Source Code Filmkritik - Herzhafte Hochspannung

Tobias Heidemann
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Duncan Jones ist das New Kid on the Block. Für sein wundervolles Indie-Debut "Moon" wurde der britische Regisseur vom Feuilleton vollkommen zu Recht abgefeiert und galt danach als großer Hoffnungsträger des Science-Fiction-Kinos. Mit "Source Code" hat Jones nun seinen ersten großen Studiofilm mit einem Topstar in der Hauptrolle gedreht. Kann das Talent auch Hollywood?

Source Code Filmkritik - Herzhafte Hochspannung

Es sind genau acht Minuten: Captain Colter Stevens, Helikopterpilot der US-Army, wacht mit Kopfschmerzen und einem trockenen Mund in einem Nahverkehrszug auf. Der Zug steuert Chicago an. Stevens hat keine Ahnung, wie er in den Zug gekommen ist und zu allem Überfluss hört die junge, attraktive Frau im Sitz gegenüber nicht auf, ihn fortwährend “Sean” zu nennen. Er wird nervös, dann ängstlich; ihm wird schlecht und er braucht frische Luft.


Zusammen mit Stevens wankt der Zuschauer durch die Pendlerbahn. Man kommt nicht umhin, Details wie das Verschütten einer Cola, den Namen auf einer Sporttasche oder die geflüsterte Beleidigung eines Fahrgastes wahrzunehmen. Der Blick in den Spiegel der Toilette führt Stevens an den Rand des Wahnsinns – es ist nicht sein Gesicht, das er da sieht. Die junge Frau nennt ihn wieder Sean und versichert ihm, dass alles ok sein wird. In dieser Sekunde explodiert der Zug und reißt alle Insassen in den Tod. Verstört wacht der Air Force Pilot an einem kalten, dunklen Ort auf.

Captain Colter Stevens, bravurös gespielt von Jake Gyllenhaal, hat diese acht Minuten Zeit, um die Welt zu retten. Genauer gesagt sind es die ahnungslosen Passagiere und die halbe Innenstadt von Chicago, die der arme Colter zu retten hat. Keine leichte Aufgabe für jemanden, der sich so gar nicht zum Helden eignen will. Gyllenhaal spielt seine Figur mit diebischer Freude als einen total überforderten Normalo, der am liebsten vor der ihm gestellten Aufgabe kapitulieren möchte. Er darf aber nicht; schließlich ist er der einzige Mensch, der die furchtbare Katastrophe verhindern kann. Jake Gyllenhaal gibt der Verzweiflung des Colter Stevens etwas ungemein Komisches. Immer wieder dürfen sich die Zuschauer über seine Unfähigkeiten amüsieren. Dabei sind es vor allem die falschen Entscheidungen, die er trifft, sein generelles Unvermögen, der Situation Herr zu werden, die uns Colter so sehr ans Herz legen.


Überhaupt ist “Source Code” trotz seiner formalen Disziplin ein überraschend emotionaler Film geworden. Sein Grundgerüst ist eiskalt berechnete und hoch spannende Thrillerware mit gekonnt geklautem Hitchcock Bias. Der Suspense, das große Rätselraten, die Suche nach dem Attentäter – alles wichtige Versatzstücke, die “Source Code” über die gesamte Länge zu einem aufregenden Genre-Ereignis machen.


Das Herz des Films schlägt aber in einem melodramatischen Takt. Der Grund dafür ist auf dem Regiestuhl zu finden. Dort saß Duncan Jones, der sich schon in seinem hinreißenden Debut “Moon” sehr gut darauf verstand, mit einer sachlich-nüchternen Erzählweise ganz große Gefühle entstehen zu lassen. Wie “Moon” zuvor hat auch “Source Code” wieder einen sehr gefühlvollen Sog, der ohne die Sympathien zur Hauptfigur nicht funktionieren würde. Diese aufzubauen scheint die große Stärke des Jungregisseurs zu sein.

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