
Eine der weltweit erfolgreichsten Bands dieses Jahrtausends veröffentlicht eine neue Platte – und bietet wieder kaum Angriffsfläche, was vielleicht ja auch das Geheimnis von Coldplay ist. „Mylo Xyloto“ enthält einige Synthpop-Ausflüge, ein Duett mit Rihanna, groß angelegte Stadion-Balladen und eine Studioproduktion, die von modernen Pop-Hits gelernt hat. Vor allem enthält das Album wieder solche Hymnen, die Coldplay jetzt seit fast 10 Jahren immer wieder schreiben.
Der Aufstieg zu Superstars blieb mir bei Coldplay immer ein wenig ein Rätsel. Klar hatten sie mit „Yellow“ im Jahr 2000 eine tolle Single, die im Fahrwasser von Britpop und Postrock die Gitarrenseite der Seele und die Träumer ansprach. Aber warum es mit dem zweiten Album „A Rush of Blood to the Head“ 2002 kometenhaft in die Superstar-Liga ging, aus der zweiten Reihe hinter U2, Radiohead und Oasis dann sogar die USA erobert werden konnten (eher eine Seltenheit bei britischen Bands), das erschloss sich mir nicht. Ihre Single-Auskopplungen waren trotz zahlreicher Charts-Platzierungen keine Radio-Hits, deren Melodie einem nicht mehr aus dem Kopf geht, sondern eher Album-Songs. Und die Alben waren (bis auf das Debüt) keine epochemachenden Meilensteine, sondern solide Werke, die im Grunde nicht viel Neues lieferten.
Und das ist auch auf dem fünften Studiowerk des britischen Quartetts nicht anders, das den kryptischen Namen „Mylo Xyloto“ trägt (was im übrigen nichts bedeutet, sondern einfach ein Fantasiewort ist). Hier klingen Coldplay wieder exakt nach einer Band, die Lieder wie Coldplay schreiben und spielen will – in etwas poppigerer Produktion.
Es gibt sie zwar noch, die träumerischen Delay-Gitarrenflächen, die Coldplay von U2 übernommen haben, aber insgesamt kommt das Album sehr durchproduziert, manchmal fast elektronisch daher. Andererseits gibt es mindestens drei veritable Akustikgitarren-Balladen und zwei Stadion-Hits. Die Streicher werden oft eher wie Samples verwendet, bei vielen Klangflächen ist kaum zu unterscheiden, ob das jetzt echter Gesang, echte Instrumente oder 80er-Keyboards sind, und an den Rändern fransen die Songs in kleine Effekt-Gimmicks aus. Wie das Pop-Stars eben so machen.
Die Single “Paradise” (mit dem freundlichen Elefanten-Video) geht sicher als souveräner Hit in die Coldplay-Geschichte ein, und auch die erste Auskopplung “Every Teardrop is a Waterfall” kann man sich schön in mitklatschenden Stadien vorstellen. Das Synthie-Riff am Anfang klingt so vertraut, als würde in den nächsten Wochen schon wieder eine Band Coldplay dafür verklagen, sie plagiiert zu haben.
„Hurts Like Heaven“, der Opener, erinnert dank der kurzen Gesangslinie über einem nervösen Rhythmus dann auch fast an den Beyoncé-Hit „Single Girls“, Chris Martins Stimme wird dann auch noch mit einem Vocoder verfremdet. Und das Stück endet dann ganz fluffig im Joshua-Tree-zwei-Akkorde-Land. Das Duett mit Rihanna, “Princess of China”, hat einen komischen 8Bit-Disko-Sound, bei dem man sich nicht sicher ist, ob das jetzt billig oder avanciert klingt.
Coldplay – " Princess of China " feat… von AceVideos
Die Schlüssellieder für die Platte sind aber die Balladen. “Us Against The World” bewegt sich fast intim zwischen Akustikgitarre und Gesang, am Ende flüstert Chris Martin uns in die Seele. Die wunderbare Melodie von “U.F.O.” wird von Streichern umschmeichelt, die dritte Ballade „Up in Flames“ hat etwas von „Who Wants to Live Forever“.
Die Balladen machen vielleicht auch am besten klar, was diese Doppelbewegung von Coldplay ist: In ihren intimsten Momenten sprechen sie Millionen Menschen an. Vielleicht nicht mehr alle Fans der ersten Stunde, aber immer noch einige von den Britpop-Liebhabern und eben viele Radio- und Gelegenheitshörer. Und diese finden mit Chris Martins Stimme genau die Klänge und Worte für ihre Sehnsucht, und das auf jedem Album wieder. Coldplay schaffen es wie keine andere Band, dass sich Menschen bei ihnen zuhause fühlen. Da macht „Mylo Xyloto“ keine Ausnahme.
“Mylo Xyloto” kann ab heute u.a. bei Amazon bezogen werden.
Zum Weiterlesen: Coldplay bieten ihr Live-Album “LeftRightLeftRightLeft” komplett kostenlos zum Download an, außerdem hat die schwedische Pop-Prinzessin Robyn die erste Single von “Mylo Xyloto” gecovert, nämlich “Every Teardrop is A Waterfall“.