Shame – Kinokritik – Ficken essen Seele auf

von

Man(n) mag es kaum glauben, aber sexsüchtig sein, das ist wirklich kein Spaß. Michael Fassbender zeigt in dem Psychodrama in einer beeindruckenden Performance, wie man sich kaputt vögeln kann.

„Das ist kein Sex. Das ist Sportficken“ Der Spruch, den ein genervter Tyler Durden nach der Marathon-Besteigung von Marla Singer in „“ loslässt, kommt einem im Drama „Shame“ relativ früh in den Sinn. Denn was der New Yorker Businessyuppie Brandon so treibt, hat mit körperlicher Liebe ungefähr so viel zu tun, wie das freudlose Gerammel zwischen Tyler und Marla. Der Mann ist süchtig nach Sex und Sportficken ist sein Heroin. Wenn er sich nicht gerade morgens unter der Dusche oder heimlich auf der Bürotoilette einen runterholt, jagt Brandon von einem Prostituiertenbesuch zum nächsten One-Night-Stand, nur um sich im Anschluss in seiner einsamen Single-Wohnung bei einer ausgiebigen Porno-Session einen von der Palme zu wedeln.


Brandon ist psychisch in einer Sackgasse, das Verlangen nach schnellem Sex verschlingt sein komplettes Privatleben, zu echten emotionalen Bindungen ist er nicht in der Lage. Als auch noch seine kleine Schwester Sissy vor der Türe steht, um in seiner Wohnung Asyl zu suchen und Brandon gleichzeitig versucht mit einer Arbeitskollegin anzubandeln, gelingt es ihm nicht mehr, sein zwanghaftes Verhalten zu verbergen. Die Tatsache, dass auch, die von Nachwuchsactrice Carrey Mulligan gespielte Sissy, nicht gerade die stabilste Persönlichkeit ist, macht die Situation nicht einfacher.

„Shame“ ist kein Film zum Wohlfühlen. Es sei denn, man gehört zu der Sorte Mensch, die Spass am Unglück anderer hat. Regisseur Steve McQueen lässt auch keinen Lichtblick zu: Grau, kalt und distanziert ist die Welt, Menschen reden aneinander vorbei, haben sich nichts zu sagen oder wissen nicht, wie sie es sagen sollen. Brandon's Appartement erinnert an das des Serienkillers Patrick Bateman in „“ und wie dieser verbringt auch der sexsüchtige Brandon viel Zeit damit, hüllen- und ruhelos zwischen seinen weißen Wänden herumzutigern.

Womit man auch schon bei der größten Leistung dieser Tour de Force wäre: Nachwuchsstar Michael Fassbender macht sich in „Shame“ völlig frei, sowohl psychisch als auch körperlich. Deswegen an dieser Stelle der Hinweis an die Damenwelt (Männer dürfen sich aber gerne auch angesprochen fühlen): Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie der smarte Michel so bestückt ist, dann nix wie ab ins Kino! Mister Fassbender liefert in „Shame“ eine fast schon exhibitionistische Performance ab und hat auch mit (mehrfachem) Full Frontal keine Probleme.

Seine Leistung in diesem Film darauf zu reduzieren, wäre allerdings arg ungerecht. Sexy ist das ohnehin alles nicht und soll es auch nicht sein. Als Sexsüchtiger macht Fassbender die getriebene Verzweiflung seiner Figur greif- und nachvollziehbar. Wenn Brandon mit leerem Blick den U-Bahnwagon nach Weibsmaterial scannt, sieht man, dass sich hinter der müden Hatz eine innere Leere verbirgt, die verzweifelt gefüllt werden möchte. Und auch wenn er etliche attraktive Frauen im Laufe des Films ins Bett (oder auf die Parkbank) zerren kann, man beneidet Brandon nicht um seine Eroberungen. Man wünscht ihm ein gutes Gespräch statt einen geilen Fick.


Natürlich ist es der Regie zu verdanken, dass Michael Fassbender hier den Raum bekommt, die sein intimes Charakterspiel zur vollen Entfaltung bringt. Regisseur Steve McQueen (übrigens nicht im Geringsten verwandt mit der Leinwandlegende gleichen Namens) lässt „Shame“ subtil, nüchtern, beinahe elegisch dahingleiten, wie schon in seinem Vorgängerfilm „Hunger“ gibt es Szenen, die minutenlang ohne Schnitt oder Kamerabewegung auskommen und in denen die Schauspieler zeigen können, was in ihnen steckt. Sowas trauen sich heutzutage nicht mehr viele Filmemacher. Für die reduzierte Nüchternheit, die perfekter Kontrast zum wilden Innenleben der Figuren ist, verdient Shame auf visueller Ebene viel Lob.

Auch die erzählerische Konsequenz, mit der “Shame” seine leidgeprüften Figuren in diesem psychischen Labyrinth von einer Fallgrube in die nächste schickt, nötigt Respekt. Hollywood-gerechte Problemlösung und Sprüche im Stil von „Du kannst es schaffen, wenn du nur an dich glaubst!“ sind hier fehl am Platz. Dafür nimmt „Shame“ die Not seiner Figuren viel zu ernst. Das mag Zuschauer, die sich etwas konventionellere Handlungsabläufe wünschen, enttäuschen. Wer aber mit dem Thema Sucht schon zu tun hatte, wird diesen Film als verstörend nah an der Realität empfinden.

Fazit
Wer darüber nachdenkt, „Shame“ im Kino anzusehen, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Denn das Psychodrama ist vor allem etwas für Leute, die gut damit leben können, wenn in einem Film handlungsmäßig wenig bis gar nichts passiert. Leidensfähigkeit ist auch gefragt, denn letztlich schaut man in „Shame“ 100 Minuten lang unglücklichen Menschen zu, wie sie sich noch unglücklicher machen.

Wen das nicht abschreckt, der bekommt mit „Shame“ eine toll in Szene gesetzte psychologische Momentaufnahme geboten, die vor allem mit exzellenten schauspielerischen Leistungen punkten kann. Michael Fassbender zeigt in der Hauptrolle, warum er mittlerweile zu den gefragtesten Darstellern der internationalen Filmszene gehört und auch die eigentlich immer gute Carrey Mulligan beweist nach ihrer Rolle in „Drive“ wieder, dass sie ein sicheres Händchen für spannende Stoffe hat.

Und wer nur reingeht, weil er Michael Fassbenders bestes Stück sehen will: Schäm Dich! Wenigstens ein bisschen…


Wertung: 7/10
Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Carrey Mulligan
USA 2011
Start: 1.3.2012


Kommentare zu diesem Artikel

Anzeige
GIGA Marktplatz