Review - Mass Effect

Leserbeitrag
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Rollenspiele waren für mich bisher immer ein Tabu. In mittelalterlichen Welten Stunden/Tage/Wochen lang von einer Quest zur nächsten rennen, komische Phantasiemonster vermöbeln und kompliziertes Charakterskillen hörte sich für mich in der Theorie schon langweilig an, das musste ich nicht noch ausprobieren. Wenn man so ein Rollenspielverweigerer ist, erwartet man auch von Mass Effect zuerst nichts besseres. Außer dass man da halt durchs Weltall gondelt und komische Fantasiealiens vermöbelt. Wenn man sich nach langem Quängeln der Freundin, die einem immer wieder erzählt, wie gut dieses Spiel doch ist, voller Skepsis und böser Vorahnungen doch vor den Bildschirm setzt, sind alle Vorurteile spätestens nach der ersten Mission wie weggefegt.

Bevor man überhaupt dahin kommt, kann man – wenn man denn will – erstmal stundenlang im Charaktereditor verbringen. Hier kann man neben allen möglichen Gesichtsmerkmalen auch das Geschlecht (was natürlich für die weiblichen Spieler sehr vorteilhaft ist) und Klasse wählen. Außerdem kann man zwischen je drei persönlichen Vorgeschichten und Perönlichkeitsprofilen wählen. Das ist zwar ein nettes Feature was in dem ein oder anderen Gespräch vielleicht mal aufgegriffen wird, sonst aber leider keinen Einfluss auf die Story oder Dialoge hat.

Danach ist man bereit das Universum zu retten. Ach nee, erstmal muss natürlich die Vorgeschichte erzählt werden: Wir schreiben das Jahr 2183. Vor 35 Jahren entdeckten die Menschen ein außerirdisches Artefakt auf dem Mars, das ihnen hilft den namensgebenden Masseneffekt zu erforschen, dieser erlaubt es ihnen mit Überlichtgeschwindigkeit durchs All zu reisen und neue Planeten zu erkunden und zu besiedeln. Doch – wer hätte es gedacht – es gibt noch anderes intelligentes Leben im All. Anders als in den meisten Hollywoodfilmen verbündet sich die Allianz (also das Bündnis der Menschen) mit den verschiedenen Alienrassen.

So, jetzt ist aber Universum retten angesagt. In eurer ersten Mission landet ihr als Allianz-Soldat auf dem Planet Eden Prime, um ein Artefakt zu bergen, das von genau so großer Bedeutung wie das auf dem Mars sein könnte. Eure Pläne werden aber von Saren, einem abtrünnigen Spectre – einem Gesandten des interstellaren Rates – und seinem Robotergefolge durchkreuzt und das wertvolle Artefakt zerstört.

Zurück auf Citadel, einer riesigen Raumstation, die als gemeinsamer Regierungssitz der einzelnen Rassen dient, merkt ihr schnell, dass die Menschen von den Außerirdischen noch nicht ganz anerkannt wurden. So hat die Allianz zwar einen Botschafter, ist aber kein Mitglied des Rates, dem höchsten politischen Gremium der Galaxie. Außerdem scheinen vor allem die Turianer, die Rasse der auch der Verräter Saren angehört, den Menschen nicht ganz zu trauen. Dem könnt ihr jedoch sogleich etwas entgegenwirken, in dem ihr Sarens Machenschaften aufdeckt. Daraufhin wird er seines Amtes als Spectre enthoben und dafür werdet ihr der erste Mensch der dieses hohe Amt ausüben darf. Eure Auftrag von nun an ist es, die Gründe für Sarens Verrat zu erforschen und ihn von seinen Plänen abzuhalten.

Dabei könnt ihr in insgesamt 17 Gebiete reisen. In jedem Gebiet findet ihr mehrere Sonnensysteme, die wiederum mehrere Planeten beinhalten. In jedem System könnt ihr aber meist nur auf einem Planeten landen. Über die anderen könnt ihr lediglich Informationen einhohlen. Die Vegetation und Architektur in den einzelnen Leveln ist zwar sehr unterschiedlich, dafür verläuft das Territorium sehr linear. Wer gerne einen anderen Weg nehmen würde, kann hier lange suchen.

Am PC steuert sich Mass Effect fast wie ein normaler Third-Person-Shooter. Den einzigen Unterschied macht das Deckungssystem und das Taktikinterface. Letzteres könnt ihr im Gefecht jederzeit mit Hilfe der Space-Taste aktivieren. Das Spiel wird sofort pausiert und ihr könnt in aller Ruhe eure Waffe wechseln, euren Teammitgliedern Befehle geben oder eine der zahlreichen Spezialfähigkeiten einsetzen. Das ist zumindest beim niedrigen Schwierigkeitsgrad aber eher selten notwendig. Wenn ihr also nicht so die Taktikfreunde seid, könnt ihr eure Feinde auch ohne Unterbrechung in bester Shootermanier mit Plasmaladungen vollpumpen.

An Waffen wird es euch auf jeden Fall nicht mangeln. An jeder zweiten Ecke stehen Kisten und Spinde mit Waffen und den zugehörigen Upgrades. Wer da sein Geld beim Waffenhändler lässt ist selber schuld. Das Inventar wird schnell überfüllt und unübersichtlich. Dagegen kann man zwei Dinge tun: 1. Die überflüssige Ausrüstung beim Waffenhändler gegen Geld eintauschen. 2. Die überflüssige Ausrüstung in Universalgel umwandeln. Das einzige, was ihr euch von Geld kaufen könnt sind? Waffen. Das einzige, was man mit Universalgel machen kann ist, die Minispielartige Decodierung von Waffenspinden zu umgehen. Und was ist in den Waffenspinden drin? Richtig: Waffen!Immerhin mangelt es euch nicht an Ausrüstungsgegenständen für eure Crew. Jeder Charakter den ihr auf eure Missionen mitnehmen könnt, lässt sich nämlich individuell ausrüsten. Alle Waffen könnt ihr auch mit den verschiedenen Upgrades verbessern. Wenn euch das wieder zu Rollenspielmäßig wird, könnt ihrs auch sein lassen und einfach immer nur die größten Wummen benutzen. Die Gegner werden trotzdem nicht unbesiegbar.

Eure Mannschaft besteht zu Anfang nur aus zwei Menschen. Auf euren Missionen könnt ihr durch etwas Rhetorik noch weitere Crewmitglieder verschiedener Rassen rekrutieren. Vor jeder Mission könnt ihr dann zwei glückliche für euren Landungstrupp auswählen, die euch dann im Gefecht zur Seite stehen. Aber Vorsicht, eure Kameraden können auch sterben. Werden sie beim Schusswechsel schwer verwundet, sind sie erstmal K.O., erst wenn sich die Lage entspannt stehen sie wieder auf. Manchmal kann es aber passieren, dass ihr in einer Zwischensequenz eine Entscheidung trefft, die das Ableben eines eurer Gefährten zur Folge hat. Dieser ist dann tatsächlich tot und wird für den Rest des Spiels nicht mehr wiederkommen.

Die Entscheidungen und Dialoge sind zwei Stärken von Mass Effect. Ihr habt immer mindestens drei Antwortmöglichkeiten: eine gute/höfliche, eine neutrale und eine böse/unhöfliche. Manchmal habt ihr auch die Option, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Je nach dem was oder besser wie ihr etwas sagt, reagiert euer Gegenüber anders. Teilweise kommt das Gespräch trotzdem zum gleichen Ende, egal für welche Variante ihr euch entscheidet.Teilweise werden Dialoge durch die richtigen (oder falschen) Antworten beeinflusst. Oft müsst ihr euch aber auch mit Hilfe des Dialoginterfaces entscheiden. Bekommt der Bösewicht, den ihr grade befragt habt, nur den erhobenen Zeigefinger und wird dann laufen gelassen oder lässt Shepard einen fiesen Spruch los und drückt dann ab? All das beeinflusst euren Charakter. Handelt ihr vorschriftsgemäß, bekommt ihr ?Vorbildlich-Punkte?, nehmt ihr kein Blatt vor den Mund und handelt nach den eigenen Regeln gibt?s ?Abtrünnig-Punkte?. Das verändert die Art, wie andere euch im Spiel wahrnehmen, mit euch reden und wie ihr sie beeinflussen könnt.

Natürlich könnt ihr auch die anderen Fähigkeiten der Spielfiguren ändern. Mit jedem Level Up gibt?s zwei Fähigkeitspunkte mit denen ihr Shepard und die Crew z.B. in den verschiedenen Waffengattungen, Rhetorik oder  Fitness skillen könnt. Damit könnt ihr auch eure Spezialfähigkeiten für den Kampf verbessern. Für Rollenspielmuffel gibt?s einen Button mit dem man die Punkte automatisch verteilen kann.

Mass Effect basiert auf der Unreal-3-Engine, wie sie auch unter anderem auch bei Mirror?s Edge oder Splinter Cell Convinction verwendet wird. Alles in Allem ist die Grafik sehr ansehnlich, wenn man mal bedenkt, dass das Spiel für PC schon 2008 erschienen ist. Hier und da gibt es vielleicht ein paar matschige Texturen, vor allem bei den Schatten und einigen Kleidungsstücken. Manchmal wechseln Personen sprungartig ihre Kopfhaltung, als hätte jemand ein paar Frames aus einem Film entfernt. Dafür sind die restlichen Gesichtsanimationen sehr gut gelungen. Ein weiteres schönes Grafik-Feature, das bei aktuellen Spielen eigentlich Standard ist, ist das HUD, dass (bis auf das Radar) alle Anzeigen ausblendet, die grade nicht gebraucht werden.

Mit der deutschen Synchro kann man leben, auch wenn es einige Negativausnahmen gibt. Der Soundtrack ist sehr stimmungsvoll und wertet die schöne Atmosphäre noch einmal auf. Leider gibt es zwar mehr als genug Waffen in dem Spiel, allerdings klingen alle Ausführungen einer Waffengattung gleich.

 

Fazit:

Mass Effect ist zwar ein Rollenspiel, aber auch Leute, die mit diesem Genre bisher nichts am Hut hatten werden ihre Freude daran haben. Eingefleischte RPGler werden vielleicht die lineare Levelführung und das schlechte Item-System ärgern. Die verschiedenen Planeten sind abwechslungsreich und liebevoll gestaltet. Zwar ist der Plot eher durchschnittlich, dafür ist das Mass Effect-Universum und dessen Charaktere sehr glaubwürdig. Die verschiedenen Dialog- und Entscheidungsmöglichkeiten werten die Atmosphäre zusätzlich auf und stellen den Spieler öfters vor moralisch schwierige Entscheidungen. Die Grafik ist gut aber der Sound hätte noch etwas besser sein können. Wenn man alles Systeme besucht und viele Nebenmissionen macht, kann man es locker auf über 25 Spielstunden bringen. Folgt man hingegen nur der Haupthandlung kann man das Spiel auch schon in 12 Stunden durch haben, nur leider darf man danach nicht mehr zurück, um verpasste Missionen nachzuholen. Dafür kann man noch mal von vorne anfangen um dann vielleicht auch das alternative Ende zu sehen. Mass Effect ist inzwischen für PC und XBOX360 als Budget-Version erhältlich. Es ist also auch für den kleinen Geldbeutel ein absoluter Pflichtkauf.

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