Zum Todestag: Apple braucht keinen Steve Jobs (mehr)!

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Auf den Tag genau vor zwei Jahren verstarb mit Steve Jobs Apples wichtigste Galionsfigur und der Vordenker einer ganzen Ära. Kritiker sind sich sicher: Seit dem Tode des Visionärs fehlt es Apple an Innovation, der Untergang stehe bevor. Eine Fehleinschätzung.

Zum Todestag: Apple braucht keinen Steve Jobs (mehr)!

Der Mitbegründer und langjährige CEO Steve Jobs war kein typischer Manager, er galt als pedantischer und unorthodoxer Perfektionist. Das vollkommene Produkt stand für ihn stets im Fokus der unternehmerischen Bemühungen. Gewinnmaximierung und das Wohl der Aktienanleger interessierten nur am Rande. Für nicht wenige stand Steve Jobs auch deshalb maßgeblich für den neuerlichen Erfolg von Apple.

Ruf der Nörgler: Ein Königreich für einen Steve Jobs

Seit seinem Ableben häuft sich die Kritik am Führungsstil seines Nachfolgers Tim Cook. Er gilt vielen nur als zahlenfixierter Verwalter des vergänglichen Ruhms. Kurzum: Ein Langweiler im Chefsessel, ohne Vision, ohne Schmackes. Aber auch dem vermeintlichen und bisher unfehlbaren Kronprinzen Jony Ive –Chefdesigner von Jobs Gnaden – trifft aktuell harsche Kritik (Stichpunkt iOS 7). So verblieb keine Produktvorstellung der letzten zwei Jahre ohne der hypothetischen und rückwärtsgewandten Aussage: Wenn Steve das noch erlebt hätte!

Nicht nur vermeintliche Fanboys stimmen im Chor der Lästerer ein. Analysten fordern seit Langem die nächste Innovation vom Branchenprimus Apple, unterstellen den Mannen in Cupertino eine lähmende Lethargie. Larry Ellison – Oracle-Chef und alter Freund von Steve Jobs – bescheinigt dem Unternehmen keine rosige Zukunft. Ohne Steve ist der Verfall von Apple nur eine Frage der Zeit, der Zenit längst überschritten.

Die Quintessenz: Alles Scheiße (man verzeihe mir die leicht vulgäre, aber nicht minder treffende Umschreibung)!

Sie irren, die Kritiker. Die Verklärung des Steve Jobs zum alleinigen und unangreifbaren Heilsbringer von Apple fand schon zu Lebzeiten statt. Dass diese Idealisierung mit dem Tod ihre Fortsetzung findet, erscheint da nur logisch und ist dennoch grundlegend falsch. Eine nähere Betrachtung der einzelnen Kritikpunkte verschafft Aufklärung.

Mangelnde Innovationsfreude

Unstrittig ist, das letzte grundlegend neue Produkt war das iPad im Jahr 2010. Zuvor beglückte uns Steve Jobs mit dem iPhone (2007) und dem iPod (2001). Alle drei Neuerungen gelten zu recht als bahnbrechend und federführend in der Branche. Doch seit Steve das Zeitliche gesegnet hat, herrscht eine beunruhigende Stille im Hause Apple. Das „nächste große Ding“ lässt auf sich warten. Stattdessen gibt es nur Hausmannskost im Obstladen, eine rein evolutionäre Produktpflege bestimmt den Ton – Apples ominöser Fernseher, die iWatch...derzeit alles nur Hirngespinste.

Richtig ist: Eine unrealistische Erwartungshaltung ist ursächlich für diesen vermeintlichen Innovationsstillstand. Wie kein anderes Unternehmen zuvor vermochte es Apple in den letzten Jahren, die Branche anzutreiben – der Innovationszyklus beschleunigte sich. Bei der Vorstellung des iPods lag die Einführung des Mac (1984) und des Apple II (1977) schon Jahrzehnte zurück. Doch dem iPod folgte letztlich keine sechs Jahre später bereits das iPhone, drei Jahre darauf das iPad. Die Annahme, Apple würde nun jedes Jahr mit einer bedeutungsvollen Neuerung brillieren, entspricht da eher dem Wunschdenken, als dem der tatsächlichen Machbarkeit. Innovationen benötigen Zeit zur Reife, werden nicht erzwungen. Unterm Strich sind es Chancen, die es gilt, zur passenden Gelegenheit auszuspielen. Niemand wusste dies besser als Steve Jobs. Gönnen wir seinen Erben deshalb einen Augenblick der Einkehr.

Überhaupt: „Langweilige“ Produktpflege gab es auch bei Mr. Jobs. Der Zweijahresturnus des iPhones wurde unter ihm eingeführt (iPhone 3G / iPhone 3GS und iPhone 4 /iPhone 4s). Der Mac Pro (in seinem Grundansatz) verblieb seit 2005 nahezu unverändert im Programm. Den eigentlichen Nachfolger präsentierte erst Tim Cook in diesem Jahr. Die Liste ließe sich weiter fortführen. Evolution gehörte schon immer zum Apple-Credo, ist kein Resultat der Absenz des Firmengründers.

Die falschen Produkte

Die Steve-Gläubigen sind sich sicher: Ein iPad mini hätte es unter seiner Führung nicht gegeben. Ebenso wenig ein Plastik-Smartphone wie das iPhone 5c oder eine güldene Geschmacksverirrung wie das iPhone 5s. Wirklich? Zur Geschmacksverirrung: Es war Steve Jobs, der 2001 den iMac Blue Dalmatian und Flower Power vorstellte. Ein buntes und leicht goldenes iPhone erscheinen in diesem Hinblick noch dezent. Apropos: Frühere Aussagen (beispielsweise zu einem kleineren iPad) des Apple-Chefs sind irrelevant und nicht in Stein gemeißelt. Mehrmals korrigierte er seine Annahmen in der Vergangenheit. Steve wusste: Flexibilität zahlt sich aus, Dogmen sind fehl am Platz.

iOS 7: Richtungswechsel

Mit iOS 7 betritt Apple echtes Neuland. Das mobile Betriebssystem wurde grundlegend im Erscheinungsbild geändert – Jony Ive durfte sich „ausprobieren“, der einst von Steve geliebte Weg des Skeuomorphismus verlassen. Auch hier sind sich die Kritiker einig: Steve Jobs hätte dies nicht zugelassen. Gut möglich, aber letztlich vollkommen belanglos.

Mit iOS 7 holt Apple zum Befreiungsschlag aus. Emanzipiert sich von mutmaßlichen Konventionen des Übervaters Jobs. Der erteilte einst auf dem Sterbebett noch den Rat, man solle sich nicht fragen, was er tun würde. Tut lieber das was richtig ist! Es klingt kurios: Durch offensive Abkehr von einstigen, als unstrittig geltenden Geschmacksvorlieben entspricht man am ehesten dem Geiste Steve Jobs – gut so.

Am Ende: Der Geist ist wichtiger als die Person

Festzuhalten ist: Apple ist auch heute nicht dem Untergang geweiht, auch nicht in naher Zukunft. Die aktuelle und andauernde Diskussion ruft in mir ein müdes Lächeln hervor. Ein Blick zurück: Echte Probleme hatte der Hersteller Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals hatte man weder eine große Kundenschar, noch Geld, geschweige denn eine greifbare Zukunft. Gegenwärtig erfreut sich Apple hingegen an der größten Kundenbasis in der Firmengeschichte, einem funktionierenden Ökosystem und jede Menge Barreserven.

Das größte Kapital ist jedoch das Team, das Steve Jobs formte und Apple hinterließ. Es ist sein wahres Vermächtnis und Garant für zukünftige Erfolge. Ein Luxus, den der Hersteller 1985, bei Steves „erstem Verlassen“ der Firma, nicht hatte.

Ergo: Lieber Steve, deine Dienste als Messias sind diesmal nicht vonnöten. Mach’s gut und danke für den Fisch!

One more thing...

Anlässlich des heutigen Tages kramen wir nochmals das kleine Meisterwerk der kinetischen Typografie „Thoughts on life – Gedanken über das Leben“ heraus. Bereits im Februar dieses Jahres verzückte das Video unsere Leser. Interessant hierzu die Hintergrundgeschichte des Urhebers: Videokünstler Paul Maccarone absolvierte im Herbst 2011 ein Praktikum im Film- und Videoteam bei Apple. Das Schicksal wollte es wohl, dass schlussendlich seine Idee der Textanimation für Apples KondolenzseiteRemembering Steve.“ gewählt wurde. Great job Paul!

Zum Thema:

Bildquellen: Apple und notes to Steve Jobs on the glass..., to be like steve jobs..., shrine to steve jobs..., next bing thing... und Light shining from a broken egg shell on a field von shutterstock

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