Anonymous legt sich mit Drogenkartell an - Es war einmal in Mexiko

Tobias Heidemann
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Man muss schon genau hinsehen, um die neusten Meldungen zum berühmt berüchtigten Hackerkollektiv Anonymous nicht als halbgare Räuberpistole abzutun. Die Netzaktivisten haben sich mit einem der gefährlichsten Drogenkartelle Mexikos auf einen ungleichen Kampf eingelassen. Während die "Zetas" in Mexiko als besonders brutale Mörder gelten, zieht Anonymous nur mit gehackten Informationen in den Krieg. Das klingt nach einem Wild West-Märchen – ist aber leider todernst.

Anonymous legt sich mit Drogenkartell an - Es war einmal in Mexiko

Die Geschichte beginnt Anfang Oktober im Bundesstaat Veracruz. Während einer Protestaktion wird ein Mitglied des Hackerkollektivs Anonymous entführt. Das Verbrecherkartell “Los Zetas” ist für die Entführung verantwortlich. Die Zetas sind keine dahergelaufenen Strauchdiebe, die an Straßenecken ein bisschen Haschisch verticken. Sie gelten als die technologisch am weitesten entwickelte und gewaltbereiteste paramilitärische Gruppe in Mexiko und rekrutieren sich aus ehemaligen Angehörigen einer Spezialeinheit der Streitkräfte Guatemalas. Im mexikanischen Drogenkrieg spielen sie eine zentrale Rolle.

Das konnte Anonymous allerdings nicht davon abhalten, den Zetas in einer Videobotschaft zu drohen. Der Clip ist nicht weniger als eine Kriegserklärung an eine der gefährlichsten Verbrecherorganisationen der Welt.

Im Video richtet sich Anonymous direkt an die Zetas. “Es war ein großer Fehler von euch, einen von uns zu entführen. Lasst ihn frei!” heisst es da. Dann stellt die Gruppe dem Kartell ein Ultimatum. Wird der Entführte nicht bis zum 5. November freigelassen, beginnt Anonymous mit der Demaskierung von Zetas-Mitgliedern und Kollaborateuren. Man werde die Namen von Polizisten, Politikern, Journalisten und Taxifahrern veröffentlichen, die direkt oder indirekt für die verbrecherische Organisation arbeiten, wenn das Anonymous-Mitglied nicht bis zum genannten Termin freigelassen wird.

Wie ernst es Anonymous mit diesem Ultimatum ist, wird ersichtlich, wenn man auf die Homepage des mexikanischen Juristen Gustavo Rosario surft. Rosario war bis 2008 oberster Staatsanwalt des Bundestaates Tabasco – auf seiner Webseite ist nur noch “Gustavo Rosario ist ein Zeta” zu lesen. Das Werk von Anonymous.


Die vermeintliche Enttarnung von Zetas ist gleich in mehrfacher Hinsicht höchst problematisch. Zum einen ist fraglich, ob sich Anonymous wirklich über die Tragweite dieser Aktionen bewusst ist. US-Experten des Drogenkrieges in Mexiko haben bereits klargestellt, dass jede weitere Namensnennung schwerwiegende Konsequenzen haben wird. So geht man davon aus, dass die genannten Personen sofort von den Rivalen der Zetas verfolgt und mit großer Wahrscheinlichkeit auch getötet werden – egal, ob es sich dabei nun tatsächlich um Zetas-Mitglieder handelt oder nicht. Die Anonymous-Aktion könnte also in einer weiteren Eskalation der Gewalt münden und den Bandenkrieg in Mexiko neu befeuern.

Auf der anderen Seite steht nur die namensgebende Anonymität der Hackergruppe zwischen ihren Mitgliedern und der Verfolgung durch eine mordende Verbrecherorganisation. Wie gefährlich das ist, zeigte Ende September der Fall der Bloggerin María Macías Castro. Auch sie hatte anonym für die Netzaktivisten geschrieben. Dann wurde Castro ermordet aufgefunden. Neben ihr lag ein Brief, der mit den Initialen “ZZZZ” unterschrieben war – dem Pseudonym der Zetas.

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