Maximo Park im GIGA-Interview: "Mir muss niemand sagen, dass Thatcher die Kids gefickt hat"

Peer Göbel
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Write this down: Maximo Park sind mit ihren wirbelnden Gitarrensongs zurück und haben nichts weniger als eins der besten Alben des Jahres aufgenommen. Im GIGA-Interview zeigen sich die Nordengländer mit ihrem singenden Akzent als nachdenkliche und sympathische Kumpane. Wir sprachen über die London Riots, das Politische in der Musik und darüber, warum wir das neue Album “The National Health” fast nicht erlebt hätten.

Maximo Park im GIGA-Interview: "Mir muss niemand sagen, dass Thatcher die Kids gefickt hat"

Kurzer Rückblick: Maximo Park erschienen 2005 mit einem Paukenschlag auf der Bildfläche. Mit den Singles “Apply Some Pressure” und “The Coast is Always Changing” von ihrem Debüt-Album setzte sich das Quartett aus Newcastle an die Spitze der ausrollenden Indie-Gitarrenband-Welle. “A Certain Trigger” war definitiv eine der Wegmarken der 00er Jahre, auch, weil Paul Smith mit seinen Worten den Nerv vieler Menschen traf.

Auf den folgenden Alben “Our Earthly Pleasures” (2007) und “Quicken The Heart” (2009) schrieben sie ihren Stil weiter, ohne allerdings die Frische des Debüts zu erreichen. Und nun kommt, nach drei Jahren Pause, “The National Health”. Erste Festival-Auftritte u.a. bei Rock am Ring liegen hinter ihnen, die Club-Tour startet im Herbst.

Mit den Solo-Aktivitäten von Bühnen-Wirbler Paul Smith schien zunächst gar nicht sicher, ob es überhaupt mit Maximo Park weitergehen würde. Aber das Warten hat sich gelohnt: zeigt eine größere Ausgeruhtheit, ein offenes Visier, aber auch eine Bandbreite, die vorher noch nicht zu finden war. Wir trafen Sänger Paul Smith, den Mann mit dem Hut, und Gitarrist Duncan Lloyd im Whisky-Zimmer des Berliner Michelberger-Hotels.

Maximo Park im Interview: “Wenn du versuchst, jemand zu sein, der du nicht bist, werden die Leute dich durchschauen.”

Drei Jahre liegt das letzte Maximo-Park-Album zurück – zwischendurch klang es so, als sei nicht sicher, ob überhaupt noch einmal ein neues erscheint?

Paul: Bevor man ein neues Album macht, sollte man sich immer überlegen – sollen wir es machen oder nicht? Was genau ist Maximo Park? Aber als die ersten Songs da waren, gab es kein Zurück mehr. Wir sind eine der Bands, die mit Überzeugung an Musik herangeht. Ich mag Musik. Ich wollte nie ein Rockstar sein, ich wollte nicht berühmt sein, sondern ich wollte wirklich gute Musik machen, die ich selbst gerne hören würde.

Duncan: Wir wollten es nur machen, wenn wir alle hinter den Songs stehen. Aber selbst wenn wir eines Tages aufhören sollten, Songs zu schreiben, würden wir trotzdem weiter Musik machen und vielleicht auch Auftritte zusammen spielen, weil das nicht bedeuten würde, dass wir keine Freunde mehr sind. Aber an dem Punkt sind wir noch nicht.

Hat sich seit den Anfängen eure Perspektive verändert, weil Musik jetzt auch euer Job ist?

Paul: Als die Songs für dieses Album anfingen zu fließen, war es wie: Wow, we're back! We can still do it! Es gibt Momente des Selbstzweifels in jedem kreativen Prozess. Wir wussten, es wird nicht immer leicht sein, aber gleichzeitig ist es großartig, dass wir immer noch die Chance haben, Alben aufzunehmen. Natürlich will ich den kommerziellen Erfolg erhalten, ich will, dass Leute die Musik hören und mögen, zu unseren Konzerten kommen. Aber wenn das nicht passiert, bedeutet das nicht das Ende der Welt. So funktioniert die Musikindustrie eben – es wird eine kommerzielle Entwicklung erwartet, oder zumindest das Sichern des Erreichten. Aber wenn man anfängt, in solchen Kategorien zu denken, war's das für mich – dann hört man nicht mehr auf die Musik. In unserem Kopf haben wir immer Pop-Alben gemacht, wir spielen ja keine verrückte Avantgarde-Musik. Wenn es Leuten bisher gefallen hat, gibt es eine gute Chance, dass sie es auch weiterhin mögen, wenn wir unserem eigenen Pfad folgen.

Ihr sucht also nicht zwingend nach Innovation?

Paul: Viele Leute versuchen das und scheitern. Das heißt nicht, dass sie schlechte Musik machen. Aber was als total neu angepriesen wird, ist oft schon bekannt. Musik ist so zyklisch, dass vergessene Dinge plötzlich wieder fashionable werden, unter einem anderen Namen. Wir haben so viele unterschiedliche Einflüsse in der Band, aber ich kann nur singen wie ich eben singe.

Duncan: In unserer Auszeit haben wir den Soundtrack zu einem Stummfilm geschreiben. Das war wirklich gut für uns, ein zweistündiges Werk zu produzieren. Als wir dann zu den 3-minütigen Songs zurückkamen, fühlte sich das sehr frisch an. Und wir konnten die Songs ein wenig mehr von der Perspektive außerhalb der Band anhören.


Maximo Park — Write This Down – MyVideo

Ist es wichtig für eine Band, in den Zeitgeist zu passen?

Duncan: Wir fühlen uns nur wohl, wenn wir die Musik machen, die wir mögen. Wir können nur sein, wer wir sind. Die Leute würden es auch bemerken, wenn man versucht, nur einer Mode nachzulaufen. Und das ergäbe auch für uns keinen Sinn.

Paul: Als Hörer ist es mir ziemlich egal, wie eine Platte klingt, sondern nur, ob sie gut ist oder nicht. Seien es ein paar Typen mit Gitarren oder die neue Grimes-CD, eine Art Gothic-Pop. Hauptsache, es begeistert mich. Wenn du versuchst, jemand zu sein, der du nicht bist, werden die Leute dich durchschauen. Auch wenn unser Album von Song zu Song Sprünge aufweist, sind es doch wiedererkennbar wir.

Gegenüber dem NME habt ihr gesagt, das neue Album handelt auch davon, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Wie war das gemeint?

Paul: Es geht um eine generelle Sache, wie im letzten Lied der Platte: „You and I will overthrow / these waves of fear these tides of war / You and I will overcome / these apathetics we've become.“ Es ist leicht, apathisch herumzusitzen, es ist schwerer, die Kontrolle über das eigene Leben zu übernehmen. Man fühlt sich hilflos, wenn man auf die größeren Probleme der Welt schaut, aber alles beginnt beim Individuum. Wenn du fühlst, dass du die Macht hast, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen, hat das schon eine Auswirkung. Wenn ich Musik höre, inspiriert mich das auf viele Arten. Mich inspiriert das, Musik zu schreiben, mich selbst auszudrücken, es kann Zeichnen sein, oder einfach ein gutes Essen zu machen. Das bezieht sich auch auf ökonomische Probleme: Wie können wir uns relevant in dieser Welt fühlen, wo alles außerhalb unserer Kontrolle scheint?

Könnte man auch sagen, dass die Leute bei den englischen Riots im vergangenen Jahr ein Stück weit ihr Leben selbst in die Hand genommen haben?

Paul: Es zeigt auf jeden Fall, dass Leute etwas auswirken können – gegenüber der Regierung oder gegenüber der Community um sie herum. Aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus nahmen die Beteiligten sich quasi die Straße zurück („reclaiming the streets for themselves“), nur leider nicht auf eine positive Art und Weise. Manchmal braucht man Zerstörung und Revolution, um etwas Neues zu schaffen: Wenn man sich Ägypten ansieht – was für eine großartige Kraft für Veränderung! Auch dort übernahm die Bevölkerung die Kontrolle und nutzte Social Media, um sich zu organisieren.

Wo seht ihr die Ursachen für die Riots in England?

Paul: Für mich ist das eine komplexe Situation. Es gibt viel Gewalt auf der Welt, wir alle wachsen damit auf, schon als Kinder in der Schule. Als die London Riots starteten, hatte ich schon einige der Lyrics geschrieben, und ich dachte – Moment mal, das ist genau das, was passiert. Menschen fallen zurück in einen animalischen Status – „Here come the animals“, wie es in „Banlieu“ heißt. Das ist, was passiert, wenn Leute aufhören, sich zu kümmern. Wenn es den Leuten egal ist. Warum ist ihnen alles egal? Natürlich ist auch das ein komplexes Thema, aber ich würde Bildung als Stichwort geben. Warum gibt es eine so große Unterschicht in UK, warum werden Leute abgelehnt, warum wurden Immigranten so entfremdet von einem Land, das sie hätte integrieren sollen? Hat die Regierung die Leute vergessen, die sie nicht so richtig betreffen? Ich würde wahrscheinlich sagen ja, aber unsere Songs sagen das nicht. Weil es nicht an einem Song ist, das zu sagen. Es ist an den Leuten, sich eine Meinung zu bilden.

Was sollen deine Songs stattdessen sagen?

Paul: Songs sind dafür da, Fragen zu stellen und darüber zu berichten, was vorgeht, die Welt zu beschreiben und Gefühle in die Worte zu legen. Die Musik hat die Macht, etwas aufzubrechen, wenn sie nicht ignoriert, was in der Welt vorgeht. „Hips and Lips“ handelt von zwei Menschen, aber es könnte von allem möglichen handeln. Songs sind dafür da, Persönliches auszudrücken und so auf den Rest der Welt zu verweisen. Denn es gibt viele Dinge, die wir gemeinsam haben, England ist nicht allein, es ist überall, es ist Teil dieser globalen Rezession, wir sind alle Menschen, wir haben ähnliche Gefühle – es kommt nur darauf an, was wir mit ihnen tun.

Ich musste an andere britische Künstler denken, die zuletzt auch politische Themen behandelt haben, wie Frank Turner oder PJ Harvey...

Duncan: Es geht uns nicht darum zu sagen: Du solltest so denken, denn das ist die richtige Art zu denken. Sondern: Dies sind Reaktionen und Beobachtungen von den Problemen, die uns umgeben. PJ Harvey ist ein gutes Beispiel, denn ihr Album „Let England Shake“ kann man auf viele verschiedene Arten hören – politisch, historisch, auf England bezogen, aber auch als Poesie und über ihre persönliche Reise. Es sagt dir nicht, was du zu tun hast. Du kannst die Wut in einigen Liedern fühlen, andere Songs tragen eine Zärtlichkeit und eine Emotionalität in sich – das ist, was Menschen jeden Tag fühlen. Der Hörer wird von dem Album, wie von jeder anderen Platte, das herauslesen, was er davon will, es wird seine eigene, persönliche Erfahrung sein. Tom, unser Drummer, fand das Album sehr schwer zu hören. Ich wusste einfach nicht, was er damit meinte…

Von Frank Turner gibt es diesen Song namens “Thatcher Fucked the Kids”, in dem eine Linie von der neoliberalen Politik der 80er zur Chancenlosigkeit der Jugend von heute gezogen wird.

Paul: Ich kenne das Lied nicht, aber ich kann mir denken, wovon es handelt. Für mich ist die Schlüsselfrage bei politischen Songs: Wie kann man etwas so simplifizieren, was so komplex ist? Das PJ-Harvey-Album ist so erfolgreich, weil es Komplexität mit Komplexität beantwortet, mit Subtilität. Und ich mag es zu denken, dass unser Album, auch wenn es einige wenig subtile Momente hat, was unserem Naturell entspricht, trotzdem keine einfachen Antworten enthält. Politik ist dafür da, Probleme zu lösen, einen besseren Ort zum Leben zu schaffen. Ich brauche niemanden, der mir erzählt, dass Thatcher die Kids gefickt hat, das weiß ich schon. It’s 2012! Genauso muss mir niemand erzählen, die Tories seien schlecht – ich habe lange genug unter ihnen gelebt. Und Labour war auch nicht viel besser, aber zumindest sind ihnen einige Dinge wichtig, die auch mir wichtig sind. Es ist sehr schwer, einen guten Song zu schreiben, der politische Aspekte behandelt. Aber es macht mir nichts aus, das zu versuchen, oder auch dabei zu scheitern. Ich glaube, es ist wirklich wichtig, keine Urteile zu fällen. Die schlimmste Art von Musik ist urteilend. Wir sind alle Menschen, Menschen machen Fehler, einige Leute haben Ansichten, die man abstoßend findet. Wir müssen versuchen zu verstehen, warum sie diese Ansichten haben, was dahinter steht.

Das klingt für mich, als ob ihr den Hörern schon etwas mitgeben wollt mit eurer Musik.

Paul: Der Hörer bringt sich immer aktiv in den Song ein. Ich möchte den Leuten auch nicht vorschreiben, wie sie auf unsere Lieder reagieren sollen. Aber es gibt genug Hinweise in den Songs, wie wir fühlen.

Sucht ihr das auch, wenn ihr Musik hört? Und hat sich das für euch im Laufe der Jahre verändert?

Paul: Definitiv analysiert man Musik ein bisschen mehr, wenn man auch professionell damit zu tun hat. Aber wenn ich meine Lieblingsplatten auflege, gehe ich immer noch darin verloren.

Duncan: Man kann es immer noch genießen, und ich glaube nicht, dass sich das jemals ändert.

Paul: Bei den besten Liedern denkt man nicht daran, wie sie gemacht sind. Sie durchdringen die rationale Seite des Gehirns. Mit unserem neuen Album will ich Menschen mit den Melodien bewegen, mit dem Sound, mit den Texten, ich will, dass sie sich zu dieser Platte verlieben, dass sie sie auflegen, bevor sie ausgehen, dass sie die Musik auf die Straße mitnehmen. Und ich wünsche mir, dass sie dadurch über ihr Leben nachdenken, so wie ich das tue, wenn ich Platten von anderen höre. Wovon handelt mein Leben, warum bin ich hier? Ich habe keine Ahnung, aber du musst diese Fragen immer wieder stellen. Es bedeutet, dass du noch am Leben bist.

“The National Health” ist am 8.6. erschienen und kann z.B. werden. Wer vorher reinhören will, findet hier den Album-Stream, wer weiterhören will, findet hier den Solo-Song “North Atlantic Drift” von Paul Smith gratis zum Download.

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