Die Dubstep-Hippie-Violin-Elfe – Lindsey Stirling – Album-Kritik

Beschreibung

Unter den meistgesehenen YouTube-Videos des letzten Jahres war auch eins, das völlig ohne große Werbe-Maschine oder millionenschweren Plattendeal auskam: Eine elfenähnliche Geigerin spielte und tanzte irre lächelnd zu einer Art Dubstep vor einer Eiskulisse – und 42 Millionen Menschen sahen zu. Auch ihre Umsetzungen von Zelda- und Skyrim-Melodien in Verkleidung erreichten über 10 Millionen Aufrufe. Jetzt ist Lindsey Stirlings Debüt-Album in Deutschland erschienen, und wir haben mal reingehört.

Das Video von “Crystallize” katapultierte Lindsey Stirling ins Rampenlicht, sorgte für ausverkaufte Tourneen und weltweite Deals. Die Geschichte der amerikanischen Dubstep-Geigerin fängt aber natürlich noch viel früher an. Und das findet man unter den Danksagungen im Album. Dort listet die Violinistin neben Familie und Freunden auch eine Person auf, die “mich erniedrigt hat und mich zum Nachdenken gebracht hat, ob ich jemals wieder den Mut habe, eine Bühne zu betreten”. Es geht um Piers Morgan (nie vorher gehört, britischer Boulevard-Journalist), der als Juror bei der Talentshow “America’s Got Talent” 2010 gesagt hatte, sie sei einfach nicht gut genug. Und ihr sagte, sie soll es einfach bleiben lassen.

Die Aufmerksamkeit für die “Hip Hop Violinistin” war nach dem Viertelfinale vorbei, ein Pseudo-Musikexperte hatte einfach mal so bestimmt, was gut ist und was nicht. Und ließ die damals 24-Jährige natürlich an sich selbst zweifeln. Das Gute: Castingshows sind nicht der einzige Weg in die Öffentlichkeit, und vielleicht neigt sich deren Zeitalter auch mal dem Ende zu.

Denn kurz nach dem Aus bei der Fernsehshow meldete sich Filmemacher und YouTuber Devin Graham bei der Künstlerin. Schon das erste Video zu “Spontaneous Me” startete Mitte 2011 gut durch, alle Stirling-Videos seitdem wurden von Devin Super Tramp produziert und machten auf YouTube die Millionen-Runde.

Das selbstbetitelte Debüt-Album erschien in den USA schon Ende 2012 und ist nun am 8.2. auch in Deutschland herausgekommen. Darauf finden sich 12 Tracks, darunter auch “Spontaneous Me” und “Crystallize”, außerdem die sinnstiftenden “Song of the Caged Bird” und “Transcendence”.

Lindsey Stirlings Geigenstil ist anders als bei Klassik-Poppern wie David Garrett neben der klassischen Schule vor allem durch Folk geschult, leere Saiten und ein Hineinrutschen in die Töne sind ein Stilmittel, das sich gut mit den Beats zusammenfügt – und wenig aufgesetzt wirkt. Die Bandbreite der Tracks geht tatsächlich von Dubstep über Hip Hop, Dance und experimentelleren Klängen und lässt der Geige die Hauptrolle – nur manchmal wünscht man sich etwas mehr eigene Identität statt nur Hintergrund. Andererseits klingt die Violine trotz der Hauptrolle streckenweise fast wie per Pickup aufgenommen, dank der glattbügelnden Echo- und Kompressions-Einheiten – da hätte der “echte” Raumklang vielleicht besser getan.

Zu “Moon Trance” gibt es ein Thriller-mäßiges Zombie-Video, am Anfang wird Griegs “Peer Gynt” beliehen, was dann aber in einen fiebrigen House-Beat übergeht:

Und längst ist Lindsey Sitrling eine Marke geworden. Ihre Cover-Versionen von Rihannas “We Found Love”, dem “Game of Thrones”-Theme oder “Assassin’s Creed” sind natürlich daraufhin produziert, ein großes Publikum zu erreichen. Aber das ist auch gar nicht schlimm – wenn die Botschaft ist: du brauchst keine Castingshows und keine Männer, die dir erlauben, ob du deine Musik machen darfst, sondern mach einfach deinen Style. Und als Bezugspunkt für junge Geigerinnen und Geiger sowieso. Die Dubstep-Violinistin spricht bei den ausgesprochen tanzwütigen Konzerten ein Publikum von Klassik-Kids über Raver zu Gothic-Fans und Metallern oder auch Leute an, die sich nicht in eine einzelne Szene einordnen lassen – genau wie sie selbst.


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