MacBook Air & MacBook Pro Retina: SSD-Speicher mit proprietären mSATA-Standard birgt Probleme (Kommentar)

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Zweifelsohne sind die aktuellen MacBooks (MacBook Air und MacBook Pro mit Retina Display) eine Zierde ihrer Gattung – leistungsstark und verpackt in einem stilsicheren Gehäuse aus Aluminium. Der Konstruktionsfehler dieser Mobilrechner offenbart sich indes erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der geneigte Anwender doch tatsächlich versucht, sein MacBook aufzurüsten.

MacBook Air & MacBook Pro Retina: SSD-Speicher mit proprietären mSATA-Standard birgt Probleme (Kommentar)

Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt: Kollege Trepesch gönnte sich und seinem älteren MacBook Pro zum Neujahr eine Frischzellenkur. Für knapp 280 Euro ergatterte er eine standardisierte 2,5-Zoll-SSD mit 512 Gigabyte Speicherplatz – ein echtes Schnäppchen. Ein Lächeln zierte sein Gesicht angesichts dieses Top-Kaufs. Der nachfolgende Einbau ging leicht von der Hand, teures Spezialwerkzeug war nicht vonnöten. Der Kollege Ressortleiter (meine Wenigkeit) hingegen konnte seine Trauer nicht verbergen. Derartige Sonderangebote sind ihm unbekannt, denn für ihn gelten nur Apothekerpreise. Der Grund: Die Leichtigkeit des Seins in Form eines MacBook Airs fordert ihren Tribut.

MacBook Air und MacBook Pro Retina: Kompatible SSDs sind Mangelware

Für Apple galt das MacBook Air zu Anbeginn als Prototyp eines modernen Mobilrechners. Leider gilt diese Feststellung nicht nur im Hinblick auf Eleganz und Leistung, auch die Erweiterbarkeit ist stark eingeschränkt und Schnittstellen sind teils Mangelware. Ärgernisse, die 2012 das neue MacBook Pro mit Retina Display beerbte und mit verklebten Akkus dem Ganzen noch die Krone aufsetzte – willkommen in der Zukunft. In der Praxis ergeben sich daraus zwei konkrete Problemfälle:

  • RAM ist fest verbaut: Wer nicht zum Lötkolben greifen mag, sollte die Aufrüstung des Arbeitsspeichers als ein Ding der Unmöglichkeit akzeptieren. Pech gehabt!
  • SSDs sind zwar noch immer gesteckt, entsprechen auf dem ersten Blick jedoch keinem Industriestandard. Alternative Module sind rar gesät und hinreichend überteuert – die Aufrüstung scheitert am ökonomischen Grundverständnis.

Veranschaulichen wir uns diese Feststellung anhand von Zahlen. Der einzige Hersteller für kompatible SSDs (OWC – Other World Computing) befindet sich in einer komfortablen Monopolstellung. Eine vergleichbare SSD mit einer Kapazität von 480GB für das MacBook Air jüngerer Bauart kostet in deutschen Landen zwischen 700 und 1.000 Euro (je nach Modelljahr). Der Direktkauf bei OWC fällt auch nicht viel günstiger aus, berücksichtigt man noch Zusatzausgaben wie Umsatzsteuer und Zollgebühren. Noch mal zum Vergleich: Kollege Trepesch zahlte 280 Euro für seine SSD mit 512GB – ein Modell von Crucial. Für diesen Betrag erhält man noch nicht einmal eine OWC-SSD mit 240GB für das MacBook Air. Da lohnt sich für Kollege Kaulfuss die Aufrüstung seines 2011er-Modells nur bedingt, der Verkauf des Altrechners und der anschließende Neukauf erscheint „sinnvoller“. Eine Situation, die Frust und Wut hervorruft.

In der fünften Ausgabe von GIGA Mac Tech zeigten wir den fachmännischen Einbau einer SSD von OWC ins MacBook Air.

Apple und mSATA: Missachtung der Standard-Lösung

Das es auch anders – meint günstiger – geht, beweisen standardisierte mSATA-SSDs. Derartige Module gibt es zwar meist nur in Kapazitäten von bis zu 256GB (zum Beispiel Crucial M4 mSATA – ), diese sind dafür aber auch rund 50 Prozent günstiger als die Spezial-Bausteine aus dem Hause OWC beziehungsweise Apple. Apropos mSATA und Apple – eine Geschichte voller Missverständnisse.

Was ist eigentlich mSATA? Von der Bauform entspricht mSATA (mini-SATA) dem Mini-PCI-Expressanschluss, die Leitungen werden jedoch nach SATA-Standard angesteuert. Spezifiziert wurde mSATA gemeinsam von Samsung und der JEDEC (eine amerikanische Organisation zur Standardisierung von Halbleitern) im Jahr 2009. Der JEDEC gehören über 300 Firmen an – auch Apple findet sich darunter.

Die Speichermodule im MacBook Air entsprechen zwar technisch weitestgehend mSATA, weichen vom Formfaktor aber dennoch ab – zur Anwendung kommen beziehungsweise kamen auch spezielle Blade-X-gale-Module von Toshiba. So unterscheiden sich diese Speicherbausteine auch nochmals nach Baujahren (2010/2011 und 2012).

Zusammengefasst: Apple ist also Mitglied einer Organisation zur Standardisierung derartiger Schnittstellen und Laufwerke, verändert jedoch die Anschlüsse nach Gutdünken und verwirrt somit Markt und Käufer – eine Glanzleistung!

Versuchte Rechtfertigung: mSATA und die Grenzen der Kapazität

Warum tut Apple dies? Zur „Ehrenrettung“ des kalifornischen Herstellers sei erwähnt, dass mSATA in seiner standardisierten Form auf der Fläche von 51 mm x 30 mm x 5 mm nur maximal vier bis fünf NAND-Flashspeicher unterbringen kann. Aus diesem Grunde gibt es entsprechende Module meist nur bis 256GB – das MacBook Air ist heutzutage aber schon mit bis zu 512GB lieferbar. Allerdings gilt diese Rechtfertigung nur für die aktuelle Baureihe (Mid 2012). Zuvor bot auch Apple nur maximal 256GB Flashspeicher im MacBook Air an, dem Einsatz von standardisieren mSATA-Schnittstellen stand zu diesem früheren Zeitpunkt nichts im Weg.

NGFF im MacBook Air und Co: Die Zukunft?

Sei es drum, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Viel interessanter ist doch der Blick nach vorn. Die bisherigen mSATA-Module stehen dieses Jahr schon vor ihrer möglichen Ablösung. Derzeit feilt man bei Intel an einem neuen Anschluss: NGFF (Next Generation Form Factor). Diese sollen in unterschiedlichen Längen (kürzer und auch länger als mSATA) verfügbar sein, um auch größere Speicherkapazitäten jenseits der 512GB zu ermöglichen. Gedacht sind sie vor allem für die kommende Generation der Ultrabooks, die den kommenden Haswell-Chipsatz beherbergen. Etwas komplizierter wird es bei der Datenanbindung. Anfangs wird man wohl noch auf das SATA-Protokoll zurückgreifen müssen, zukünftig ist aber eine direkte Anbindung über PCI Express 3.0 angedacht. Der Vorteil: Wesentlich höhere Übertragungsraten (1GByte/s pro Lane vs. 600 Mbyte/s bei SATA III). Der Nachteil: Diese Lösung bedingt derzeit die Notwendigkeit eigener Treiber für das jeweilige Betriebssystem.

Apple tut gut daran, sich an NGFF zu beteiligen und MacBooks standardisiert auszustatten. Nur so ist garantiert, dass Anwender zukünftig ihr MacBook Air oder MacBook Pro mit Retina Display kostengünstig aufrüsten können. Auch bei Samsung (einem nicht unwichtigen Zulieferer) sieht man Standards wie mSATA und NGFF im Vorteil, wie mir Jae Hyeong Lee (Vice President/Group Leader der Flash Memory Planning Group bei Samsung) im Herbst letzten Jahres im Interview bestätigte. Alleingänge und proprietäre Lösungen sind also nicht gefragt. Bei dieser Gelegenheit sollte der Hersteller auch nochmals über den verlöteten Arbeitsspeicher nachdenken – auch so eine unnötige Unsitte.

 

Bildquelle Titel: Apple

Weitere Themen: MacBook Pro mit 13-Zoll Retina-Display, MacBook Pro mit Retina Display


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