Thees Uhlmann – Albumkritik – Hymnen für die Provinz

Beschreibung

Thees Uhlmann, bunter Hund der Indie-Szene und außergewöhnlicher Songwriter, hat abseits seiner Band Tomte nun sein erstes Soloalbum herausgebracht. An vielen Stellen rockt und funkelt es, lässt Rap-Übersteiger Casper als Gast auftreten und hat diese hymnischen Qualitäten, die nur die ganz Großen hinkriegen.

Da sind sie wieder, die Uhlmannschen Weisheiten, die das Schwere leichter machen und das Gewöhnliche besonders. Die eine Großartigkeit aus dem Alltag herauskitzeln, so scheiße er sein mag. Mit seinem ersten Solo-Album erweitert der Tomte-Sänger sein Spektrum, spricht nicht nur für die unverstandenen und zweifelnden Kids, sondern auch für die, die da rauswachsen und neben dem Fußballteam eben auch noch ein Kind zu supporten haben. Ein Spagat, der teilweise funktioniert – auch mit Gästen wie Emo-HipHopper Casper und gleichzeitig Bezügen wie Bruce Springsteen und The Clash.


Aufgenommen wurde das selbstbetitelte Album wie schon die letzte Tomte-Platte von Tobias Kuhn alias Monta. Erinnert sich noch jemand an das nahezu perfekte Gitarrenpop-Album “The Day I Vanished” von seiner Band Miles? Anyway. Thees Uhlmanns quasi East Street Band verzeichnet mit Nikolai Potthoff (Gitarre) ein Tomte-Mitglied, ist ansonsten neu zusammengestellt, neben Tobias Kuhn, Julia Hügel (Keyboard) und Hubert Steiner (Bass) mit dem Ausnahmeschlagzeuger Markus “Max” Perner (Garish, Ex-Beautiful Kantine Band).

Musikalisch und songwriterisch ändert sich gegenüber der aktuellen Tomte-Platte “Heureka” (2008) nicht allzu viel – das selbstbetitelte Debüt bewegt sich vielleicht näher am Rock als am Indie-Spektrum, enthält streckenweise ähnlich packende Klavier-Licks wie die “Heureka”, zitiert neben Clash dann auch verwunderlicherweise Billy Joel (“Die Nacht war kurz”), schwingt mal chansonesque, dreht mit Streichern und Bläsern orchestral auf und brettert auch mal Boss-mäßig drauf los.

Ein Monument für das Dorf

Ein großes Themenfeld der Platte ist die Provinz. “Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten”, singt Thees über einen Besuch in seinem Heimatort Hemmoor in Niedersachsen. Hier geht es nicht unbedingt um das Dorf, auch wenn dem hier ein Denkmal gesetzt wird, sondern natürlich um den Ort, wo man herkommt, und den Ort, wo man sich jetzt zuhause fühlt.

Auch die erste Single, “Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf” zielt auf die eigene Geschichte, was man mit sich herumträgt, was man gelernt hat, und was noch kommt. “Das Leben ist hart, aber das nehm ich in Kauf.”

Mit diesem Song tritt Thees Uhlmann am 29.9. bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest an – nicht für seinen aktuellen Wohnort Berlin, sondern für das langjährige und musikalische Zuhause Hamburg.

Aber Thees’ Herz ist auch groß genug für andere Städte: Neben Paris bekommt auch Berlin seinen Stadt-Song. Aus der düsteren “Guns of Brixton”-durchdrungenen Strophe von “Sommer in der Stadt”, die dann auch noch textlich ein Clash-Zitat enthält, bahnt sich strahlend der Refrain seinen Weg – denn genau so klingt der Moment, in dem einen klar wird, dass es hier Sommer wird. Das ist manchmal fast zu sentimental, und hier trifft sich Thees mit Chartstürmer Casper, der im geheimen Hit “Und Jay-Z singt uns ein Lied” einen Gastauftritt hat – und sich also für Thees’ Kollabo auf XOXO revanchiert. Und tatsächlich – das ist gar nicht mal so weit entfernt.

“Ich habe begonnen mit dem Aufhören anzufangen”

Auf der anderen Seite ist das Album aber auch der Beweis, dass am Ende des Lebensabschnitts called Jugend followed by Familie gründen und Kinder nicht Schluss sein muss, coole und schöne Songs darüber zu schreiben. Und vielleicht eine Art Liebeslieder zu entwerfen, die hier hinpasst. “So lang’ ich denken kann, bin ich nervös /
Das liegt daran, dass ich hoffe, / dass dir nichts zustößt.” Und: “Triff mich an der Kirche/denn ich habe Lust zu schwören/dass wir für den Rest / zusammengehören.” Dass der sich traut, das zu singen.

Aber irgendwie spricht es zu einem. Wenig geschlafen haben kann man nach Party-Nächten oder wegen der Kinder. Das klingt manchmal sehnsüchtig, manchmal glücklich, und oft beides zugleich. Und dann kann man nicht anders als mitzusingen: “Even though we are just dancers in the dark.”

Thees Uhlmann: s/t (Grand Hotel van Cleef) –

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