The Amazing Spider-Man – Kinokritik – Marvel spinnt das Rebootmake-Netz

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Die beiden Hauptgründe für “The Amazing Spider-Man“ sind keine, die man bejubeln sollte. Es geht um eine preiswerte Verjüngungskur und die erneute Verdauung einer noch gar nicht mal so alten Geschichte. Ein Rebootmake also. Lähmender Kostendruck trifft auf kreativen Stillstand. Genau so erzeugt man gespannte Erwartung.

Ein Film wie „The Amazing Spider-Man“ kann unmöglich umfassenden Jubel auslösen, doch zumindest innerhalb seines selbst gezimmerten Gefängnisses hätte es wesentlich schlimmer kommen können. Obwohl Peter Parker nun in der Highschool Skateboard fährt, ist tatsächlich keine „Twilight“-isierung des Marvel-Helden eingetreten. Regisseur Marc Webb nimmt „Spider-Man“ absolut ernst, bis hin zu einer Verschiebung der Genre-Prioritäten.

Im Vordergrund bei „The Amazing Spider-Man“ steht nämlich eine starke dramatische Entwicklung, die erst nach einer Stunde das allseits bekannte Kostüm zum Einsatz bringt. Davor geht es vor allem um Peter Parker selbst, den Verlust seiner Eltern und seines Onkels, die ungelenke Schwärmerei für Gwen Stacy und die Tragik von Dr. Curt Connors, dem späteren Lizard. Ein großer Blockbuster auf subtilen „coming of age“-Spuren, dezitiert altmodische Atempausen und plausible Motivationsschübe keinesfalls ausgeschlossen.

Der effektivste Brocken bei dieser durchaus erstaunlichen Herangehensweise gebührt Hauptdarsteller Andrew Garfield, der einfach nur phänomenal aufspielt und Peter Parker zu einer absolut greifbaren Person macht. Auch Rhys Ifans als Curt Connors ist exzellent, Emma Stone verbirgt ihren typischen Grimassen-Tick unter einer blonden Perücke und Martin Sheen strauchelt lediglich bei der völlig lächerlichen Coverversion der „aus großer Kraft folgt große Verantwortung“-Ansprache. Kein Schäumen mehr bei der einst empörten Fan-Gemeinde: „The Amazing Spider-Man“ behandelt seinen Stoff mit großem Respekt.

Und kann trotzdem nicht umfassende Begeisterung einfahren, weil das ganze Projekt einer Bankrotterklärung an wirklich spannende Sommerblockbuster gleichkommt. Einfach nochmal das Gleiche vorsetzen, die breite Masse wird's schon schlucken. „Spider-Man“ als weltweit bekannte Marke und Marvel als ebenso weltweit bekannter Qualitätsstempel. Noch mehr Sicherheit geht einfach nicht, und wenn dann auch noch einige „originäre“ Patzer, wie z.B. das gramgebeugte Knittergesicht von Sally Field, der lahme Pixel-Showdown oder Irrfan Khan als völlig platter „bad guy“, hinzukommen, wird reserviertes Kopfschütteln zu einer automatischen Reaktion. Also wirklich, Sony, mehr war da nicht drin??

Fazit
Die Gründe für „The Amazing Spider-Man“ mögen Hollywood von seiner hässlichsten Seite zeigen, doch der daraus entstandene Film ist tatsächlich ziemlich gut geworden. Im Rahmen der kreativen Wackersteine courtesy of Sony. Und trotz einiger rein filmischer Schwachstellen, die aus einer gelungenen „origin story“ gegen Ende ein nicht sonderlich packendes CGI-Abenteuer machen. Natürlich in 3D.

Zweifellos wird „The Amazing Spider-Man“ super laufen, aber heiße Liebeserklärungen dürfte der Film kaum provozieren. Der Geruch abgeschmackter Corporate-Schlipse durchweht den Kinosaal und spätestens beim Abspann überlegt man, was dieser Regisseur und diese Besetzung doch für einen tollen NEUEN „Spider-Man“-Film hätten machen können. Also vielleicht nur ein Reboot statt ein Rebootmake. Mit großer Kraft, aus der dann großes Spektakel folgt.

Nun denn, vielleicht ja beim Rebootmakesequel.

Wertung: 6/10

Regie: Marc Webb
Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans
USA/2012
Start: 28.6.2012

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