Vitra Eames Plastic Side Chair: Ein Stuhl wie ein Turm

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Kaum eine der Arbeiten von Charles und Ray Eames kann heute noch als wirklich preisgünstig definiert werden. Die beiden offiziellen Hersteller Herman Miller und Vitra setzen die finanzielle Hürde zum Einstieg in die Eames-Welt recht hoch an. Eine Ausnahme sind die seit 1950 hergestellten Plastic Side Chairs.

In einem vor 26 Jahren geführten Newsweek-Interview antwortete Steve Jobs auf die Frage, was er denn nun als dreißig Jahre alter Familienvater und Besitzer eines Anwesens tun werde, dass er sich ein paar Eames-Sessel gekauft habe, damit er nicht mehr auf dem Boden lesen müsse ... Und in der Tat, die Arbeiten der Eames sind trotz hoher Preise und meist auch langer Lieferzeiten aus unserem designorientierten Leben nicht mehr wegzudenken.

Es gibt Unmengen von Plastikstühlen, die wenigsten davon aber haben kaum mehr als nur den zweifelhaften Charme des Wegwerfprodukts. Fundamental anders ist da der erste industriell gefertigte Stuhl aus Kunstoff überhaupt, der Plastic Chair von Charles und Ray Eames, den es in zahlreichen Varianten gibt: mit (Plastic Arm Chair) und ohne Armlehnen (Plastic Side Chair), reih- und stapelbar (Stacking Chair), mit stoffüberzogener Sitzfläche, mit Holzgestell, als Schaukel- oder Bürostuhl, mit einem kompliziert anmutenden Gestell namens „Eiffel Tower Base“ oder mit stoffüberzogener Sitzfläche (Hopsack Pad).

Auch eine Produktionspause hatte der vielfältige Stuhl von 1993-99 in Europa zu erleiden. So war der vom US-Hersteller Herman Miller (für den europäischen Markt ist der Hersteller die schweizerische Firma Vitra) verwendete faserverstärkte Kunststoff namens Zenaloy von Zenith Plastics fertigungstechnisch zu teuer und umweltschädigend, um noch guten Gewissens eingesetzt zu werden. Die Suche nach einer Alternative ergab schließlich Polypropylen als Ersatzmaterial, so dass der Stuhl nun zu niedrigeren Preisen als zuvor wieder im Handel zu finden ist. Sammler bevorzugen zwar die alte Variante, die jedoch nur selten in noch gutem Zustand verfügbar ist. Über den Produktionsprozess der Zenaloy-Version gibt es verschiedene Dokumentationen, auch eine von Charles Eames selbst.

Die Version mit Eiffelturmbasis ist in weiß, schwarz oder rot schon für 208,25 Euro* erhältlich.

Charles und Ray Eames
Wer schon einmal von Charles Eames (1907-1978) gehört hat, der weiß, dass dies der vermutlich größte US-amerikanische Designer des 20. Jahrhunderts war. Auch wenn er zeitlebens enge Bande vorwiegend zu IBM aufrechterhielt, ist die Vorstellung doch nicht ganz fehl am Platz, dass Eames in vielerlei Hinsicht ideale Ergänzung zum erst kurz vor seinem Tod gegründeten Computer-Hersteller in Cupertino hätte sein können. Eames war nämlich ebenso technikaffin wie Sammler aller Arten skurrilen Spielzeugs, konnte formfunktionale Häuser in Vollendung entwerfen, bis ins kleinste Detail internationale Ausstellungen und Messen konzipieren, einem Materialforscher ähnlich Möbel aus den unterschiedlichsten Komponenten konstruieren, in Vorträgen komplexe Sachverhalte unterhaltsam wie bildhaft erklären und gilt nicht zuletzt als überragender multimedialer Chronist einer sehr technologisch geprägten und fast ausnahmslos zukunftsgläubigen Nachkriegszeit. Charles Eames war mehr noch als Steve Jobs Perfektionist und schuf zusammen mit einem Team Kreativer und vor allem seiner zweiten Ehefrau Ray (1912-1988), ihres Zeichens eine moderne Künstlerin, zahlreiche faszinierende Produkte und eine Fülle beeindruckender Fotoserien und Dokumentarfilme, die durch die Bank unnachahmlich aufzeigen, was alles schon möglich war, bevor Computer sich manipulierend in Filmgeschehen und -herstellung einmischen konnten, um das Medium später schließlich ganz zu dominieren. Man stelle sich Eames Übermaß an Schaffenskraft einmal im Zusammenspiel mit den heutigen technischen Möglichkeiten allein von Apple und Pixar vor! Charles Eames experimentierte ab den vierziger Jahren mit immer neuen Materialien, anfangs mit geformtem Schichtholz, später mit glasfaserverstärkten Kunstharzpressungen, um dann schließlich bei ausgeklügelten Aluminium-Konstruktionen, bespannt mit Stoff oder Leder anzukommen. Wenig verwunderlich dabei, dass die heute existieren- den Nachbauten seines Werkes nur selten billiger sind als die in Lizenz von Herman Miller (USA) und Vitra (Europa) immer noch hergestellten Originale, so komplex und ausgeklügelt waren die Konstruktionen größtenteils. Über die Jahre verloren gegangen sind leider die Anstrengungen Eames, modernes Design und ausgefallene Werkstoffe mit einem niedrigen Preis in Einklang zu bringen. So kostet „La Chaise“ (doppeldeutig benannt nach einer Skulptur von Gaston Lachaise), 1948 Eames Beitrag zur „International Competition for Low-Cost Furniture Design“ des New Yorker Museum of Modern Art heute weit mehr als die damals veranschlagten 27 US-Dollar Produktionskosten, als „The authorized original Vitra“ im Jahr 2011 nämlich mehr als das zweihundertfache ...

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