PEER-Tourtagebuch Teil 4 - Auf der Reeperbahn nachts um halb eins

Peer Göbel

Es scheint kaum vorstellbar, doch auch GIGA-Redakteure haben ein Leben außerhalb der Redaktion. Unser Musikfachmann Peer Göbel ist zum Beispiel Sänger und Gitarrist in einer Band. So richtig mit Instrumenten und so. Deshalb war er nun mit PEER eine Woche auf Tour. Aber weil GIGA immer geht (und wir total neidisch sind), haben wir ihn gebeten, ein Tourtagebuch für uns zu schreiben.
Hier folgt der letzte Tourabschnitt, von Kuschelrock-City Alfeld über Kassel bis zur Reeperbahn nachts um halb eins.

PEER-Tourtagebuch Teil 4 - Auf der Reeperbahn nachts um halb eins

10.11., Alfeld, Tonart

In der gemütlichen Alfelder Bahnhofskneipe Tonart werden wir freundlich empfangen und betreut, der Besitzer Daniel Brandenburger warnt uns schon mal vor, dass wir im schlimmsten Fall vor null Personen spielen werden. Ganz so schlimm kommt es dann doch nicht, und einzelnen Leuten scheint es wirklich gut zu gefallen…

Äh. Danke, Alfeld!

Wir erfahren bei Riesenportionen Spaghetti noch einiges über den uns vorher unbekannten Ort: In Alfeld wurde der erste Zigarettenfilter massenweise hergestellt, nämlich aus Kork; dieselbe Firma macht heute luftdichte Folienverschlüsse – wer etwa Nutella-Gläser mit einem Knacken öffnet, hört den Klang von Alfeld; und hier steht das erste Haus mit Glasfassade, die Fargus-Werke, 1911 von Gropius als Auftragsarbeit entworfen. Nachts fahren wir noch nach Kassel, ist nur anderthalb Stunden, und kommen in Carens WG unter. Um eins im Bett, so früh wie noch nie auf dieser Tour.

11.11.11, Kassel, Karoshi


Nach einem luxuriösen Frühstück zieht es uns ins Bali-Kino am Kasseler Hauptbahnhof. Im Rahmen des Dok-Film-Festivals finden wir uns mit zwanzig kichernden Jugendlichen in der 1000-Robota-Doku wieder. Durch die großen und kleinen Geschichten wird das Jungspund-Trio mit dem Sänger-Großmaul dann doch fast sympathisch, auch weil wir einige Orte und Situationen wiedererkennen. In der anschließenden Diskussion zweifelt einer der anwesenden Abiturienten an, dass es diese Band überhaupt gibt, weil er noch nie von ihr gehört hat. Dann streifen wir noch durch die hübsch hässliche Innenstadt, sehen uns einige Installationen im Fredericianum an. Uns gefällt vor allem eine Filmschleife von mehreren Minuten, die zwei Zugabteile aus der Seitenansicht zeigt, durch die sich Doubles von Amy Winehouse, Michael Jackson, Lara Croft, Johnny Depp, Tokyo Hotel, etc. und auch zwei Polizisten drängeln.


Heute macht Daniel aka. The Grand Coulee die bandeigene Vorband. Das Karoshi in seinem geräumigen Kellergeschoss beherbergt schließlich rund 40 Leute, die auch schon bei Daniels Hit-Set euphorisiert zuhören. In der Mitte des Vorprogramms taucht ein Punk auf, der direkt vor der Bühne glücklich grinsend zu tanzen anfängt – auch wenn Gitarre und Gesang einen eher ruhigen Hintergrund dazu abgeben. Auch bei unserem Konzert weicht er kaum vom Bühnenrand und reißt auch die hinteren Reihen mit, sich zu bewegen. Um Mitternacht unterbrechen wir kurz das Set, um zum Geburtstag des Mischers ein Happy Birthday anzustimmen, bringen noch “Mütze” unter, um das Tanz-Momentum zu befeuern, und werden erst nach zahlreichen Zugaben von der Bühne gelassen.

Unser heutiger Gastgeber Thomas nimmt uns noch zu einem Absacker mit in die legendäre Kneipe “Mutter”, die direkt unter seiner 6er-WG liegt. Hier geht es hoch her, in Etappen verabschieden wir uns und wanken nach Hause. Einer der schönsten Abende der Tour.

12.11. Hamburg, Molotow (Bar)

Das Molotow und seine legendäre Bar, früher Meanie-Bar genannt, liegen direkt an der Reeperbahn – wir fühlen uns wie die Beatles. Die Bühne ist hinter dem Schaufenster, so lugen schon während des Soundchecks diverse Vorbeischlendernde, Angetrunkene und zwielichtige Gestalten durch den roten Vorhang.

Zum Tourabschluss bekommen wir nochmal das, was eigentlich Standard auf so einer Tour sein sollte: ein Backstage-Raum, eine Bandwohnung zur Übernachtung, warmes Catering, und auch im Vorverkauf sind fast 20 Karten weggegangen. Bei großen Bands rechnet man ja eher, dass auf den Vorverkauf nur noch 10 Prozent am Abend draufkommen, auf unserem Level ist der Großteil Abendkasse – und richtig, 50 Leute kommen noch dazu und füllen die Bar bis an die Ränder. Die Bühne ist so klein, dass Phil sein Klavier am DJ-Pult aufbaut – ein perfekter Laden für uns. Im Publikum wieder einige bekannte Gesichter, aber auch unbekannte. Daniel macht auch heute Vorband und hat den Raum schon nach kurzer Zeit in der Hand, seine Geschichten von der besten Kleinstadtkneipe, dem Tag als Michael Jackson starb und der Weltreise des Hunds Oscar finden Gehör – und er verkauft heute mehr als wir. Unser Konzert wird ein würdiger Tour-Abschluss – nochmal volles Haus, wir sind eingespielt wie eine gut geölte Maschine, und sogar die kühlen Nordlichter singen ordentlich bei unserem Kanon mit, ein letztes Mal drehen wir die Regler auf die zehn und lassen den Virus Funken sprühen.


Und tatsächlich rettet uns Hamburg finanziell den Hals, so kommen wir knapp auf die Benzinkosten und die Busmiete für die Woche. Wir stürzen uns ins Gedränge der Party und feiern den rauschenden Tourabschluss. Zu später Stunde kommt dann auch die Frage auf, warum wir das hier überhaupt machen, wenn es nicht ums Geld geht, nicht um Groupies oder einen Platz in den Hitparaden, mit einem Musikstil, der nicht unbedingt Massen bewegt. Es hat auf jeden Fall etwas mit Musik zu tun, mit dem Spaß daran, mit der Konzertsituation, dem Weitergeben von Ideen, Verständnis und Inspiration, aber auch mit dem Abenteuer, etwas zu erleben, woran man sich erinnert, was man selbst macht, der Alltags-Maschine ein Schnippchen zu schlagen. Und es hat zu tun mit den Leuten, die man auf solchen Touren kennen-, schätzen und wiedersehen lernt.


Wir sagen danke, an all die Menschen, bei denen wir übernachten durften, die uns zum Frühstück eingeladen haben, die uns mit Getränken und Sound versorgt haben, die uns veranstaltet haben und zuhause haben fühlen lassen, die ihr Geld in den Hut geworfen haben, die wir kennengelernt haben, die mit uns angestoßen haben, ohne die es nicht dasselbe gewesen wäre. Wir sehen uns da draußen. In zwei Wochen Erfurt.

This is it. Zum Nachlesen hier auch noch Teil 1, Teil 2 und Teil 3 des PEER-Tourtagebuchs bei GIGA, mehr auch auf Facebook und auf der Band-Homepage.

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