Beyond the Screens of Death – John K. Samsons perfektes Winter-Album “Provincial”

Beschreibung

Fear no more. Hier ist es, das Album des Winters, vielleicht das Album des Jahres. “Provincial”, das erste Solo-Album des Weakerthans-Sängers John K. Samson, berührt mit seltsam poetischen Texten – etwa wenn der Kanadier über einer Folk-Version vom Bach-Choral “O Haupt voll Blut und Wunden” von Computerproblemen singt, vom eingefrorenen Monitor, vom Nachdenken über die Verluste bei Call of Duty, vom Screen of Death.

Anhänger von John K. Samson fordern bei jedem neuen Weakerthans-Album den Literatur-Nobelpreis für ihn, noch vor Leonard Cohen und Bob Dylan. Das ist natürlich übertrieben, aber gerade Musiker-Kollegen verneigen sich vor der Vielfalt der Perspektivenwechsel und Anlage seiner Songs – und da macht “Provincial” keine Ausnahme. Wenn der gesamte Text einer Online-Petition gesungen wird, die fordert, den kanadischen Eishockey-Veteran Reggie Leach in die Hall of Fame aufzunehmen (hier kann man sich der Sache anschließen). Oder wenn der vorbeiziehende Verkehr als Code gelesen wird, mit dem die Stadt unser Leben programmiert. Oder die sterbende Auto-Batterie. Oder das Abschiedslied mit dem Gleichnis über das kaufmännische Und (&): “I’m just your little ampersand”. Oder die mit einem schlechten Equalizer ausgesteuerte Stadt: “with the mids pushed up/ in the one long note of “we”".

Die Musik bewegt sich in den wohlbekannten Koordinaten aus Folk und sanften Nachklängen von Punk-Vergangenheit – schließlich war Samson Mitglied der Polit-Punk-Institution Propagandhi. Das Album ist nicht spektakulär, enthält aber durchaus mitreißende und feinfühlige Nuancen – wie der ein- und aussetzende Schlagzeug-Herzschlag bei “Highway 1 West”, oder das live am Klavier aufgenommene “Taps Reversed”. Weakerthans-Fans dagegen mögen sich bei den Uptempo-Nummern wie “When I Write My Master’s Thesis” oder “Longitudinal Centre” fragen, wozu John K. Samson die Band überhaupt zuhause gelassen hat.

Für “Provincial” hat Samson seine beiden Solo-EPs neu aufgenommen und weitere sechs Songs zu einer Verneigung vor der Provinz zusammengeführt – die Titel heißen sogar nach einzelnen Highways und Stationen in Kanada. In den konkreten Geschichten von Kleinstädten, Reisen und Situationen liegt trotzdem eine Allgemeingültigkeit, ein Verständnis. “Too far to walk / to anywhere from here” kann für die Weite gelten, genauso wie beim Warten auf den Nachtbus in einer beliebigen Stadt.

Da ist es wieder, das Gefühl, das beim letztjährigen Weakerthans-Konzert in Berlin das ausverkaufte Lido aus vollem Herzen mitsingen ließ: “I hate Winnipeg”. Dass Leute, die nie die kanadische Provinz gesehen haben, trotzdem diese Zeilen in ihr Leben einbauen und sich bei den Worten John K. Samsons zuhause fühlen. Und darum geht es bei dieser Platte, die sich wunderbar vor zugefrorenen Scheiben und mit Blick auf verschneite Felder und Häuserdächer hören lässt.

Und ich sage es noch einmal: “Provincial” ist die Platte des Winters.

“Provincial” ist bei Grand Hotel van Cleef erschienen und kann z.B. gekauft werden.
Foto: Andreas Hornoff


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