PEER-Tourtagebuch Teil 2 - Garagenrock und Banküberfall

Peer Göbel
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Es scheint kaum vorstellbar, doch auch GIGA-Redakteure haben ein Leben außerhalb der Redaktion. Unser Musikfachmann Peer Göbel ist zum Beispiel Sänger und Gitarrist in einer Band. So richtig mit Instrumenten und so. Deshalb ist er nun mit PEER eine Woche auf Tour. Aber weil GIGA immer geht (und wir total neidisch sind), haben wir ihn gebeten, ein Tourtagebuch für uns zu schreiben.
Teil 1 mit Band-Vorstellung und ersten Worten findet Ihr hier, unten folgt, was danach passierte.

PEER-Tourtagebuch Teil 2 - Garagenrock und Banküberfall


Samstag 5.11. Dresden, Katys Garage

Jetzt geht’s lo-os! Der erste Tourtag verspricht eine annehmbare Fahrstrecke bis Dresden, von Berlin vielleicht zwei Stunden, sagt Google Maps. Die Realtität liegt meist bei einer Stunde länger. Zum Treffen am Proberaum (“Pünktlich halb zwei sollte reichen, aber wirklich pünktlich…”) sind alle wie üblich zwanzig Minuten zu spät. Marv fährt einen Bulli namens “Bulli” vor, den roten Blitz, den wir von der Church of Rock’n’Roll zu einem unschlagbaren Preis mieten konnten. Der erste Tetris-Versuch mit den Amps, Schlagzeugteilen und Gitarren-Armada läuft schon gut, der rote Schlagzeugteppich landet zum Schluss noch im Fußraum, vermutlich werden wir in den nächsten Tagen noch das optimale System entwickeln. Unser Booker Fränki kommt aus dem Bett gekrochen und übergibt uns wortreich noch ein Bündel mit 200 Plakaten, das wir in Dresden im Club nebenan abgeben sollen. Also los auf die Straße!


Zwischenstopp an der Raste. Das gehört ja mit zum Besten des Tourlebens. Denn Autobahnraststätten sind Sehnsuchtsorte. Sie riechen nach Benzin, Kantine, Müll, manchmal nach Pisse und immer nach Freiheit. Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos klingt wie das Rauschen eines weiten Meers, im Schatten der Tanklastzüge fühlt man sich geborgen, der Himmel ist die einzige Grenze, der überteuerte Automatenkaffee schmeckt wie das Versprechen einer besseren Welt. Eine Sauerei ist aber, dass die Sanifair-Toiletten von 50 auf 70 Cent erhöht wurden, man aber nur 50 Cent davon als Gutschein bekommt.

Ages like Jagger


Bewaffnet mit der Heytell-iPhone-App, dem Walkie-Talkie im Smartphone-Format (“Roger, over and out”), strömen wir über die Raststätte aus. Marv beömmelt sich im übrigen tierisch über den alten Hut Aging-App, die sofort den Beinamen “Rolling-Stones-App” bekommt. Ages like Jagger.

Als wir vor Katys Garage ankommen, empfängt uns ein Plakat mit Micky Maus im DDR-Ährenkranz, darunter: “PEER + SOFIA!”. Gefällt uns. Wir zahlen schon mal in die Tour-Karma-Bilanz ein, indem wir eine Stunde zu früh da sind. Das wird uns nicht nochmal passieren.


Schöner Laden, in 50s-Diner-Design, Autobildern und einer Autotür an der Wand, die Bühne wie ein Wohnzimmer gestaltet. Nach dem Mischer Rany, der mit seiner Band in diesem Jahr beim Rock am Ring gespielt hat, trifft auch das Sofia!-Trio ein. Der Konzertraum fasst vielleicht 50 Leute, wir nehmen also nur Gesänge und Bass-Drum ab, und das Keyboard läuft natürlich über die Anlage, der ansonsten spielen wir Backline, also wie im Proberaum. Beim Soundcheck steigern wir uns vom Chor-Part von “Unter Strom” in den “Banküberfall”-Refrain rein und bekommen spontanen Szenenapplaus von Sofia!. Vor dem Auftritt schlendern wir noch durch die Ausgehmeile vom Elbflorenz, bei Eva’s Pizza (nur echt mit Apostroph) gibt es so fantastische Kreationen wie die Pizza Red hot Chili Peppers, die Terence Hill (mit weißen Bohnen), Captain Schmeck Sparrow, Spargel- und Feigen-Variationen. Und alles für läppische 4 Euro.


Wir sind heute quasi Vorprogramm zur wöchentlichen Neustadt-Disco, auf dem Monatsflyer groß drauf. Und tatsächlich: Nach anfänglicher Flaute füllt sich während Sofia! der Saal, die ein durchaus chartstaugliches NDW-meets-Silbermond-Set spielen, bis bei unserem Auftritt die 30-Personen-Horde vor der Bühne endgültig ins Tanzen gerät – und den kleinen Raum mit seiner zwanzig Zentimeter hohen Bühne in eine Sauna verwandelt. Das befeuert wiederum auch uns, “Schutzraum” wird fachgemäß zerlegt, “Unter Strom” bringt uns selbst zum Tanzen, nach dem Konzert klebt mein Hemd am Körper, Daniel meint sogar, es sei der “Beste Gig ever” von uns gewesen. Obwohl wir schon lange überzogen haben, lässt uns Rany noch zu einer Zugabe auf die Bühne. Wir tanzen so gut wir können.


Außerhalb des Konzertraums hat sich inzwischen die Tanzfläche und auch der Barbereich brechend voll gefüllt, daher verbringen wir den Abend in geselliger Runde draußen, quasi im Biergarten der Katys Garage, 12 Grad im Schatten, indem wir die Getränkegutscheine für Cocktails verbraten. Bis auf mich, den Fahrer.

Gegen zwei dann in Richtung Übernachtung: Wir kommen bei Freunden von Marv unter, die in einer Art Villa wohnen. Ohne solche grundlose Freundlichkeit wäre diese Tour unmöglich.

Sonntag 6.11. München, die Bank

Bä-Bä-Bä-Bää-Bää, Bänküberfäll! In München erwartet uns ein Laden namens “Die Bank”. Daher morgens nur noch schnell ein fantastisches Frühstück bei unseren Gastgebern genossen (Rührei, Schokoladen-Kaffee-Creme, warme Croissants, Vanille-Joghurt…), das uns das Gefühl gibt, dass es ab hier eigentlich nur schlechter werden kann.

Fast wären wir wieder in die Falle getappt und hätten an der ersten Raststätte in Bayern, Frankenwald, angehalten. Die Erfahrung sagt: Wer mit einem VW-Bus oder auch einem mit jungen Leuten vollgeladenen PKW die A9 Richtung München fährt und dort anhält, trifft mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf die Zivilpolizisten der Drogenkontrolle. Diese bekommen offenbar in den Lehrgängen beigebracht, bevorzugt auf Rock-Bands zu achten. Statt Unschuldsvermutung also Schuldsvermutung, das macht keinen Spaß. Auf einer Tour mit den Locas in Love bin ich an einem Tag drei Mal von der bayrischen Polizei angehalten worden.


Heute aber nicht, Daniel macht auf der Fahrt sein persönliches Unboxing der “Smile Sessions” der Beach Boys, ihr wisst schon, das quasi verschollene Album von 1967, das erst letzte Woche nach über 40 Jahren erschienen ist. Die Spuren kursierten im Internet, und Daniel hatte vor ein paar Jahren mehrere Monate damit zugebracht, sich sein eigenes “Smile”-Album zusammenzumischen, wie es sich Brian Wilson vielleicht gedacht hatte. Nun hören wir im Auto fünf verschiedene Versionen von “Heroes and Villains” und denken uns, dass dieses Album wirklich gut ist. Wir trudeln nur eine halbe Stunde zu spät im Glockenbachviertel bei der “Bank” ein.

Beim Einpacken im Proberaum hatte ich Daniel noch belehrt, dass wir keine Mikros und Mikroständer mitnehmen müssen, das hätte doch jeder Club. Dann kommen wir in München an, und es gibt tatsächlich nur ein Mischpult mit drei Mikroeingängen, das die Bar-Anlage (und keine PA) befeuert. Und sonst nichts. Die Bank ist Cocktail-Bar und Ort für House-Musik, wirkt aber auch ein wenig wie ein Kulturprojekt, mit Kickern und einer Bücherecke im ersten Stock. Nur sonntags gibt es hier Konzerte und dementsprechend provisorisch ist dann auch der Aufbau. Ebenerdig vor einer der großen Schaufensterscheiben. Der Organisator Yaniv ist unheimlich nett und eigentlich House-DJ, wir ahnen aber, dass das kein optimaler Deal ist, den uns Fränki hier eingefädelt hat. Eintritt frei, gegen Spende in den Hut, unsere Plakate sind offenbar nicht angekommen, an einem Sonntag, um 22 Uhr muss Schluss sein, wegen der Nachbarn, und wir spielen in einem Laden, der weder für Livemusik noch für eine uns irgendwie ähnliche Musikrichtung bekannt ist. Nun gut.

Nach einem herzlichen Hallo mit den Freizeit 98-Jungs, mit denen wir heute zusammenspielen, haben die auch schon eine Lösung, düsen nochmal los für Mikroständer, Phil und Thommi singen dann eben über ein Bassdrum-Mikro, Keyboards und Synthies werden über weitere Gitarrenverstärker gespielt – geht doch alles. Um acht trudelt das Publikum ein, wir bekommen sogar Butterbrezen mitgebracht (lecker!) und ich treffe einen ganz alten Freund wieder – was auch zu den schönen Seiten von Touren gehört.


Viertel nach acht legen Freizeit 98 mit ihrem Elektro-Trash-Beat-Pop los, mit perfekt abgestimmter Videoprojektion im Hintergrund, sehr beschwingt und retten uns damit schon mal den Abend. Schade, dass sich nur 20, 25 Leute an der Bar und in den Sofas verteilen. Und gegen kurz nach neun gehen wir auf die imaginäre Bühne – und irgendwie macht dann plötzlich alles riesig Spaß, auch wenn der Gesang eher schwer zu hören ist. Die Band rollt wie eine Maschine, da ist dann auch egal, ob da 10 oder 1000 stehen, und sogar beim Kanon von “900 Umdrehungen” singen die tapferen Zwanzig mit wie ein ganzes Fußballstadion, als Zugabe erlauben wir uns ein “Don’t Rempel Me On”, was wir seit Jahren schon nicht mehr live gespielt haben. Ein ziemlicher Gegensatz zum schwitzig-vertanzten Vorabend, aber doch unter diesen Vorzeichen ein überraschendes Vergnügen, wir verkaufen noch drei Alben und im Hut finden sich fast 65 Euro – was natürlich nicht mal fürs Benzin reicht, aber immerhin.

Wir stehen noch einige Zeit vor der Bank herum, bekommen weiter Tegernseer ausgeschenkt und schließlich noch eine Runde “Apfelstrudel”, eine Wodka-Apfel-Zimt-Mischung, die wirklich nach Apfelstrudel schmeckt. Was tut man nicht alles für dieses Glücksgefühl danach. Zum Beispiel 500 Kilometer fahren, zwei Stunden aufbauen und checken, und zum Schluss nochmal eine Stunde abräumen, auf Fußböden schlafen. Heute kommen wir in der ehemaligen WG von Malte unter, einer Art Hexenhäuschen hinter einer Tankstelle. Wir schmeißen Marv noch am Hauptbahnhof raus, der den Nachtzug nach Berlin nimmt, um zwei Tage zu arbeiten (und dann in Nürnberg am Abend wieder zu uns zu stoßen), holen an der Tanke noch ein Getränk und reden die Nacht im Wohnzimmer davon – ich glaube, es ging um Musik. Der Dank für den Abend gebührt Freizeit 98, kaum fassbar, wie uneitel, praktisch und freundlich Musiker sein können.

Was uns am Day off in München und in Nürnberg zustieß, erfahrt Ihr in Kürze. Dann auch mehr Video-Material. Stay tuned.

“Wir sind undercover”-Tour 2011

05.11.11 Dresden – Katys Garage +sofia!
06.11.11 München – Die Bank +Freizeit98
08.11.11 Nürnberg – Klüpfel +Die Gilde des guten Geschmacks
09.11.11 Köln – Stereo Wonderland +wilukas
10.11.11 Alfeld – Tonart
11.11.11 Kassel – Karoshi
12.11.11 Hamburg – Molotow Bar

GIGA verlost bei jedem Auftritt zwei Gästelistenplätze – schreibt uns einfach eine E-Mail mit Eurer Stadt drin – dann verlosen wir und geben Euch bescheid.

Teil 1 mit Band-Vorstellung und ersten Worten findet Ihr hier.

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