Star Wars 7: Das Erwachen der Macht Filmkritik: Unsere komplett spoilerfreie Kritik zum Kinoereignis des Jahres

Tobias Heidemann
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Star Wars 7 - International Trailer 2
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Mythos, Meilenstein, Rekordhalter, König des Merchandising, bla, bla, bla. Im Orbit um die “Star Wars“-Filme schweben fast nur noch Superlative und Worthülsen. Das gewaltige Erbe aus grenzenloser Fanleidenschaft, kommerziellem Erfolg und fiktiver Verzweigung hat “Star Wars“ in den letzten 38 Jahren zu einem gesellschaftlichen Kulturphänomen gemacht, das den Zugang zum Kern der Sache unglaublich schwer macht. “Star Wars“ ist so groß, so wichtig, so selbstverständlich geworden, dass wir alle ganz gerne mal vergessen, dass im Zentrum dieser weit, weit entfernten Galaxie lediglich ein paar Filme aus Fleisch und Blut stehen.  

Der Letzte der uns daran erinnert hat war George Lucas selbst. Seine zweite Trilogie verstörte Millionen Fans mit ihren nicht vorhandenen Qualitäten so nachhaltig, dass die Welt für kurze Zeit aus der übernatürlichen Trance des Franchise zu erwachen schien.

Wie ihr Held auf Bespin blickten die Fans der ersten Stunde plötzlich amputiert und zusammengeschlagen in den gähnenden Abgrund, den der alt gewordene Meister für sie geöffnet hatte. Dabei machte Lucas eigentlich nur konsequent da weiter, wo sein “Star Wars“ in der Zwischenzeit angekommen war. In den Kinderzimmern, im Supermarkt und an der Börse.

Viele kehrten “Star Wars“ damals den Rücken. Und jetzt, zehn Jahre später, nachdem uns Disney und J.J. Abrams sehr höflich auf die Schulter geklopft haben, um sich mit aller Macht für diesen historischen Faupax zu entschuldigen, haben wir erneut vergessen. Wollen wir wieder vergessen, muss es wohl besser heißen. Pünktlich zum Start von “Star Wars: Das Erwachen der Macht“ ist die Marke dank digitaler Hypekultur und eleganter PR-Arbeit wieder da angekommen, wo sie Fans und Aktieninhaber haben wollen. An der Spitze der Blockbuster. Kein Film, sondern ein Ereignis.

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Star Wars 7 – Das Erwachen der Macht Filmkritik: Herz und Handwerk

Wer dieses Ereignis hinter sich hat, der wird mit “Star Wars 7″ einen Film erlebt haben, der für die meisten Menschen auf diesem Planeten gut funktionieren sollte. Für mich bisweilen sogar sehr gut. Wie schon “Eine Neue Hoffnung” vor 38 Jahren, verlässt sich nämlich auch J.J. Abrams Fortsetzung voll und ganz auf seine Charaktere. Mit Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac ist Abrams dabei ein Besetzungscoup gelungen, der als großer Glücksfall bezeichnet werden muss, denn – ebenfalls ganz ähnlich wie “Episode IV” – auch dieser Film ist alles anderes als fehlerfrei.

Wer sucht, wird etliche Probleme und kleinere Macken in diesem im Grunde sehr konventionell inszenierten Reboot finden. Doch weil die Charaktere so klasse funktionieren, weil die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt, weil Rey, Finn und Poe das stabile Rückenmark eines gelegentlich humpelnden Films bilden, kann auch das Gesamtbild am Ende voll und ganz überzeugen. Kurz: Der Cast trägt den Film. So soll es sein.

Abrams Mittel zum “Star Wars”-Zweck sind dabei vor allem die emotionalen Großaufnahmen. Der essentielle Teil des Films spielt sich in den ausdrucksstarken Gesichtern der drei Hauptdarsteller ab. Sehnsucht, Abenteuerlust, Mut, Verzweiflung und (Spoiler) Angst – Abrams erzählt sein “Star Wars” angenehm gefühlvoll ohne dabei je peinlich oder pathetisch zu werden. Ständig fängt die für unsere Zeiten sehr besonnen eingesetzte Kamera die heftigen Gefühlsausbrüche der Figuren ein, um uns emotional mitzunehmen.

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Star Wars 7 - TV-Spot 12 Englisch

Der Rhythmus stimmt

Eine Einladung, die man schon in den ersten Minuten des Films ohne zu zögern annimmt. Man möge mir die Verwendung dieser inflationär eingesetzten Floskel verzeihen, doch “Star Wars 7″ ist tatsächlich packend. Der emotionale Rhythmus des Films ist stimmig und wie bei einem guten Song, geht man willig auf den Takt ein.

Vor allem Daisy Ridley leistet als Rey in dieser Hinsicht ganze Arbeit. Ihre Darstellung hat das Zeug zur Fan-Ikonisierung, und das ist es ja schließlich, was wir uns von einem gelungenen “Star Wars”-Film erhoffen – Charaktere, die ein kleines bisschen über den Film hinausweisen und etwas Universelles darstellen. Mit Daisy Ridley ist Abrams dieses Kunststück gelungen. Zwar kann man “Star Wars 7″ vorwerfen, dass sich der Film mit seiner archetypischen Heldin etwas zu fest an die DNA der Original-Trilogie klammert, doch wie gesagt, die Rechnung geht auch so hervorragend auf.

Neben der gefühlvollen Inszenierung und dem tollen Cast zieht “Star Wars 7″ seine Kraft zudem aus seinen konservativ gewählten Produktionsmitteln. Sowohl die Kreaturen als auch die Sets sprechen den gesamten Film über eine herrlich rückwärts gewandte Sprache. Das dürfte nicht nur der früher-war-alles-besser-Fraktion gefallen, sondern auch die CGI-Befürworter überzeugend daran erinnern, dass der Rechner Anno 2015 nicht in jeder Szene gebraucht wird.

Egal, ob sich ein monströses Reittier mit einem durstigen Finn um einen Wassertrog streitet oder der heimliche Star des Films, der Droide BB-8, seine Spuren durch den Sand zieht – “Das Erwachen der Macht” wirkt spürbar echter und leibhaftiger als der aktuelle Hollywood-Standard.

Das tut der von “Star Wars 7″ errichteten Welt ungemein gut und macht Lucas’ verbrecherischen Missbrauch von computergenerierten Effekten im Nachhinein sogar noch ein kleines bisschen schlimmer. Das handgemachte Flair des Films ist dabei so erholsam, dass die beiden computeranimierten Sprechrollen fast schon ein bisschen stören. Vielleicht wäre hier mehr Konsequenz angebracht gewesen.

Alte Eisen

Etwas inkonsequent ist auch Abrams’ Umgang mit den Helden von damals geraten. Auf der eine Seite spielen sie – insbesondere Harrison Ford – für die Handlung eine wesentliche Rolle, auf der anderen wirkt ihr Erscheinen gelegentlich etwas unausgegoren.

Im Spagat zwischen den erwartungsgemäßen Zitaten aus der Original-Trilogie und den Anforderungen der neuen Geschichte geraten einige dieser Szenen etwas holprig. Zwar können die durchweg gelungenen Gags des überraschend komischen Films hier oft Schlimmeres vermeiden, doch irgendwie umgibt Han und Leia die Aura einer vertanen Chance. Vor allem der Mittelteil des Films hat unter diesem Problem und den etwas zu locker gelassenen Handlungssträngen zu leiden. Hier kommt der Film – wenn auch nur für kurze Zeit – etwas aus dem Tritt.

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Star Wars 7 - TV-Spot 13 Englisch

Doch spätestens zum gelungenen Finale hat man diese unsauberen Momente wieder vergessen und wirft sich gemeinsam mit den Helden in Richtung Kylo Ren. Über den neuen Bösewicht und dessen (aktuell noch etwas enttäuschenden) Meister soll an dieser Stelle kein Wort zu viel verloren werden.

Nur, dass auch Adam Driver eine gute Wahl für die Rolle war. Würde man mit “Star Wars 7″ hart ins Gericht gehen, müsste man dem Nachfolger von Darth Vader wohl eine gewisse Eindimensionalität attestierten. Wohlwollendere Gemüter laben sich gemeinsam mit mir am Unausgesprochenem und den schönen schauspielerischen Andeutungen von Adam Driver, um dem Charakter mehr Tiefe und Psychologie zu verleihen.

Fazit

Wer hätte das gedacht, “Star Wars 7″ ist trotz seines überlebensgroßen Erbes auch nur ein Abenteuerfilm. Dafür aber ein ziemlich guter. Hin und wieder sogar ein richtig packender. Und mindestens einmal ist er sogar ein ergreifender Film geworden. Hier wurde deutlich mehr richtig als falsch gemacht.  J.J.Abrams hat sich mit erstaunlich viel Verve dem Geiste der Original-Trilogie verpflichtet und das dort etablierte Universum behutsam und clever weiterentwickelt.

Risiken ist er dabei aber nicht eingegangen. Das Neue steckt lediglich im Detail. Wir erleben den Auftakt der Saga im Grunde nur ein zweites Mal. “Das Erwachen der Macht” gleicht auf geradezu frappierende Weise Lucas’ Erstling aus dem Jahr 1977. Stören muss man sich an der formelhaften Beschwörung alter Plot-Elemente aber nicht unbedingt. Und das liegt vor allem an Daisy Ridley, John Boyega und Oscar Isaac. Der neue, ungemein sympathische Cast bringt uns die alte, bekannte Familiengeschichte mit so viel Charisma und Gefühl auf die handgemachte Bühne, dass man gar nicht anders kann als Beifall zu klatschen.

 

 

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