Adé Thunderbolt: Apple setzt zukünftig auf USB 3.1 (Kommentar)

Sven Kaulfuss
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Sie werden es höchstwahrscheinlich wieder tun. Bald könnte Apple erneut alte Zöpfe abschneiden, sich Thunderbolt teils entledigen und den neuen USB-Standard 3.1 Typ-C zum Durchbruch verhelfen. Innovation mit der Brechstange oder notwendige Evolution?

Adé Thunderbolt: Apple setzt zukünftig auf USB 3.1 (Kommentar)

Schenkt man aktuellen Berichten Glauben, so wird Apple noch in diesem Quartal ein neuartiges MacBook Air mit 12-Zoll-Display vorstellen. Die eigentliche Überraschung ist aber weniger der neue, schnellere Prozessor (Broadwell von Intel) oder der hochauflösende Retina-Bildschirm, vielmehr ist es die prognostizierte Schnittstellenarmut, die beunruhigt.

MacBook Air in 12 Zoll: Nur noch einziger USB-Anschluss

Demzufolge verzichtet Apple auf bisherige Standard-Anschlüsse, allein ein traditioneller Klinkenstecker verbleibt im Gehäuse. Weder Thunderbolt, noch ein separater MagSafe-Netzanschluss sind auffindbar. Stattdessen nur ein einziger USB-Anschluss, der dem neuen Standard 3.1 Typ-C entspricht. Weitere USB-Anschlüsse könnten in Form eines Hubs (denkbar integriert im Netzteil) hinzukommen. Vom aktuellen Standpunkt betrachtet wirkt dieses Szenario recht abwegig und dennoch spricht genau diese angenommen Radikalität für die Philosophie von Apple.

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Rückblick: Der erste iMac

Wir erinnern uns: Apple war in der Durchsetzung neuer Standards immer sehr rigoros. Bestes Beispiel der erste iMac aus dem Jahr 1998. Dieser entzückte nicht nur durch ein komplett neues Design, gleichfalls sorgte seine Schnittstellenarmut anfangs für einen Aufruhr unter den Mac-Nutzern. Liebgewonnene Anschlüsse wie ADB (für Tastaturen, Mäuse und weitere Eingabegräte), Serieller Port (für Modems, Drucker etc.) oder auch SCSI (Festplatten, Flachbettscanner) fielen ganz weg. An dessen Stelle trat USB. Dieser – schon den Namen nach – universelle Anschluss wurde teils zuvor in PCs verbaut. Passende Peripherie jedoch war Mangelware. Warum sollten Zubehörhersteller auch extra Entwicklungskosten für die Umstellung tragen, verbauten die PC-Produzenten doch weiterhin die altbekannten Anschlüsse.

Diesem Zustand des Stillstands bereitete Apple ein Ende. Passendes Zubehör musste jetzt zwangsläufig über USB verfügen. Wollte man am gut laufenden Verkauf des iMacs partizipieren, konnte man den neuen Anschluss nicht länger ignorieren. Apple schob diese Entwicklung maßgeblich an, Ursache das radikal neue Schnittstellendesign.

USB 3.1 Typ-C: Mach’s noch einmal, Apple

Die Geschichte könnte sich dieser Tage wiederholen, kurioserweise mit einer Neuinterpretation von USB. Der Standard 3.1 Typ-C ist die wohl bisher größte Neuerung in der Geschichte des Anschlusses. Stecker und Buchse erinnern in seiner Kompaktheit an den Lightning-Port von Apple (zu finden in iPhone, iPad und iPod). Wie dieser kann das Kabel auch beidseitig gesteckt werden. Aufgrund der geringen Größe ideal für sehr schmale Gerätschaften wie beispielsweise ein neues Macbook Air. Die Bandbreite verdoppelt sich (10 Gbps) und Displayport in der neuen Ausführung 1.3 wird direkt integriert (auch HDMI kann adaptiert werden).

In der Praxis bedeutet dies: Es wird möglich sein, einen Monitor direkt daran anzuschließen, sogar 4K-Monitore und 5K-Auflösungen wie sie der neue iMac besitzt, werden unterstützt. Kleiner Nachteil: Je mehr Bandbreite ein Display benötigt, desto weniger Geschwindigkeit steht für andere Datenübertragungen zur Verfügung. Privatnutzer werden die Grenzen aber anfangs wohl kaum ausreizen, insofern steht die Praxistauglichkeit nicht wirklich zur Diskussion. Mit diesem universellen Anspruch rückt man jedoch einer anderen Schnittstelle dicht auf die Fersen...

Und Thunderbolt?

Thunderbolt ist technisch eine ausgeklügelte Verbindungsart, dank PCIe-Integration sogar noch universeller einsetzbar als USB 3.1. Auch ist Thunderbolt 2 doppelt so schnell wie der neue USB-Standard. Geholfen hat es der Marktdurchdringung aber nicht. Im PC-Bereich nahezu unbekannt, hält allein noch Apple die Thunderbolt-Fahne aufrecht. Doch auch hier spielt für die meisten Nutzer der Anschluss keine große Rolle, dient er meist nur dazu, ein Display nach Displayport-Standard zu betreiben. Ich selbst besitze beispielsweise für mein MacBook Air (Jahrgang 2011) keinerlei Thunderbolt-Peripherie. Festplatten und Co sind für den engagierten Privatanwender schlichtweg zu teuer. So verbleibt Thunderbolt weiterhin in der professionalen Nische und wird aus dieser auch nicht mehr ausbrechen.

Apple dürfte die aktuelle Sachlage kennen und eigene Schlüsse für die Zukunft daraus ziehen. So schön Thunderbolt auch ist, USB 3.1 hat die besseren Chancen für eine systemweite Marktdurchdringung – nicht zuletzt im reinen Consumer-Bereich. Thunderbolt wird deswegen nicht komplett verschwinden, dient folgerichtig mehr der Abgrenzung. Macs für den Privatgebrauch (MacBook Air, Mac mini und kleinere Ausführungen des iMac) werden zugunsten von USB 3.1 in den nächsten Jahren darauf verzichten müssen. MacBook Pro, Mac Pro und die größeren Ausführungen des iMac behalten hingegen Thunderbolt bei.

Quintessenz: Was wir wirklich nutzen...

Ist diese Entwicklung zu bedauern? Nicht wirklich. Vielmehr sollten wir uns fragen, wie wir schon heute unsere Rechner tatsächlich nutzen. Würden wir als Privatanwender Thunderbolt tatsächlich vermissen? Wohl nicht. USB 3.1 hingegen ermöglicht aufgrund der kompakten Abmessungen auch wieder eine evolutionäre Entwicklung im Produktdesign. Der zu erwartende radikale Schnitt eines sehr minimalistischen MacBook Air mag diesbezüglich beunruhigen, sorgt unterm Strich aber als Stilikone und Pionier einer neuen Technologie für Auftrieb im Markt – gut so.

Weitere Themen: iMac mit Retina 5K Display, iMac 2014, MacBook Air, Apple