Jobs-Nachfolge, Teil 2: Der stille Gestalter

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AAPL-Kleinaktionäre geben sich gern dem Wunschdenken hin, dass die Ab- oder Anwesenheit von Steve Jobs keine Rolle spielt und Apple längst ein Selbstläufer ist. Schon ein Blick auf jene Personen, die immer wieder als Jobs-Nachfolger gehandelt werden, reicht allerdings, um mit Skepsis zu reagieren. Teil 2 einer kleinen Reihe über die Anwärter auf die Jobs-Nachfolge widmet sich Jonathan Ive, einem eher introvertierten Kreativen, der das Publikum scheut.

Der Sohn eines Silberschmieds und heutige Industriedesign-Senior-Vizepräsident von Apple ist zwar erst 44 Jahre alt, zählt aber schon zu den renommiertesten Vertretern seines Berufes. Dies hat er im wesentlichen der Rückkehr von Steve Jobs zu verdanken, der ihm vor dreizehn Jahren jene Entfaltungsmöglichkeiten gab, denen sonst kaum ein Designer begegnen dürfte – erst recht nicht im Bereich der Informationstechnologie. Der stille Mann aus Essex gilt mittlerweile gar als Apples „Vater der Erfindung“, so wie ihn der britische „The Observer“ 2003 nannte.

Ives Karriere ist kurz und schnell, er studiert bis 1989 an der Newcastle Polytechnic Art School (heute Northumbria University) Industriedesign, arbeitet für die Londoner Designfirma Tangerine, siedelt in die USA über und landet schließlich bei Apple. Zuvor verzweifelte Ive wiederholt an der Skepsis der Hersteller seinen Entwürfen gegenüber, nicht so in Cupertino. Seine Prototypen treffen beim gerade Apple-umkrempelnden iCEO Jobs auf fruchtbaren Boden und bedeuten den Beginn einer wunderbaren neuen Ära für das Unternehmen, bei dem Jobs den Ton angibt und Ive virtuos musiziert – für über 100.000 Euro monatlich.

Über „Joni“ Ives tägliche Arbeit bei Apple oder sein Privatleben ist kaum Genaueres zu erfahren, und wenn, dann stammt dies selten von ihm. In einem BusinessWeek-Beitrag mit dem Titel „Who is Jonathan Ive?“ (Wer ist Jonathan Ive?), erfährt man neben einer Menge weitschweifender Formulierungen auch nur wenig mehr, als bereits aus verschiedenen Quellen bekannt ist: Laut Clive Gringer, Ives erstem Geschäftspartner, lebt der Designer mit seiner Frau Heather, einer Historikerin, die er seit Kindheitstagen kennt, und den aus der Ehe hervorgegangenen Zwillingen in einem Haus ohne übertriebene Zurschaustellung seiner Tätigkeit und folgt damit dem Beispiel Jobs, der in seinem ewigen Turnschuh-und-Rollkragenpulli-Outfit regelrecht als Opposition zur Ästhetik seines Unternehmens auftritt. Zur Arbeit fährt Ive allerdings mit einem 250.000 Euro teuren Aston Martin DB7. Apples Designteam, das nur aus einem Dutzend Personen bestünde, hätte seine besten Ideen beim Pizza-Essen. Die Designer um Ive, unter anderem Danny Coster, Daniele De Iuliis (Italien) und Rico Zörkendörfer (Deutschland), wohnten größtenteils in San Francisco, wären allesamt in ihren Dreißigern und Vierzigern – manche davon schon seit über fünfzehn Jahren im Unternehmen, also länger als Ive. Man unternehme zahlreiche Ausflüge miteinander, verhalte sich kameradschaftlich, Egotrips gäbe es keine. Gut 10.000 Euro monatlich als Einstiegslohn wären die Hälfte mehr als die Konkurrenz zahlte, die privaten Büros seien klein, dafür aber bliebe man abgeschirmt vom restlichen Unternehmen und verfüge über ein enormes Soundsystem zur Unterhaltung.

Die bunten Anfangstage von iBook und iMac (man erinnere sich an die psychedelischen Farbexplosionen „Blue Dalmation“ und „Flower Power“) stammten von Danny Coster und nicht von Ive. In einem Spiegel-Interview reagierte Jonathan Ive denn auch amüsiert auf die damaligen iBook-Vergleiche mit Produkten aus dem Sanitärbereich. Ive sah bei Computern keinen zwingenden Zusammenhang von Funktion und Form, so wie dies etwa bei einer Tasse oder Flasche allgemein der Fall wäre. Seiner Definition zufolge wäre der Computer einmal „noch eine schlichte Schreibmaschine, dann wieder ein Faxgerät, ein Fernseher, dann ein Radio.“ Der Ansatz ist insofern beeindruckend, als dass es für Computer dann überhaupt kein angemessenes Design mehr gäbe, was der iPad 2010 schließlich bestätigen konnte. Am bemerkenswertesten jedoch Ives Erkenntnis: „Marktforschung ist meiner Meinung nach der Bankrott der Kreativität. Wenn man das tut, steht man am Ende da mit einem Design, das möglichst niemandem wehtut. Mit einer Konsenslösung ohne Innovation. Wenn wir den iMac von Zielgruppen hätten testen lassen – da bin ich mir sicher –, hätten wir ein Feedback bekommen, das uns nahe gelegt hätte, so etwas nie zu produzieren.“ Dem ist in einer Zeit von Meinungsumfragen, Markterforschungen und exzessivem Datensammeltrieb, gepaart mit immer weniger Ideen sowie mehr Einfallslosigkeit, kaum etwas hinzuzufügen.

Ive als Jobs-Nachfolger erscheint trotz aller Sympathiewerte außerordentlich unwahrscheinlich, ist er doch viel zu zurückhaltend, um ein derart dominantes Unternehmen wie Apple in all seinen Bereichen anzuführen. Apple in Zukunft ganz ohne Keynotes und medienbeherrschende Gallionsfigur? So erschien Ive vor sechs Jahren selbst zur Verleihung der renommierten D&AD-Auszeichnung (Design & Art Direction Award) in London nicht persönlich und überließ stattdessen Steve Jobs die Dankesrede.

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