Jennifer Rostock: Neues Album - Es ist nicht alles schlecht

Peer Göbel
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Ich würde von außen auch denken, wir sind gecastet, meint sogar Sängerin Jennifer Weist. Und damit ist auch schon das Dilemma von Jennifer Rostock umrissen. Mit dem verflixten dritten Album Mit Haut und Haar bewegen sie sich wieder zwischen Chartpotential, Pennäler-Lyrik, Wir sind Helden und Tattoos.

Jennifer Rostock: Neues Album - Es ist nicht alles schlecht

Deutschsprachige Sängerin plus Jungsband mit Gitarren gleich Erfolg, so lautete vor einigen Jahren noch die Gleichung. Inmitten von Juli, Silbermond und ihren Epigonen erschienen Jennifer Rostock 2008 beim Bundesvision Songcontest auf der Bühne und holten den fünften Platz für Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Debüt-Album “Ins offene Messer” bügelte dem Wir-sind-Helden-Konzept eine junge Punknote auf.

Das versprach ein Publikum, war irgendwie breitenwirksam gemacht und wirkte eben – kalkuliert. Dabei war die Band nicht wirklich gecastet, ihr Kern und Songwriter-Duo, Sängerin Jennifer Weist und Keyboader Joe Walter-Müller, kennen sich noch aus dem Sandkasten aus Zinnowitz, und die anderen drei kamen auch kurz nach dem Umzug nach Berlin 2006 dazu. Das zweite Album “Der Film” stieß zwar auch nicht in höchste Chart-Regionen vor, sorgte aber durchaus für einige größere Touren und Aufmerksamkeit. Nun folgt also das verflixte dritte Album, das über das No oder Go einer Band entscheidet, wie es allgemein heißt. Im September tritt die Band dann auch wieder bei Stefan Raab an.

Und obwohl Jennifer Rostock offenbar die Gefahr sehen, tun sie doch viel, um einem kalkulierten Major-Act zu entsprechen. Auftritt bei GZSZ, beim Promi-Dinner, Image-Pflege mit Tattoos, Piercings und Kleidung, um klar zu machen, wo man eingeordnet werden will (Silbermond für wilde Teenager), und nicht zuletzt eine Produktion und Songs, die in Rebellion, Sound und Radiotauglichkeit in der Guano-Apes-Liga spielen.

Das kommt auf “Mit Haut und Haar” elektronischer daher als auf den Vorgängeralben, aber die Veränderung ist nahezu marginal. Zutaten sind wie zuvor NDW, Wir sind Helden, dazu Breitwand-Punk, etwas Indiegitarrenpop, balladesker Rock. Und dazu ein Gema-Nachwuchspreis-prämiertes Songwriting, das hier und da von Schlager, Ideal und Nena zusammensammelt.

In starken Momenten erzeugen die wortspielerischen Texte tatsächlich einen frischen Sinn, oft stehen sie aber wie ein Platzhalter da, weil ja an der Stelle auch noch was gesungen oder gereimt werden muss (“Du ziehst den Kümmel aus dem Käse”?) – oder arbeiten mit zu vielen Bildern, die dann nicht mehr so richtig zusammenpassen und eher leer wirken. So ist viel von Tränen, blind und taub sein, Insekten im Eis, schwarzes Schaf als Lamm, leeren Händen, Atemzügen die Rede.

Das muss man insgesamt nicht schlecht finden. Die Stärke der Platte liegt sicherlich darin, einen ordentlich großen Identifikationsraum zu bieten. Mit Texten, die ich mit 14 vielleicht wirklich gewitzt gefunden hätte. Für diejenigen, die ihre Stadt verlassen wollen (“Hier werd ich nicht alt”), die Ossis und Gescheiterten (“Es war nicht alles schlecht”), die selbstbewussten Mädchen (“Keiner nimmt mir mein Mikrofon”), diejenigen, die erste sexuelle Erfahrungen machen (“Zwischen Laken und Lügen”), für die mit Liebeskummer und die mit Verzweiflung und Wut. Das ist immer noch besser als Casting-Shows.

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