Deichkind: “Befehl von ganz unten” – Albumkritik
Musik zu machen, die Köpfchen hat und zugleich in die Beine geht ist keine einfache Angelegenheit und gerade hierzulande furchtbar rar. Zu den wenigen Bands und Projekte, die in diesem Bereich seit Jahren unablässig gute Arbeit leisten gehören Deichkind – egal ob noch zu alten Hip-Hop-Zeiten mit Songs wie “Bon Voyage” oder mit Ohrwürmern aus elektronischen Tagen wie “Luftbahn”. Viel zu selten wurde die Band jedoch bislang für ihre musikalischen Qualitäten gewürdigt. Stattdessen haftet iht vielleicht etwas zu hartnäckig das Prädikat “Spaßband” an, auch wenn die Jungs mit ihren wilden Videos und Bühnenshows an diesem Image natürlich fleißig mitgearbeitet haben. Just zur Veröffentlichung der neuen Platte “Befehl von ganz unten” ist wieder ein ganzer Schwall irren Promomaterials wie die Videos zum Song “Illegale Fans” oder zur aktuellen Single “Bück dich hoch” auf die Fans niedergeprasselt. Doch das ist längst nicht alles, was Deichkind ausmacht.
Blenden wir also mal – Gesamtkunstwerk oder nicht – für einen Moment die glitzernden Pyramidenhüte und Bürostuhl-Wettrennen aus, mit denen Deichkind derzeit die Werbetrommel rühren. Konzentrieren wir uns nur auf das Album, nur auf die Musik – Streamen könnt Ihr die in Schnipseln nebenher auf der Facebook-Seite der Jungs. Der Sound von Ferris, Porky und Philipp, den drei für die Musik verantwortlichen Deichkindern, funktioniert nämlich auch ohne das ganze schillernde Drumherum. Denn was die Jungs mit “Befehl von ganz unten” abliefern, ist nicht nur extrem vielseitiger, sondern auch verdammt geschmackvoll und hochwertig produzierter Pop, wie man ihn derzeit kein zweites Mal in Deutschland findet. Egal ob electroclashige Sounds, tranciger Technopop oder abgehangene Housebeats, egal ob prollige Eurodance- oder schicke Atari-Melodien, die Jungs schaffen immer einen erstklassigen Ausgleich zwischen Charts und verschwitztem Clubabend.
Das wäre an sich schon sehr löblich, würde sich zu dieser funkelnden Mischung elektronischer Musikstile nicht auch noch ziemlich clevere und gesellen würden. Die Themen auf “Befehl von ganz unten” sind dabei noch einen Tick ernster als auf den Vorgängerplatten und haben fast durchgängig einen politischen Anstrich: “Wir wollten diesmal keine Saufsongs schreiben” hat Philipp passend dazu gerade in der Hamburger Morgenpost erklärt. So wird in “99 Bierkisten” anhand eines Wörterdroppings ironisches und zugleich deprimierend treffendes Bild vom Deutschland der Achziger und frühen Neunziger gezeichnet, “Illegale Fans” ist bricht eine Lanze für illegale Downloader, während sich die aktuelle Single “Bück dich hoch” über den allerorts krassierenden Karrierismus lustig macht. Alles natürlich mit einer ordentlichen Prise Humor und Sarkasmus.
Der eigentliche Clou von “Befehl von ganz unten” ist jedoch die Tatsache, dass Musik und Text keine Gegensätze bilden, sondern gut zusammengehen. Die Platte ist damit ein hervorragendes Beispiel, dass sich “schlau” und “chartstauglich” eben nicht immer ausschließen müssen. Wobei man jetzt natürlich die Daumen drücken sollte, dass sie sich auch tatsächlich gegen Bruno Mars und Konsorten durchsetzt – Ende der Woche wissen wir es. Aber selbst wenn “Befehl von ganz unten” für das Deichkind-Label Universal nach hinten los gehen sollte und für das große Publikum doch nicht stromlinienförmig genug ist – wir sollten froh sein, dass sich Deichkind nach dem tragischen Tod von Bandmitglied und Produzent Sebastian “Sebi” Hackert 2009 nicht fürs Aufhören entschieden haben. Denn ohne die Jungs wäre die deutsche Poplandschaft eine ganze Ecke trister – von ihren großartigen Liveshows, die sich derzeit wieder ankündigen, gar nicht erst zu reden.
Fazit: Wunderbare Platte zwischen Charts und Diskurspop – prollig genug für den Clubabend, schlau genug fürs Feuilleton. Ein ziemlich empfehlenswertes Rundum-Programm.