Verblendung – Kinokritik – Ein Film zum Schlechtfühlen

Als David Fincher vor etwa anderthalb Jahren zusagte, er würde sich persönlich um die Umsetzung der extrem beliebten “Millenium”-Trilogie kümmern, waren sie alle glücklich – Filmfans, Kritiker, Musikliebhaber. Fincher, Hollywoods Regiewunder, plus Stieg Larsson, Schwedens Autorengeheimwaffe, plus Trent Reznor, frisch gebackener Oscar-Preisträger und musikalisches Universalgenie der Industrial-Band “Nine Inch Nails”, vereint in einem Film. Das kann nur großartig werden. Oder?

Nun, der Beantwortung dieser Frage geht eine weitere voraus: Ist das gleichnamige schwedische Original aus dem Jahr 2009 bereits bekannt oder hat man sich vom großen “Millenium”-Fieber noch nicht anstecken lassen? Falls nicht, heißt die Antwort schlicht und einfach: Verdammt noch eins, ja – das ist ziemlich großartig. “Verblendung” ist streckenweise sogar einer der düstersten, härtesten und spannendsten Thriller seit Jonathan Demmes legendärem Klassiker “Das Schweigen der Lämmer”.

Und das, obwohl sich “Verblendung (2011)” mit exakt denselben Problemen herumschlägt wie “Verblendung (2009)”. Hüben wie drüben wirkt die Story bis zum letzten Drittel arg zerklüftet. Denn obwohl es im Kern eigentlich um die Klärung eines Mordfalles geht, mischen Original und Remake die Geschichten zweier Einzelschicksale zusammen, erzählen fragmentarische Episoden ihres Lebens und finden erst nach gut anderthalb Stunden zusammen.

Zuvor durchleben Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist, die genial geschriebenen Protagonisten von Film und Buch, ihre jeweiligen Martyrien, bis man sich dann endlich dem eigentlichen Fall widmet. Das ist freilich nicht weniger spannend erzählt, dehnt “Verblendung” aber auf knapp drei Stunden Laufzeit, die dem eigentlichen Handlungsfortschritt eher abträglich sind. Charaktertiefe schön und gut, aber zum Punkt kommen, das gelingt der “Millenium”-Trilogie allgemein eher schlecht.

Was ihr und vor allem Finchers Remake ganz vorzüglich gelingt, ist der Aufbau einer unfassbar dichten Atmosphäre, der Skizzierung einer Welt, in der Korruption, Intrige und vor allem Misantrophie herrschen. Zusammen mit der – typisch für Fincher – kontrastreduzierten Bildsprache, den düster wabernden Ambient-Loops von Trent Reznor und den eisigen Panoramen Schwedens entsteht hier ein bleischwerer Brocken von Psychothriller, der bisweilen richtig an die Nieren geht.

Hier wird dann auch der große Unterschied zum Original deutlich: Wo dieses noch dank europäischer Budget-Standards wie eine kostspieligere Folge vom “Tatort” wirkte, ist Finchers Kameraführung und Bildsprache als echter Zugewinn zu werten. Wer auf punktgenau durchstilisierte Thriller steht, bekommt hier das, was er nach “Zodiac”, “Sieben” oder “Fight Club” erwarten durfte – nicht mehr, nicht weniger.

Und wenn man Stieg Larssons Buch eines zuschreiben möchte, dann ist es die Erschaffung einer modernen Frauenheldin. Einer, die mindestens genauso kaputt ist wie ihre Umwelt. Der Inbegriff von Ambivalenz – schwach und stark zugleich, schön und hässlich, klug und naiv. Finchers Neuentdeckung Rooney Mara schlägt sich hervorragend in den Fußstapfen von Noomi Rapace, fügt der Figur Lisbeth Salander aber keine neuen Facetten bei.

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