filmdrittel erzählst – stell’ es völlig auf den Kopf und schocke sie am Ende. Ein Spiel, das nur die wenigsten beherrschen. "Insidious" gehört nicht dazu.

Insidious: Filmkritik - Neuer Haunted House-Horror vom Saw-Erfinder

James Wan kennt man mittlerweile als Schöpfer zumindest eines Über-Phänomens. Bevor die lukrative Reihe von allerlei Regie-Weichbirnen vergewaltigt und intellektuell ausgedünnt wurde, hob der Regisseur mit dem ersten “Saw” ein gleichsam derbes, wie boshaftes, dabei aber clever vertracktes Metzelpuzzle aus dem Nichts. Ein ähnlicher Coup ist ihm seither nicht mehr gelungen, weder “Death Sentence” noch “Death Silence” wollten an derartige Erfolge anschließen.


“Insidious” ist insofern schon einmal überraschend, dass Wan gar nicht erst versucht, hier etwas sonderlich Originelles zu erschaffen. Die Geschichte der Familie Lambert , die in ihrem neuen Heim zunächst langsam auf seltsame Erscheinungen stößt und später den blanken Horror erlebt, bekommt man hier zum gefühlt x-drölfsten Mal aufgetischt. Das ist klassischer “Haunted House”-Horror in seiner pursten Form, ohne Schnickschnack, ohne großartige Ideen. Zu Gute halten muss man “Insidious” dabei zumindest, dass die erste Hälfte des Films überaus effektiv inszeniert ist.

Die Nummer mit den knarrenden Dielen, knallenden Türen und seltsamen Stimmen aus dem Babyphone hat zwar mittlerweile einen riesigen Bart, aber James Wan pusht die gängigen Stilmittel mit Hilfe des kreischenden Soundtracks und kluger Kameraführung an ihre Limits. So vorhersehbar der “vorbeihuschende Schatten im Hintergrund” auch sein mag – wenn man es richtig macht, lies: so wie “Insidious”, dann reißt das auch die härtesten Horrorfans aus den Kinositzen.


Wan lässt hier nichts unversucht, packt sowohl die üblichen “false scares” aus, als auch einige richtig fiese Gruselattacken. Am stärksten ist “Insidious” immer dann, wenn die Schockeffekte völlig unerwartet kommen. Leider wird der beste dieser Momente schon im Trailer verraten. Wen die Szene (Stichwort: Küchentisch) aber unvorbereitet erwischt, dem wünschen wir schon einmal viel Spaß beim Einschlafen am Abend…

Bis dahin spielt “Insidious” durchaus im oberen Mittelfeld dieser Gruselstückchen, ohne sich großartig zu bewähren, nur um dann auf Biegen und Brechen einen Twist anbieten zu wollen, der das eigentlich sehr ordentliche Schauderstück an den Rand der Lächerlichkeit befördert. Plötzlich wird aus einem eiskalten Schocker ein paranormales Kuriositätenkabinett, das eher an “Poltergeist” erinnert denn an “Paranormal Activity” von Regisseur Oren Peli (der hier übrigens als Produzent fungiert).


Man kann an dieser Stelle kaum ins Detail gehen, ohne mit massiven Spoilern um sich zu werfen. Allerdings fällt es damit auch schwer zu erklären, warum sich “Insidious” letzten Endes von einem durchaus empfehlenswerten Horrortrip in Richtung Mittelmaßkino bewegt. Hätte Wan die Kursrichtung der ersten Hälfte einfach durchgezogen, man hätte hier zumindest von einem guten Genrevertreter sprechen können. So aber muss man sich fragen: Warum unbedingt eine überraschende Wendung ans Ende pressen, wenn man eigentlich gar keine hat?

Fazit
Wenn’s auf dem Dachboden knarzt, im Kinderzimmer kratzt, wenn diabolisches Geflüster aus dem Keller dringt und Schatten am Fenster vorbeihuschen, dann wissen versierte Kenner: Hier steht ein “Haunted House”-Grusler der geradlinigen Sorte vor der Tür und will hereingebeten werden. Im Fall von “Insidious” macht man das gern, denn die erste Hälfte des Films -so ideenbefreit sie auch sein mag- ist zumindest klasse inszeniert. Regisseur James Wan dreht stilistisch sämtliche Hebel, baut dank Soundtrack, Kameraführung und Ausleuchtung eine ungemein dichte Atmosphäre auf. Nur, um die dann auf den letzten Metern zugunsten einer völlig verquatschten Auflösung aufzugeben. Schocken will da nur noch die unfreiwillige Komik.

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