Fazit
Möchte man Heavy Rain mit anderen Spielen vergleichen, gibt es nicht viele Möglichkeiten. Einige Abschnitte, vor allem zu Beginn, scheinen vom Dreamcast-Klassiker Shenmue inspiriert worden zu sein: Wenn Ethan Mars in seiner Designer-Wohnung das Spielzeugauto seiner Kinder steuert, den Tisch deckt oder sich in Einkaufszentren durch Menschenmassen drängelt, weckt das Erinnerungen an die Abenteuer von Ryo Hazuki.
Seinen direkten Vorgänger Fahrenheit übertrifft Heavy Rain in allen Belangen: bessere Story, homogenere Steuerung, glaubhaftere Charaktere. Während man bei den Quick-Time-Events in Fahrenheit noch “verlieren” konnte (wodurch man sie erneut von vorne absolvieren musste), läuft Heavy Rain in jeder Situation einfach weiter und reißt den Spieler somit nicht aus dem Geschehen. Wenn ein Spiel es schafft, dass man es abends einlegt und beim nächsten Auf-die-Uhr-sehen bemerkt, dass es bereits sieben Uhr morgens ist, dann besteht ohnehin kein Zweifel über die Immersionsqualität des Titels.

Eine verästelte Geschichte mit unterschiedlichen Enden findet man in dieser Ausprägung ansonsten allenfalls noch in dem hervorragenden Konami-Titel Shadow of Memories aus dem Jahr 2001 – hier jedoch wurden im Gegensatz zu Heavy Rain nicht alle Schlüsselelemente der Story im ersten Durchgang verraten. Um alle Zusammenhänge zu verstehen, musste man es definitiv mehrmals durchspielen – ein Element, das Heavy Rain leider fehlt.
Davon abgesehen lässt sich das PS3-Exklusivspiel kaum mit anderen Spielen vergleichen und steht vor allem in der aktuellen Spielelandschaft allein auf weiter Flur, was Spielprinzip und Qualität der Darbietung angeht.
Ein paar kurze Worte noch zu den grafischen/technischen Aspekten: Der Detailreichtum sucht vor allem bei den Menschen im Spiel seinesgleichen; man merkt auch, dass hier echte Schauspieler zum Vorbild genommen wurden – vor allem die Ladebildschirme mit den Close-Ups der Charaktere sind atemberaubend. Die Animationen wirken nicht immer perfekt, sind aber durchgehend auf hohem Niveau. Ab und zu, vor allem bei stark belebten Szenen, macht sich Tearing bemerkbar, was aber zu verschmerzen ist. Heavy Rain spielt grafisch insgesamt in der obersten Liga auf der PlayStation 3.
An zwei Stellen ist das Spiel bei mir “eingefroren” – einmal mitten im Gameplay und einmal reproduzierbar beim Laden eines bereits beendeten Kapitels. Die Sache ließ sich lösen, indem ich stattdessen das vorherige Kapitel ausgewählt und von dort an gespielt habe. Das sieht jedoch nach einem Problem aus, das Sony mit einem Patch entfernen kann, sofern es kein Einzelfall war.

Fazit:
Im ersten Durchgang ist Heavy Rain ein verdammt spannender, acht Stunden langer Psycho-Thriller, der langsam anfängt, sich jedoch ab dem Ende des ersten Drittels in ungeahnte Höhen katapultiert und den Spieler in ein Wechselbad der Gefühle versetzt, wie man es in der Videospielwelt sehr selten erlebt. Grafik, Musik und Atmosphäre sind absolut großartig und tragen viel zur Spannung bei. Ein zweiter Durchgang offenbart entlarvende Einblicke in Videospielkonventionen, die Psyche der Spieler und wie Game-Entwickler damit umgehen oder gar spielen können. Es macht Spaß, die Grenzen des Spiels auszuloten und alternative Story-Zweige zu entdecken, zerstört aber ein wenig die Faszination des ersten Durchspielens. Vergleichbare Spiele gibt es auf den aktuellen Konsolen keine, weder in Sachen Dramaturgie noch Thematik wird man irgendwo etwas auch nur ansatzweise ähnliches finden können. Jeder Spieler, der nicht gerade ausschließlich auf Baller-Action steht, sollte diesen Thriller erlebt haben. Ein Videospiel im herkömmlichen Sinne ist Heavy Rain in der Tat nicht, ein Pflichtspiel für jeden PS3-Besitzer aber allemal.
Und für alle, die gerne Zahlen unter so einem Text lesen:
Grafik: 9/10
Sound: 9/10
Gameplay: 7/10
Story: 10/10