Annoyed, Angry, Sarcastic: Hört mich an, denn ich bin wütend!

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Der Angry Video Game Nerd James Rolfe hat vor knapp zehn Jahren einen Trend los getreten, dessen immensen Einfluss auf die Spiele-Kultur niemand hätte absehen können. Er bastelte sich ein Alter Ego, den stereotypischen Nerd, der wütend über alte Spiele herzieht und wurde damit berühmt. Nur kurze Zeit später war das Netz bereits voll mit Adjektiv-Kritikern, die in aller erster Linie wütend sein mussten – über was, war erst einmal egal.

Annoyed, Angry, Sarcastic: Hört mich an, denn ich bin wütend!

In einem früheren Blog-Eintrag habe ich euch bereits einige Online-Kritiker genannt, die mir aus verschiedenen Gründen zusagen. Einige von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt damit, über Spiele, Filme und Serien herzuziehen. Wenn der Nostalgia Critic sich jedoch mal wieder theatralisch umbringt, weil der ihm vorgesetzte Film so schlecht ist, wird ihm da kaum einer böse sein: Denn der Nostalgia Critic ist nicht Doug Walker. Er ist eine Kunstfigur, ein Alter Ego, wie es auch der Angry Video Game Nerd ist.

Das kann man durchaus missverstehen. Wie es auch Mara Wilson tat: Wilson ist ein Kinderstar, bekannt aus Filmen wie “Matilda” und war immer wieder ein leichtes Angriffsziel für den Nostalgia Critic. Als sie davon Wind bekam, war sie nicht erfreut und feuerte öffentlich gegen Doug Walker. Als sie jedoch verstand, dass Doug Walker eben nicht der Nostalgia Critic ist, entschuldigte sie sich nicht nur, sondern tauchte kurze Zeit später sogar in einem Nostalgia-Critic-Review auf. Warum sie Walker nicht böse war, fasste sie selbst wunderbar in Worte:

“The Nostalgia Critic was a character. A caricature of an embittered, entitled, enraged nerd — and one who often got his comeuppance at the hands of other characters.”
(“Der Nostalgia Critic war ein Charakter. Eine Karikatur eines verbitterten, wütenden Nerds – und von jemandem, der dafür regelmäßig von anderen Charakteren seine wohlverdiente Strafe bekommt”)


Problematisch wird es jedoch, wenn diese Grenze zwischen Charakter und Mensch verschwindet. Ich erklärte bereits, wieso ich Angry Joe nicht ernst nehmen kann: Sein Name impliziert bereits, dass er wütend ist. Er begann, Angry Joe als eigenständigen Charakter zu entwickeln, veröffentlicht mittlerweile jedoch auch stinknormale Interviews und VLogs unter diesem Namen. Mittlerweile gibt es nicht mehr Angry Joe und Joe Vargas – Joe Vargas ist Angry Joe. Im Gegensatz zu Doug Walker kann er seine Review-Eskapaden nicht einfach darauf schieben, dass er da nur eine Figur spielt.

Noch schwerwiegender wird das Problem beim Annoyed Gamer. Hinter der Figur steckt Marcus Beer, der sich selbst als Meinungsmacher, aber nicht als Journalist versteht und bei GameTrailers arbeitet. Als Annoyed Gamer tut er genau das, was man von ihm erwartet: Er packt sich die aktuellsten Themen und meckert darüber. Über die Xbox One, über die E3, eben über alles, über das man sich so lustig machen kann. Marcus Beer allerdings ist ein Industrie-Urgestein, der als jahrelanger PR-Manager zahlreicher Firmen eine Menge über die Industrie weiß. Er ist ein Mann, dem ich gerne zuhören würde, dessen Meinung ich eigentlich wertschätzen will.

Doch all das wird durch seine Annoyed-Gamer-Nummer zunichte gemacht. Statt, wie er es in Interviews und Podcasts sonst regelmäßig tut, wertvolle Informationen und Spekulationen an den Tag zu bringen, echauffiert er sich fluchend über all die Probleme, über die sich auch sonst schon jeder beschwert. Und auch bei ihm führte dies unweigerlich zu der Frage: Ist Marcus Beer der Annoyed Gamer? Wann spricht wer? Genau diese Frage wurde diese Woche beantwortet.

Im GameTrailers-Podcast Invisible Walls wetterte Marcus Beer unprovoziert gegen “Fez“-Entwickler Phil Fish und “Braid”-Entwickler Jonathan Blow, beleidigte Fish und bezeichnete ihn als “verdammtes Arschloch”, “Wichser” und “scheiß Hipster”. Als Annoyed Gamer war es Beer gewohnt, seinen Gefühlen nicht nur freien Lauf zu lassen, sondern ihnen unbedingt zusätzlichen Ausdruck verleihen zu müssen. Das geht am einfachsten über Beschimpfungen und Übertreibungen.


Los gehts bei 1:30

Über die Konsequenzen dieses Ausfalls werde ich in einem später folgenden Blog-Eintrag sprechen. In diesem Post frage ich mich und euch zunächst einmal: Brauchen wir diese Persönlichkeiten? Brauchen wir einen wütenden Joe, der gleichzeitig aber als Journalist ernst genommen werden will? Brauchen wir einen genervten Spieler, der seine allwöchentliche Show bei GameTrailers als Alibi dafür sieht, völlig rücksichtslos alles und jeden aufs Übelste zu beleidigen – und dann dadurch eben doch beweist, dass er nicht nur eine Rolle spielt, sondern scheinbar schlicht und einfach eine sehr, sehr wütende Person ist?

Ich brauche solche Personen nicht. Denn ich kann es schlicht nicht nachvollziehen, warum jemand seine Kraft und seine Lebenszeit damit verschwendet, wütend auf ein Medium zu sein, mit dem er doch freiwillig seine Zeit verbringt. Ein Medium, dessen Teil man geworden ist, weil man es liebt und an seiner Entwicklung teilhaben möchte. Und auch wenn ich mal wieder Spaß daran habe, leidenschaftlich über Final Fantasy XIII her zu ziehen, kommt das nicht daher, dass ich Square Enix fertig machen will, weil ich die Serie hasse. Es ist das genaue Gegenteil der Fall: Ich mag die Serie so sehr, dass ich traurig darüber bin, ihr Potential verschwendet zu sehen. Umso fröhlicher stimmten mich jedoch die ersten Bilder von Final Fantasy XV.

Bei Menschen wie Marcus Beer scheint diese Leidenschaft und der Spaß am Medium oftmals zu fehlen und durch nichts als Hass und Missmut ersetzt worden zu sein. Darauf könnte ich gerne verzichten.

Artikelbild: children kid screaming expression on white background, via shutterstock

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