30 Jahre MTV - Internet Killed the Video Star

Peer Göbel
22

Am 1. August 1981 ging ein nie dagewesener Fernsehkanal auf Sendung – und sollte die gesamte globale Musikkultur umkrempeln: MTV. Die Ansage Video Killed the Radio Star ist 30 Jahre später schon wieder Geschichte. Musikfernsehen ist tot.

30 Jahre MTV - Internet Killed the Video Star

Was als US-Kleinsender begann, den gerade mal 800.000 Menschen empfangen konnten, trat bald seinen weltweiten Siegeszug an und entwickelte sich zu einem Netzwerk aus lokalen Sendern und marktmächtigen Awards. Der Einfluss von MTV auf das Musikbusiness und die globale Popkultur in den 80ern und 90ern kann kaum überschätzt werden. Eine ganze Generation von Kids klebte nachmittags am Fernseher, um die neuesten Videoclips, Musiknachrichten und Grimassen von Ray Cokes oder Headbangers Ball anzusehen – und sich nebenbei die neuesten Subkultur-Styles abzugucken und in ihr Leben einzubauen.

Das Musikfernsehen erzeugte als geniale Erfindung von Warner Communications und American Express neue Stars und Genres – auf globaler Ebene. Michael Jackson oder Madonna wären nie die weltumspannenden Identifikationsfiguren geworden, ohne MTV hätte sich HipHop nie so weit in Europa verbreitet, und Alternative Rock wäre vielleicht Punk aus Seattle geblieben. Zum Erfolg von MTV trug (neben der Verbreitung von Kabelfernsehen) natürlich auch das experimentelle Design bei, das mit schnellen Schnitten und Effekten eine eigene MTV-Ästhetik entwickelte. Das Musikvideo wurde zur eigenen Kunstform und zum Marketinginstrument.

Doch nochmal zurück zu den Anfängen.

“You’ll never look at music the same way again”

Ladies and Gentlemen, Rock’n’Roll: Vor 30 Jahren wurde also der Schalter umgelegt, und MTV war on air. Nach einem Countdown, Raketenstart und Mondlandung mit MTV-Flagge startete gleich der erste, sicherlich nicht zufällig gewählte Videoclip: “Video Killed the Radio Star” von den Buggles.

Von Anfang an arbeitete MTV mit Video-Jockey-Moderation, und die Videos wechselten immer wieder mit Werbeblöcken ab (die man oft kaum mehr von den Inhalten unterscheiden konnte). So sah das am 1.8.1981 aus, VJ ist Mark Goodman (und man beachte auch die Superman-II- und Dolby-Noise-Reduction-Werbung):

In den 80ern und 90ern wurde Musikfernsehen das tonangebende Medium für den Pop-Zirkus. Hierzulande gab es mit Viva und Viva 2 (später Viva Plus) sogar gleich zwei Konkurrenzkanäle zu MTV. Es hätte immer so weitergehen können, für die Majors, die Stars und die Fans – doch dann kam das Internet.

Spätestens in den späten 90ern begannen die Fans, ihre Informationen und ihre Musik übers Netz zu beziehen. Wozu bei MTV auf das Lieblingsvideo warten, wenn man es auf YouTube einfach aufruft und sich dann durch naheliegende weitere Vorschläge klickt? Und dort rasend schnell neue Musik entdecken kann?

Auf den Rückgang der Einschaltquoten reagierten die Musiksender mit Konzentration (Viva wurde 2004 vom MTV-Besitzer Viacom übernommen, der aus Viva plus Comedy Central machte), die Überschwemmung der Werbeblöcke mit Klingeltönen und der Verschiebung zu musikfernen Inhalten – bis das Programm kaum mehr etwas mit Musik zu tun hatte. Im letzten, traurigen Schritt ist MTV seit dem ersten Januar 2011 in Deutschland nur noch als Pay-TV-Sender abrufbar.

We can’t rewind, we’ve come so far

Positive Stimmen sehen in dem Aufstieg des Internets und dem Fall von MTV eine Demokratisierung der Musikszene. Nahezu jeder kann seine eigene Musik am Computer aufnehmen, Videos dazu machen und sie in alle Welt verbreiten. Kleine Labels müssen nicht mehr Klinken bei den Musiksendern putzen, sondern können direkt eine Öffentlichkeit finden – die allerdings kleiner ist, als noch zu MTV-Zeiten.

MTV lieferte immerhin eine Filterung und eine Auswahl von neuen, relevanten und manchmal auch tollen Videos. Und gelegentlich auch interessante und unterhaltsame Studiogäste und eben – gemeinsamen Gesprächsstoff. Das ist die Leerstelle, die MTV hinterlässt, auch wenn verschiedene Musik-Fernseh-Konzepte im Netz versuchen, da hineinzustoßen.

Oder sind diese Zeiten einfach vorbei? Wie sieht es bei euch aus – fehlt euch gutes Musikfernsehen?

Neue Artikel von GIGA FILM

GIGA Marktplatz